Landauer, Gustav - Der Todesprediger

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GUSTAV LANDAUER

DER TODESPREDIGER

ROMAN Veröffentlicht bei: http://www.sozialistische-klassiker.org 􀀀_________ ____ 􀀀_________________________ ____________________________ ____________________________ ____________________________ ______ ______________________ ! ____________________________ "$#_______%&___

Einleitung


Die Geschichte, die ich erzählen will, ereignete sich in jener im großen und ganzen glücklichen Zeit, da sich die Planeten um die Sonne drehten ohne zu fragen warum, und die Sonne ganz gedankenlos, ohne sich nach dem Spiegel zu sehnen, ihre leuchtenden Strahlenbündel von sich schleuderte. Die Epoche, wo das Weltall begann, über sich selbst und seine Bestimmung zu philosophieren, war noch nicht angebrochen, der Weltschmerz in des Wortes eigentlicher Bedeutung, das wehvolle Stöhnen des großen Kosmos, das seiner Auflösung ins absolute Nichts vorherging, war noch nicht eingetreten. Jedoch war das Allgemeinbefinden der einzelnen Weltkörper schon wesentlich differenziert, und auf einem derselben, auf der Erde, zeigten sich für den feinen Beobachter bedrohliche Symptome. Das ganze Erdenrund war allmählich von einem grünlichen Schimmel überzogen worden, der sich bemühte, zugleich ein Spiegel und eine schlechte Kopie des Weltungeheuers zu sein. Jeder, auch der kleinste Teil dieses gewaltigen Riesen ging gedankenlos seine eigenen Wege und kümmerte sich nicht im mindesten um andere. In dieser überlegungslosen Selbständigkeit bestand das Weltglück. Auf dieser schimmligen Erdrinde aber entstanden kümmerliche Wesen, die für sich nichts waren und sich darum aneinander anlehnen und einander befehden mußten, und es erwuchsen allmählich Arten statt Individuen, Gesellschaften statt Personen. Ein krankhafter Keim steckte in jedem kleinsten Teilchen dieser Erdoberfläche, es war das Bewusstsein oder doch die Anlage dazu. Welche Art am meisten von diesem Gift in sich trug, die errang die Herrschaft über die übrigen, die war aber auch zugleich am nächsten dem Zustand der Selbstvernichtung, der aus dem Selbstbewusstsein hervorging auf dem Wege über die Selbstverachtung und den Selbstschmerz. Diese Rolle war schon seit geraumer Zeit dem Geschlechte der Menschen zugefallen. Es ist die Aufgabe der Geschichte dieser merkwürdigen Tiergattung, zu zeigen, wie gerade sie besonders dazu befähigt war und auf welchem Wege sie sich dem angegebenen Ziele näherte. Ich darf das wohl als bekannt voraussehen und bitte sich rasch an diese ganze Entwicklungsgeschichte des Menschengeschlechtes rückzuerinnern bis zu dem Punkte, wo das Bewusstsein schon den Grad erreicht und überschritten hatte, wo der Selbstekel und der Selbstschmerz, den der Mensch in Überhebung vielleicht, vielleicht aber auch in zukunftsbanger Ahnung eine Zeitlang Weltschmerz nannte, begann. Die langsame Entwicklung und das stetig sich verändernde Fortschreiten und Umsichgreifen dieses Eigenwehs dauerte, oft unterbrochen und scheinbar verschwunden, schon mehrere Jahrhunderte an, das Christentum und dann die Reformation und dann der Rationalismus und die Revolution waren gewaltige Heilversuche, die aber notwendig fehlschlugen. Dann kam eine kurze Periode dumpfer Resignation und verzweiflungsvollen Schmerzes, die Zeit des Romantismus, ironische und zerrissene, aber durchweg halbe Männer waren die führenden Geister, und in zweiter und dritter Reihe tauchten auf die feinsinnigen, frauenhaften Gestalten, mit der melancholischen Ruhe und den zarten, aristokratischen, durchgeistigten Händen, schmiegsame Leute ohne Rückgrat, deren Wille gebrochen war. Dann aber kam herauf der ewig denkwürdige Versuch der Vernunft, sich kalten Blutes auf sich selbst zu besinnen, die entsetzte Rückschau auf die Entwicklung der Vergangenheit und das gegenwärtige Treiben, die Auflösung und Abschüttelung alles überlieferten Herkommens, der Strich unter die ganze Rechnung der menschlichen Geschichte, und das Wagnis, nach all den Erfahrungen den Staub der Vorzeit von den Händen zu waschen und das Leben der Menschheit von vorn auf vorsichtig geprüftem Grund zu beginnen. In diese Jahre, in denen Abgelebtes und Vorzeitiges, Unreifes und Faules, Abgespanntes und Vorwärtsstürmendes nebeneinander wohnte, fiel das Leben des Menschen, von dem ich im folgenden erzählen will. Erster Abschnitt Er war der zweite Sohn des Schuhmachers Adam Starkblom und dessen Ehefrau Elisabeth und hatte die Namen Max Emanuel Karl Wilhelm erhalten; man nannte ihn Karl. Geschwister hatte er sieben: zwei Schwestern, Elise und Kathrine, und fünf Brüder: Adam, Justus, Lebrecht, Friedrich und Johannes. Sein Vater hatte anfangs viel zu tun gehabt und die Familie gut erhalten können, war aber später durch sein phlegmatisches und beschauliches Temperament allmählich heruntergekommen und hatte sich, obwohl er früher äußerst nüchtern und zurückhaltend gewesen, nachdem er schon die Grenze des Mannesalters überschritten, dem Trunk ergeben. Er starb am Herzschlag, 64 Jahre alt. Dieser Lebensführung des Vaters entsprechend war die Erziehung der Kinder ausgefallen: Adam hatte seiner Neigung gemäß in ein großes Handelshaus in Hamburg in die Lehre treten dürfen und brachte es dazu, ein vermögender Plantagenbesitzer in Haiti zu werden, Karl durfte studieren, Elise besuchte die höhere Mädchenschule und heiratete, neunzehn Jahre alt, einen vermögenden Schlossermeister, Justus war beim Vater in die Lehre gegangen und besaß nunmehr eine kleine Schuhfabrik in Pirmasens, Leberecht war Branntweinbrenner, Friedrich Unteroffizier, Johannes war gänzlich verbummelt und schließlich vom ältesten Bruder mit nach Haiti genommen worden, von wo er aber bald auf einem englischen Kauffahrteischiff durchbrannte, seine Spur war verschwunden und er blieb verschollen; Kathrine endlich, die jüngste, war auf ein Operettentheater gegangen, wurde dann die Geliebte eines reichen Offiziers und endlich Straßendirne. Die Mutter war diesem letzten Wochenbett erlegen; kein Wunder, dass das hinterlassene Kind im Hause des blöden, trunksüchtigen Vaters nicht die beste Erziehung erhielt. Karl hatte schon im Elternhause eine besondere Stellung eingenommen; er beteiligte sich nur ungern an den lärmenden Spielen der Brüder und Kameraden und ging am liebsten allein seiner Wege. Er war ein verschlossenes, träumerisches Kind, das nicht verstand, aus sich herauszugehen. In seinem neunten Jahre etwa fing er an viel zu lesen, alles was er im Vaterhause fand, aber wenn ihm etwas gefiel, las er es immer und immer wieder, so dass er große Stellen der Romane, die ihm in die Hände kamen, auswendig wusste. Von seinem fünfzehnten Jahre an hörte er mit einem Male fast gänzlich auf mit dieser Art Lektüre und las nur noch wenig und planmäßig: die Klassiker, Bücher literarhistorischen, religiösen und philosophischen Inhalts. Was er nicht verstand, legte er ruhig beiseite, was ihn ergriff, lernte er durch häufiges Lesen auswendig. Er schloss sich gern an die Schwester Elise und deren Freundinnen an und war bald unter seinen Brüdern und Mitschülern, die den blassen Sonderling nicht leiden mochten, als „Mädlesschmecker" verspottet. Bei Tisch, und wenn er sonst mit Eltern und Geschwistern zusammen war, war er still und in sich gekehrt, beteiligte sich aber gern, wenn ihn ein Thema interessierte, am Gespräch der Alten und konnte da schon früh hitzig und vorlaut werden; er war darum verschrien als altkluges, frühreifes Kind. In der Schule war er immer unter den Ersten, da er sehr schnell auffasste und ein gutes Gedächtnis hatte, doch arbeitete er wenig. Seine Lehrer konnten ihn nicht leiden, einigen war er verhaßt. Er meldete sich selten, wenn etwas gefragt wurde, wusste aber fast stets Bescheid und antwortete kurz und klar. Nur manchmal hatte er vor sich hingeträumt und stand dann ruhig und blass da, ohne den Mund zu öffnen. In seltenen Fällen ward er lebhaft, meldete sich, trug warm, ja manchmal feurig vor, was er wusste, oder meinte; ja einige Male hatte er es gewagt, dem Lehrer zu widersprechen. Noch bevor er sechzehn Jahre alt war, stand es ihm völlig fest, dass er Philosophie studieren und das Rätsel der Welt ergründen wolle. Am Ende des vorletzten Schuljahres jedoch schon kam er allmählich davon ab. Sein kluges Auge sah, wie rasch der Vater herunterkam, und es leuchtete ihm ein, dass er einen praktischen Beruf ergreifen müsse. So antwortete er von da ab ruhig auf alle Fragen, was er studieren wolle: Jurisprudenz, und dabei blieb er. Sowie er sich dazu entschlossen hatte, sah er kein philosophisches Buch mehr an, beschäftigte sich eifriger als früher mit den Schulaufgaben und suchte auch jetzt schon für Fragen des täglichen Lebens Verständnis und Interesse zu gewinnen. Er machte ein gutes Abgangsexamen und bezog, etwas über achtzehn Jahre alt, die Universität. Freundschaft hatte er erst in seinen letzten Schuljahren, als seine Neigung zur Philosophie hervortrat, kannengelernt. Vorher hatte er kein Bedürfnis nach Umgang gehabt. Jetzt drängte es ihn, Meinungen, die ihn originell und sogar tief dünkten, teilnehmenden Freunden vorzutragen und im Gespräch auszuspinnen. Es fand sich so eine Anzahl hochstrebender junger Menschen zusammen, von denen indes, wie es häufig zu gehen pflegt, die meisten in der Schule nicht recht mitkamen. Anfangs bildete sich eine förmliche philosophische Gesellschaft, in der aber auch dem Bedürfnis der Jugend zu dichten und das Geschaffene mitzuteilen und loben zu lassen Genüge geschah; sie organisierten sich als Verein und gaben sich eigene Statuten. Später indessen zog sich Karl, der schon von früh an mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit eine alte Haut, die ihm nicht mehr anstand, abwarf, ganz davon zurück und verkehrte nur noch mit dreien der Genossen, intim nur mit einem, und selbst diesem vertraute er seine geheimsten und kühnsten Gedanken und Pläne nicht an. Anfangs schrieb er seine Ideen tagebuchartig nieder, einiges wenige arbeitete er in größerem Umfang aus; auch das gab er auf, sowie er einsah, dass seine Meinungen sich zu rasch änderten, dass er noch keinen festen Standpunkt gewinnen könne; von da an verfolgte er kaltblütig und mit einer gewissen eigenen Neugierde die Vorgänge in seinem Hirn und hielt meist auf seine neuen Gedanken nicht besonders viel, weil er wusste, wie schnell die alten sich bisher immer verflüchtigt hatten. Nachdem er sich entschlossen hatte, Jurist zu werden, zog er sich von den wenigen Freunden, denen er geblieben war, mehr und mehr zurück; einmal wollte er nicht in Versuchung geraten, sich allzu tief mit der Weltweisheit einzulassen, dann auch wollte er es nicht mitansehen, wie sich auch in ihnen die Wendung zur praktischen Tätigkeit und zum bürgerlichen Beruf vollzog. Wenn zwei dasselbe tun, ist's nicht dasselbe, dachte er; was er, soweit es ihn betraf, heroisch nannte, kam ihm bei allen andern verächtlich vor. Er wurde ein fleißiger Student, der fast nur mit Fachgenossen, die er im Kolleg kannengelernt, verkehrte und sich von den geselligen Vergnügungen geflissentlich zurückhielt. Erst hier, in den praktischen Übungen an der Universität und in den Gesprächen mit den Bekannten am Biertisch und auf der Bude, ward es ihm zur unumstößlichen Gewissheit. dass er mehr sei als der Durchschnitt seiner Umgebung. Er dachte klarer, beurteilte alles von höherer Warte, fasste Zusammengehöriges aus entfernten Gebieten zusammen und konnte seiner Ansicht geläufig und elegant Ausdruck geben. Jedoch beschäftigte er sich auch jetzt fast ausschließlich mit seinem Fach, besonders allerdings mit theoretischen Problemen, interessierte sich aber mehr als gewöhnlich üblich schon Jetzt für Detailfragen. Bei dieser intensiven Betätigung in der trockenen Wissenschaft aber fuhr es ihm mehr als einmal durch den Kopf: „Wartet nur! ich bin noch der Alte! Noch ist nicht aller Tage Abend! Wohl treibt mein Bewusstsein jetzt keine Weltweisheit und kümmert sich um nichts als Jurisprudenz; unter der Schwelle aber arbeitet es weiter, mir selber nicht bewusst; und finge ich jetzt an zu philosophieren, meine alten phantastischen Unerfahrenheiten wären verschwunden und neue Gedanken kämen mir angeschwommen, ohne dass ich wüsste, woher. Wartet nur! Er ist noch nicht tot, der Prediger in der Wüste! Und wenn er auch spät wieder erwacht, er kommt zu seiner Zeit!" Dann vertrieb er diese Ahnungen wieder, beugte sich über seine dicken Bücher und ochste bis tief in die Nacht. Im letzten Jahre jedoch seiner Studienzeit, wo andere Studenten gerade anfingen, ernstlich zu arbeiten, klappte er seine Bücher zu und machte eine Pause. Er hatte das Gefühl, nun sei ein Abschnitt erreicht, und fürs Examen wisse er jetzt schon völlig genug. Für kurze Zeit erwachte in ihm ein neuer Mensch: er ward gesellig, heiter, harmlos, lebensfroh und lernte auf einmal das Plaudern. Er nahm jetzt Tanzunterricht, verliebte sich dabei in ein hübsches Mädchen und verlobte sich heimlich mit ihr. Indessen hörte diese Weltläufigkeit bald wieder auf; er wurde wieder der alte stille geruhsame Mensch, der sich in Gesellschaft nicht wohl fühlte, nur Ernstes zu reden verstand, alles von seiner tiefer Seite nahm und den Plauderton wieder gänzlich verlernte. Dann kam das Examen, das er glänzend bestand. Nunmehr diente er sein Jahr ab, beim Infanterieregiment seiner Vaterstadt. Jetzt untersagte er sich jede geistige Tätigkeit; er war nur Soldat; im Innern mürrisch und kalt, äußerlich streng diszipliniert. Dann ward er wieder mit allen Kräften Jurist, es kam die Praktikantenzeit und dann das zweite Examen und das allmähliche Emporklimmen an der Leiter der Beförderungen. Schon als Student war er entschlossen gewesen im Staatsdienst zu bleiben und Richter zu werden. Als er 36 Jahre alt war, konnte er es nach sechzehnjähriger treuer Brautschaft wagen, sein Lorchen zu heiraten und einen Hausstand zu gründen. Es ging immer noch knapp genug her beim Herrn Amtsrichter, und es hätte auch jetzt noch nicht reichen können, hätte er es nicht endlich über sich gebracht, eine nicht ganz unbedeutende Summe von dem Bruder Adam, dem es damals in Haiti schon recht gut ging, nach öfterem Anbieten von seiten des treuen Menschen, leihweise anzunehmen. Die Ehe schien eine äußerst glückliche werden zu sollen; war Karl ruhig und ernst, so war Lorchen ruhig und heiter; sie hatte einen ungemeinen Respekt vor dem Geiste ihres Mannes und war doch fähig und willig, ihn zu verstehen und mit ihm zu reden über das, womit er sich beschäftigte. Das war freilich auch jetzt fast nur die Rechtspflege, und nunmehr meist Fälle aus der Praxis, deren Konsequenzen er zu ziehen pflegte. Mit anderen Dingen gab er sich nicht viel ab; ein wenig interessierte er sich für Kunst und Theater, selbst mit Politik sich ernsthaft zu beschäftigen, hatte er noch nicht die Zeit gefunden. „Wartet nur! jetzt bin ich ein alter Mann! Aber ich werde noch einmal jung!" So pflegte er auch jetzt wieder zu sagen. Bald aber begann das Unglück und ließ mit zäher Beharrlichkeit nicht nach, bis es das Äußerste erreicht hatte: das erste Kind, ein Mädchen, starb, nachdem es zwei Tage kümmerlich gelebt hatte; das zweite, wieder ein Mädchen, starb nach drei Monaten an der Lungenentzündung; und das dritte Wochenbett bettete Mutter und Kind, diesmal wäre es ein Knabe gewesen, in den Tod. Nach fünfjähriger Ehe stand Karl Starkblom wieder allein auf der Welt. Äußerlich blieb er ruhig wie er war. Aber bei Tag und Nacht ließ ihm die Frage keine Ruhe mehr: „Wozu nun noch arbeiten? Wofür jetzt noch leben? Warum jetzt noch dein eigentliches wahres Geisterleben unterdrücken? Jetzt wäre es Zeit, höchste Zeit!" Als wollte das Geschick durchaus keinen Zweifel aufkommen lassen, wo hinaus es wolle, fügte es nach Verlauf von dreiviertel Jahren einen weiteren Todesfall hinzu: der Bruder Adam in Haiti starb plötzlich am Fieber; sein gesamtes bedeutendes Vermögen hatte er dem geliebten Bruder Karl testamentarisch vermacht. * Als Starkblom in den Besitz dieses Vermögens kam, war er gerade zweiundvierzig Jahre alt. Seit knapp drei Jahren war er Landgerichtsrat. Nunmehr sagte ihm sein kleines Seelenteufelchen: „Halt Mann! Umspannen!" Er kam um Urlaub ein und zog sich in ein freundliches Städtchen am Fuße des Schwarzwaldes zurück. Kurze Zeit darauf nahm er nach reiflichem Überlegen seinen Abschied. Seine Kollegen machten hinter seinem Rücken bitter höhnische Bemerkungen über den unerhört frühen Rückzug Starkbloms; jetzt war er erkannt. Bisher freilich hatten ihn alle, die er überflügelt hatte oder zu überholen drohte, für einen ehrsüchtigen Streber erklärt; das hinderte aber durchaus nicht, nun zu behaupten, das sehe ihm völlig ähnlich, das sei von ihm zu vermuten gewesen: er sei eben ein ganz pflichtvergessener Mensch, dem es nur um möglichst schnellen Gelderwerb zu tun gewesen, und vermutlich sei er im geheimen ein roher Genussmensch; die große Erbschaft sei ihm recht zupass gekommen. Jetzt konnte er seinen Vergnügungen nachgehen, ohne mehr arbeiten zu müssen. Nun zeigte der hochnäsige Herr seinen wahren Charakter; aristokratisch hatte er immer getan, aber seine gemeine Herkunft konnte er nicht verleugnen. Was hätten diese Herren für dumme Gesichter gemacht, wenn er ihnen seine wahren Gründe anvertraut hätte: dass er einen anderen Beruf in sich fühle, als zeitlebens Richter zu sein, dass er seinen Geist und die Bestrebungen seiner frühen Jugend jetzt voll und ganz auszuleben gedenke. Sich selber ausleben — das war sein Ehrgeiz, an seine Jugend wollte er wieder anknüpfen. Was aber war er denn selbst? Was steckte eigentlich in ihm? Was war noch übrig von den Idealen seiner Jugend? Was konnte er der Menschheit bringen? Er schaute tief in seine eigene Seele und fand, dass trotz aller äußeren Ruhe der Kern seines Wesens Trauer und Weh geworden war. Und er merkte mit einem Male, dass Jammer und Schmerz die ganze Menschheit und die ganze Welt durchzog. Als er aus der Unschuld des Kindes langsam zum Manne erwachte, war er rascher als wohl sonst die Regel, über die verzweiflungsvolle Zeit des Aufblühens der Sinnenwelt hinweggekommen; äußere Umstände waren schuld daran. Jetzt, da er ein reifer Mann war und alle Schmerzen und Wonnen, die der Mensch durchmachen kann, erprobt und gekostet hatte, stürmte eigenes Weh, philosophische Verzweiflung und soziales Elend mit voller Wucht und gleichzeitig auf ihn ein. Es schien ihm, als habe er mehr als zwanzig Jahre geschlafen und dummes unverständiges Zeug geträumt, als er jetzt wieder ernstlich begann, über Menschengeist und Weltzweck nachzudenken und in der Welt umherzublicken. Es fuhren ihm jetzt Gedanken durch den Kopf, er lebte jetzt in ganz eigentümlichen Stimmungen, wie er sie nie gehabt seit langer Zeit, und doch war es ihm, als habe er das alles genau so, selbst unter denselben kleinen äußerlichen Umständen, schon einmal gedacht und empfunden, vor langer, unendlicher Zeit, vor mehr als tausend Jahren wohl. Dann kam es ihm, er solle wohl seine alten Tagebücher und Aufzeichnungen aus der Knabenzeit wieder vorsuchen, und er las eifrig darin. Gar manches verstand er nicht mehr, vieles missverstand er und legte ihm einen ganz anderen Sinn unter, als er damals gewollt; einiges aber fand er schon fast genau in derselben Art gedacht und ausgesprochen, wie es ihm jetzt als neue Wahrheit aufgegangen. Ihm grauste vor sich selber; der Student und der Richter, wie hatte der denn nur je sein können? Wie hatte er daran sein Genügen finden können? Und eine stille Freude überkam ihn, dass er wieder jung geworden war. „Der Menschheit will ich meine Dienste weihen; ein neues Wort will ich sprechen, das noch keiner gesprochen hat." So hatte er als Sechzehnjähriger geschrieben, und so wollte er jetzt wieder. Die Kraft fühlte er in sich. Er war mehr als die anderen, er wusste es sicher; noch keinen hatte er getroffen, der ihm gleichkam. Er beabsichtigte vorerst in dem kleinen sonnigen Städtchen, wo er gegenwärtig weilte, zu bleiben. Die Einsamkeit sollte ihm wohl tun. In sich selbst wollte er sich versenken, auf sich selbst sich besinnen. In die Natur wollte er sich wieder einleben und sich verjüngen im frischen Waldesgrün; seine poetische Phantasietätigkeit, die er zu so langer Ruhe verurteilt hatte, erwachte jetzt wieder aus ihrem dumpfen Schlafe. Dem Vogelsang wollte er lauschen und das Sonnenlicht einsaugen. Eines Morgens ging er bei heiterkühlem Frühlingswetter den Fluss entlang zur Stadt hinaus, talaufwärts. Er liebte diesen Weg besonders. Zur Seite hatte er Anhöhen und vor sich Berge von immer neuer Gestalt und Färbung, da die Straße in langsamer Krümmung das Gebirge vermied. Rechts war der Fluss, jenseits saftige Wiesen und weiter entfernt wieder Berge, die mit dunklen Tannenwaldungen bestanden waren. Blickte er sich um, so sah er die Stadt mit ihren hohen Schlöten hinter sich liegen; die abgebrochenen Schläge des Kupferhammers vor der Stadt, an dem er vorhin vorbeigegangen, drangen leiser und leiser zu ihm. Sein Sinn war fröhlich und unternehmend, seine Gedanken abgerissen und hüpfend, er träumte mehr als er dachte. Am frühen Morgen war ein starkes Gewitter niedergegangen, das erste des Sommers. Noch immer schoben die abziehenden Wolken an der Sonne vorbei und verdunkelten kurze Zeit das Tal. Doch bald wieder schwanden die Schatten und er schritt fröhlich vorwärts. Nachdem er eine schwache Stunde gegangen war, sah er etwa in der Mitte des Berges, der hinter der Krümmung des Flusses gerade vor ihm emporstieg, auf einem Vorsprung ein weiß schimmerndes, schlossartiges kleines Haus liegen. Es grüßte ihm freundlich entgegen mit seinem weißen Verputz, seinen hell blinkenden Fenstern, seinem roten Ziegeldach und dem kleinen mit Schiefer gedeckten Türmchen an der linken Seite. „Da wäre gut wohnen," dachte er. Er ging noch etwa eine Stunde, dann kehrte er auf einem anderen Wege, der über die Anhöhen führte, zurück. Mittags beim Essen erzählte er seinem Nachbar, dem Stadtbaumeister, von seinem Ausflug und von dem Schlösschen, das ihm so sehr gefallen hatte. Der sagte ihm, das weiße Haus, so nannte man es, stünde schon seit einem halben Jahre leer, da der Besitzer nach Wien gezogen sei. Liebhaber sei keiner da, da es für die Fabrikanten der Stadt und die paar andern, die noch etwa in Betracht kommen könnten, zu entlegen war. Und Fremde besuchten ja bekanntlich trotz der reizenden Umgebung die Stadt kaum, die als Fabriknest verschrien war. Starkblom war rasch entschlossen. Noch am selben Mittag besuchte er den Rechtsanwalt, der die Angelegenheit für den Weggezogenen in Händen hatte, und nach Verlauf von wenigen Tagen war das Geschäft abgeschlossen. Starkblom war im Besitz des weißen Hauses und die nächsten Wochen schon verwandte er darauf, seine Möbel kommen zu lassen und einige neue zu kaufen. Einen Teil der Zimmer richtete er nicht ein, weil er Raum für eine Bibliothek lassen wollte. Eine Sammlung erlesener Bilder schwebte ihm für die spätere Zukunft vor. Eine ältere Frau, die er gedungen, sollte ihm kochen und Wirtschaft führen. Am l. Juli bezog der neue Schlossherr das weiße Haus und er erschrak gleich nach den ersten Tagen, sowie er sich angewöhnt hatte, über die erbärmliche Beschäftigung mit nichtigem Tand, der er sich in den letzten Wochen hingegeben hatte. Das wurde von jetzt ab anders. Nur Großes und Tiefes sollte ihm zuschwimmen mit den klaren Wellen des Flusses, der am Fuße „seines Berges" langsam und ruhig dahinfloss. Er bestellte in der Hauptstadt eine große Zahl Bücher, in die er sich in den nächsten Wochen vertiefte. Er merkte bald, als er sich mit Liebe seinem Studium und seinem Sinnen hingab, dass es besser sei Bücher zu haben als eine Bibliothek und noch besser Gedanken als Bücher und noch besser Erleben als Denken. An Gedanken mangelte es ihm nicht, und was das Erleben anging, nun — er hatte ein ganzes reiches Leben hinter sich und gern vertiefte er sich in seinen Erinnerungen darein als in etwas völlig Abgeschlossenes. Er gedachte seines Vaters, dessen Lebensende sich so jammervoll gestaltet hatte; gar wohl aber erinnerte er sich noch an seine frühere bessere Zeit, wie er als gedankenvoll auf seinem Schusterstühlchen saß und mit seinem beschränkten Geiste über tiefe Probleme seine Weisheit zum besten gab, eine mürrische, unzufriedene Weisheit, die die Farbe der grauschwarzen Wichse an sich hatte, mit der er seine Stiefel schmierte. ... Dann die Mutter ... an die war nicht viel zu erinnern. Das war eine arbeitsame Frau, die ihr Bündel Not und Kummer mit Ergebung trug, nachts und tags über mit Raunzen und Brummen und Schelten. Sie hatte nie viel Zeit für ihre Kinder übrig gehabt und für den früh einsamen Karl erst recht nicht. Die rechte Liebe zur Mutter hatte er nie kannengelernt und bemühte sich auch jetzt nicht, sie zu erwecken. Die große zärtliche Liebe zum Vater war ihm geblieben und seiner gedachte er stets mit Wehmut. Glaubte er doch jetzt, wo er über alles grübelte und sein eigenes Wesen nach allen Richtungen zu zerfasern und aufzudecken suchte, viel von seinem nachdenklichen Geiste und seinem ruhigen Äußern geerbt zu haben, abgesehen von den kleinen Zügen in Gang und Haltung. Die Brüder, die noch in Deutschland wohnten, zum Teil ganz in der Nähe seines neuen Wohnortes, waren ihm aus dem Gesicht entschwunden, und er nahm kein Interesse an ihrem Leben. Oft gedachte er mehr mit freudiger Dankbarkeit als mit Schmerz des verstorbenen Adam, dessen Testament der letzte Anstoß gewesen war zur neuen Blüte seines inneren Menschen. Er war ein urtüchtiger Mensch gewesen von mächtigem Körper, umfassendem Blick für sein Geschäft und großer Energie; dabei soweit es anging voll Interesse für geistige Dinge. Aber eigentümlich — so oft seine Gedanken sich Haiti zuwandten, immer war es der schwach umrissene Schatten eines Menschen, den er sich bemühte vor sich zu sehen, und der ihm doch immer wieder nebelhaft zerrann. Sein jüngster Bruder, der verschollene Johannes wollte seine Wiedergeburt feiern in seiner Liebe. Ihre Wege in der Kindheit waren weit auseinandergegangen, der Sinn des Spätgeborenen war vielfach nur äußerlichen Dingen zugewandt gewesen; aber Starkblom ging es jetzt auf, was ihm die ganze lange Zeit nie eingefallen war: es war ein glänzender, strahlender Geist in diesem schmiegsamen Leibe, der da auf Irrwege geraten und vielleicht für immer für sich und die Menschen verloren war. Starkblom entsann sich jetzt der philosophischen Stunden der Primaner, wo der braunlockige Knabe manchmal ins Zimmer gehuscht war und mit mancherlei Ulk und kindischem Getue die furchtbar ernsten Abgrundsgedanken der grübelnden und Pläne türmenden Jünglinge gestört hatte, bis er mit einemmal eine Bemerkung dazwischen warf, von der man immer noch nicht recht wusste, war sie kindliche Einfalt oder geniale Improvisation. Der wilde Hans — was mochte aus ihm geworden sein? Ob er wohl noch lebte? Starkblom schien es, er müsse ein kühner Mann und ein eisklarer Geist geworden sein, wenn er nicht gänzlich zugrunde gegangen; ein Mensch, nach dem er sich sehnen konnte in düsteren einsamkeitsschweren Stunden, ob auch schon seine Gestalt nur unklar und verschwommen vor ihm schwebte. Die Erinnerung an sein treues Lorchen rief er selten ins Bewusstsein herauf. Desto öfter gedachte er seiner drei Kinder, die so kurz gelebt hatten. Eigentliche Liebe für die seltsamen Wesen hatte er seinerzeit kaum empfunden; ja des Knaben dachte er auch jetzt nur mit bitterer Empfindung. Aber doch war jetzt ein eigentümliches, der Liebe sehr nah verwandtes Gefühl in ihm: er hatte Kinder gehabt! Er könnte jetzt ein kluges, fünfjähriges Töchterchen haben. Eine leise Sehnsucht nach Vaterfreude und Kinderspielen und Erziehungslust regte sich oft in ihm. Doch unterdrückte er das immer rasch. Er würde die Erde nie mehr bevölkern helfen, das wusste er; so mußte er denn der Menschheit in anderer Weise dienen. Er konnte sich Menschen denken, die von vornherein auf Ehe und Kind verzichten und von Jugend auf ihren physischen Zeugungstrieb mit mächtiger Energie in einen rein geistigen verwandeln. Auch solche erfüllen ihre Pflicht gegen ihr Volk und die Menschheit, besser als die gewöhnlichen Väter. Und plötzlich überkam ihn auch da ein Grauen vor sich selber. Wie hatte er sich nur je wie ein ganz gewöhnlicher Mensch verlieben können und alle die Torheiten mitmachen? Und heiraten? Und heiraten? Und — und? Zeugen? Rohesten Sinnengenuss suchen? Jahrelang? Hatte ich denn das nötig? Durfte ich das? Entsprach das meiner wahren Natur? Nein, nein. 0 warum hatte er sich denn nur je dem Joch des Eigennutzes und des Herkommens gebeugt? Wäre er doch ruhig und ohne nach rechts und links zu sehen, seine Bahn vorwärts gegangen, gleichgültig ob er sein Ziel erreichte oder scheiterte! Hätte er sich doch ausgelebt; wäre er doch jung geblieben! 0 diese hässliche, gewöhnliche, eingeengte, niederdrückende Zwischenzeit. Konnte er denn noch einholen, was er versäumt? Er mußte es einholen; er mußte denken, leben, wirken. Vorbild wollte er sein, Prophet ... Erlöser — War er denn noch jung genug? Ja er glaubte an sich, er mußte ja an sich glauben; er wollte doch nicht verzweifeln? Er betrachtete sich im Spiegel und lächelte sich Mut zu; ja er war noch jung und frisch. Der Glanz seiner braunen Augen hatte noch nicht nachgelassen, noch hatte er den sprechenden, eindringlichen Zug um den Mund. Wohl waren die Haare an seiner hohen energisch vorspringenden, etwas plebejischen Stirn ein wenig zurückgetreten; aber noch kein graues Haar war zu finden in seinem dichten, schwarzen Vollbarte. Gewiss, gewiss, er war noch nicht zu alt; ihm war noch Frist genug übrig, um sein Werk zu vollenden. Und nun suchte er sich zu überzeugen, wie vorteilhaft im Grunde das lange Verstummen seiner Weisheit für ihn war, für ihn und die Welt, der er das Geschenk seiner Gedanken entgegentrug. Wäre damals, noch als er Schüler war, nicht die plötzliche Wendung gekommen, die ihn ins Philistertum getrieben hatte, was wäre vermutlich aus ihm geworden? Ein frühreifer, hitziger, unaufgeklärter Mensch, der seine jünglingshaften Ideen für unantastbare Wahrheit genommen hätte, ein intoleranter, fanatischer Sklave seiner Erstgeborenen, der seine eigene Zukunft noch vor dem Entstehen abgetrieben hätte aus feiger Rücksicht aufs Vergangene, aus erbärmlicher Liebe zu irgendeinem gehätschelten Erfolg in der Gegenwart. Früh, vor der Zeit, hätte er sich verausgabt, und wäre dann, wenn er sein erstes verheißungsvolles Wort gesprochen, mit leeren Händen und Taschen vor der erwartenden Welt dagestanden, die jetzt erst das Beste hören wollte; was aber hätte er noch geben können? Ein besonderes, kaum denkbares Glück wäre es gewesen, wenn er nach langer Pause, die jetzt doch hätte kommen müssen, sich wieder gesammelt hätte zu neuer Weisheit; aber ob man ihn dann noch hören wollte — wer hätte es wissen können? Nein, nein — besser in der Jugend gelernt und geschwiegen, und geredet als Mann. Ihn dünkte, er brauche sich jetzt nur sorgsam zu besinnen auf alles, was er ohne besonders aufzumerken in seinem Leben gesehen, er brauche nur in Zusammenhang zu bringen die Gedanken und Stimmungen, die ihm die Jahre her über die Seele gehuscht, und die Weltanschauung, die er in seinem Herzen ahnte, stände klar und abgerundet vor seinem Geiste, sein Wille sei entschieden und seine Rede für die Menschen dazu. Er meinte, dann habe er ausgelernt, es bleibe ihm nur noch übrig, die Konsequenzen aus seinem Leben zu ziehen. Erst leben, dann lehren, das schien ihm das Motto zu sein für seine Aufgabe, das war die Grabschrift, die er sich im voraus verfasste, und der erste Teil schien ihm vollendet. War es die lange Beschäftigung mit der Jurisprudenz, die ihm damals noch alles Komplizierte einfach, alles Verwirrte schön gesondert, alles Verflochtene auseinandergesträhnt erscheinen ließ, die ihn verleitete, den gärenden Most des ungeschiedenen Lebensdranges auf die durchsichtigen Flaschen kahler Abstraktionen zu ziehen, vorzeitig einzupressen und zuzupfropfen, weil die wilde Lust überzuschäumen sich für einen Augenblick im Verborgenen hielt? Täuschte ihm der äußere Anstrich der Geistesruhe einen Gemütsfrieden, eine Herzenskälte vor, die er am Ende doch nicht besaß? Wähnte er, sein Wille allein sei jung geblieben, sein Geist aber besitze nicht mehr die Triebkraft und Verwandlungsfähigkeit der Jugend? Sein Herz sei gefeit gegen neues unerhörtes Erleben? Solche Erwägungen konnten ihm damals nicht ankommen. Kalt und energisch sammelte er seine zerstreuten Erfahrungen und Ideen, um dann unter die Menschen zu treten und zu zeigen, was er war und wusste und wollte. Vorderhand führte er wirklich nur ein reines Leben im Geiste, das ganz unabhängig war von seinem völlig gleichmäßig verlaufenden einsamen Leben nach außen. Immer auf sein bisheriges Leben zurückschauend, ließ er seine Weltanschauung sich weiter entwickeln, und lebte nur, um eben nicht zu sterben. Manchmal aber hatte er Augenblicke, und sie kamen häufiger von Woche zu Woche, wo es ihm ganz grotesk und ungeheuerlich vorkam, dass er etwas Besonderes sein wolle, dass er jetzt, wo er sich dem Alter näherte, sich über seine bescheidene Stellung erheben wollte, erheben über alle die anderen Mitmenschen. War er denn wirklich mehr als andere? Und wenn auch — wozu denn das alles? Was wollte er denn? Hatte er denn etwas zu sagen? Wäre es nicht besser, die Menschen zu lassen wie sie sind? Was ging ihn schließlich das alles an? In Ruhe und Zurückgezogenheit wollte er seinen Gedanken leben und sich langsam dem Tode entgegengrübeln. Er war doch kein Weltverbesserer, war nicht geschaffen für das Auftreten in der Öffentlichkeit. Denn schließlich — was war denn diese Welt? War denn da noch etwas zu bessern oder auch nur zu ändern? Er lebte sich tiefer und tiefer ein in das metaphysische Gespinst, seine Gedanken schienen ihm bald das einzig Wahre, die Welt war das Produkt seiner Sinne und seines Bewusstseins überhaupt. Lohnte es sich denn, an solchem trügerischen Schein ändern zu wollen, in eiteln Traum Vernunft zu bringen, die Gestalt einer Seifenblase zu verbessern? Die Formen mochten wechseln, der innerste Kern der Welt blieb doch derselbe und war unabänderlich. Dann aber kam wieder neuer Zweifel über ihn: war es denn nicht verwegenste Überhebung alles für Trug erklären zu wollen, nur damit seine Gedankenwelt wahr bleibe? Wäre es nicht bescheidener, die Welt vorerst zu lassen wie sie ist und an der Richtigkeit seines eigenen Denkens zu zweifeln? So bohrte er sich gewaltsam tiefer und tiefer in Unzufriedenheit hinein und raubte sich vollends den Rest von Naivität und unfragsamer Lebensfreude, den er noch bis dahin besessen hatte. Schließlich hatte er oft Momente, wo ihm diese ganze Grübelei als dilettantische, oberflächliche, unersprießliche Kindereien erschien, hauptsächlich dem Bedürfnis entsprungen, einen Vorwand für seine Weltfremdheit und Beobachtungsfaulheit zu haben. Ja, was wollte er denn auch noch in der Welt? So fragte er bald entschlossen. Mochten die anderen dahinleben, ohne zu fragen, mochten sie die Arbeit für ihren vom Weltenschöpfer gesetzten Lebenszweck halten und handwerksmäßig in engem Stall dahinvegetieren, bis sie starben — was lag ihm daran? Er empfand mehr und mehr einen tiefen Ekel vor bürgerlichem Beruf, vor unbewußtem, dämmerhaftem Leben, vor Leuten, die nicht die Zeit hatten zu fragen, wozu? Bald hatte er jetzt ganze Tage, an denen ihm alles lächerlich, fast verrückt vorkam. Wenn er gemächlich spazieren ging, halb nachdenkend, halb seine Sinne der Welt öffnend, mußte er sich immer wieder fragen: wozu denn aber in Dreiteufelsnamen das alles? Da rennen sie und hasten sie und alle arbeiten sie drauf los und einer verdrängt eifersüchtig den andern; zu welchem Zweck denn? Was haben sie denn Großes vor Augen? Haben sie sich denn überhaupt ein Ziel gesteckt? Hat auch nur Jeder ein besonderes Ideal, das er heiß begehrt zu erreichen, oder arbeitet gar alles in schön verteilten Rollen auf einen Punkt hin? Von alledem schien ihm keine Rede zu sein. „Machen sie sich gar was vor?" murmelte er einmal vor sich hin, als er an einem Steinbruch vorbeikam, wo alles eifrig bei der Arbeit war. „Mir scheint wahrhaftig, das ist eine bunte Komödie, das alles! Wen wollen sie wohl täuschen?" Und so grübelte er weiter. Natürlich, Jeder wollte dem andern vormachen, er habe ein Ziel, er wisse, wofür er arbeite, und Jeder tat, als glaube er dem andern. Dann kam er am Friedhof vorbei und da fiel ihm noch ein Neues ein. Sich selber täuschten sie auch, und das war wohl die Hauptsache. Der Tod, der war es, der bestimmte ihr ganzes Leben, das was sie Leben nannten. Jeder machte möglichst viel Lärm, um sich nicht ans Sterben zu erinnern, und alle hegten wohl insgeheim die Hoffnung, an ihn komme die Reihe nicht, er brauche nicht ins Gras beißen. Und weil sie sich das doch nicht recht glaubten, betäubten sie sich durch lächerliche, ganz überflüssige Beschäftigung, und das nannten sie dann „leben". War das nicht zum Wahnsinnigwerden? Wenn sie einsähen, dass alle ihre Arbeit ganz und gar überflüssig wäre, wenn sie sich zugeständen, es sei nicht der mindeste Zweifel erlaubt, dass sie alle miteinander, einer nach dem andern, sterben müssten, dann würden sie wohl ihr Maschinengerassel zur Ruhe bringen und ihr Handwerkszeug, die Requisiten der großartigen Komödie, unberührt an die Wand lehnen und — Ja, wie denn? War es denn nicht überhaupt ungeheuer gleichgültig, ob man Jetzt stirbt, oder in zehn, zwanzig, fünfzig, siebzig Jahren? War denn die Zeit überhaupt etwas, das ernstlich in Betracht kam? Nein, nein. Nicht im mindesten. Soviel er sich auch den Kopf zerbrach, er fand keinen andern Lebenszweck, als den Tod; auf den lief alles hinaus. Eine lächerliche Einrichtung in dieser verrückten Welt allerdings, dass man geboren wurde, um zu sterben, nur um zu sterben. Aber es war nun doch einmal so, und das beste mußte wohl sein, sich damit abzufinden und diese Erkenntnis zu verbreiten, damit Jeder, der das eingesehen, möglichst rasch sein Ziel erreiche und stürbe. Oder war es doch nicht so? War es ein ungeheurer Irrtum, eine großartige Stumpfheit seines Geistes, dass er, solange er auch sein Hirn zermarterte, keinen andern Lebenszweck ausfindig machen konnte? Darüber mußte er sich eigentlich vergewissern. Er war doch nicht der einzig Vernünftige unter den Lebenden, aber er hatte doch noch keinen gefunden, dem diese schauerliche Einsicht so klar, so selbstverständlich und unabänderlich gewesen wäre. Er mußte sich doch erkundigen, was die andern eigentlich vom Leben hielten. „Was dünket euch vom Leben?" Er meinte, mit dieser Frage jeden Menschen überfallen zu sollen, den er antraf. Er blickte, wenn er in der Stadt war, den Leuten, die ihm begegneten, prüfend ins Gesicht, ob da wohl ihre Gedanken über ihr eigenes Dasein zu lesen wären, aber er fand nichts dergleichen. Ihre Mienen deuteten immer nur auf lächerliche täuschende Kleinigkeiten, Essen, Schlafen, Trinken, Spazieren fahren, Kirchengehen, Theaterbesuchen, Holz hauen, Kohlen fahren, Kessel heizen, Schuhe flicken, Hemden nähen, Strümpfe stricken, Kinder unterrichten, Gemüse kaufen, Waren verkaufen, Wechsel einlösen, Häuser bauen, Steuern einziehen, Soldaten drillen, Gesetze machen, Reden halten — immer und immer nur die Maske, der Schein, die Komödie; nirgends, auf keinem Gesicht zu lesen das Ziel, die Sehnsucht nach dem Ziel, die Verzweiflung. Waren sie alle Narren und er der einzig Vernünftige; oder waren sie alle klug und er ein wahnsinniger Tor? Das hätte er gerne herausgebracht. Diese Richtung hatten seine Gedanken genommen während der ersten Monate seines Aufenthaltes in dem weißen Hause. Die beschauliche Kälte seines Geistes war rasch von ihm gewichen, nachdem er sich erst wieder tiefer mit der Frau Welt und ihrer Weisheit eingelassen; eine unruhige, oft leidenschaftlicher Verzweiflung nahe Gemütsverfassung war Herr über ihn geworden. Das war besonders begünstigt worden durch seine gänzliche freiwillige Vereinsamung. Er hatte niemanden aufgesucht und Gelegenheiten vermieden, wo er hätte flüchtige Bekannte treffen oder neue Menschen finden können. Jetzt, wo ihn eine Ahnung überkam, es könne ihm nicht schaden, wieder unter Menschen zu kommen, nun wo alles in ihm ins Wanken geraten war und er Genossen brauchte, die ihn stärkten und fortführten in anderes freundliches Gebiet des Denkens, brachte ihn der Zufall mit einem Freunde aus seinen ersten Jugendjahren zusammen, den er längst völlig aus den Augen verloren hatte. Es war in den ersten Tagen des August, an einem schönen Nachmittag. Er hatte sich in die düsteren Kanzonen des Leopardi versenkt. Da brachte ihm die Haushälterin eine Visitenkarte. Der Herr warte außen, ob Herr Doktor zu sprechen sei. „Robert Wangaus, Fabrikant," stand auf der Karte. Wangaus — Robert Wangaus — er mußte sich wirklich einen Augenblick besinnen. Dann schämte er sich, dass es ihm nicht gleich eingefallen war, wer den Namen trug, und dass er seit Jahrzehnten nicht mehr an ihn gedacht hatte. Ich lasse bitten, ich lasse bitten, antwortete er der Frau. Er war wirklich froh, einen Bekannten nach so langer Zeit wiederzusehen, einen Freund aus seiner frühesten Jugend. So so, der war Fabrikant geworden. Also auch ein Berufsmensch, wie er selbst noch bis vor kurzem. Ja ja, das war vorauszusehen. Er war begierig, wie er nun war. Es war einer von seinen intimen philosophischen Freunden gewesen, der Wangaus, ein kühner, phantasievoller Knabe. Ein dicker Herr mit glatt rasierter Miene trat ins Zimmer, legte seinen Seidenhut auf einen Stuhl an der Tür und die rotbraunen Handschuhe darauf. Dann ging er auf Starkblom zu, der aufgestanden und ihm entgegengetreten war. „Ich habe mich also nicht geirrt, Herr Landgerichtsrat, ich erkenne in Ihnen —" „Aber Wangaus," unterbrach ihn Starkblom, „natürlich bin ich der Karl Starkblom, wie du der Robert Wangaus. Das freut mich recht. Bitte setz dich doch. Wir wollen doch das alte Du beibehalten, meinst du nicht? Wie ging dir'? denn immer? Du bist Fabricant? Wohnst du hier? Bist du verheiratet? Bitte setz dich doch." In der nun folgenden Unterredung ergab sich, dass Wangaus Besitzer einer Goldwarenfabrik am Orte war und mit seiner Familie — er war seit Jahren verheiratet — in der Stadt lebte. Er hatte schon vor mehreren Wochen von der Anwesenheit Starkbloms gehört, habe eigentlich gleich gewusst, dass er ein alter Bekannter vom Gymnasium her sei, habe auch schon früher kommen wollen, aber wie das nun so gehe, es habe sich eben verzögert, er komme zu nichts mehr, die Geschäfte, die Geschäfte, die Geschäfte — „Ja ja, die Geschäfte," wiederholte er noch einmal, indem er bedächtig ein paar Haare am Rande seiner Glatze zurecht legte. „Sie, Herr — entschuldige, ich muss mich erst wieder daran gewöhnen — du hast's nun freilich gut. Das heißt, offen gesagt, ich wüsste nicht, was ich den ganzen lieben langen Tag treiben soll, wenn ich meine Arbeit nicht hätte." „Seit wann hast du denn das zu deinem Lebensberuf gemacht?" „Wie?" „Ich meine, seit wann du die Welt mit deinen Schmuckwaren beglückst?" „Erlaube, das ist nun eigentlich nicht ganz richtig ausgedrückt. Ich fabriziere nicht eigentlich Schmuckgegenstände; — ich weiß nicht, hast du eigentlich die Entwicklung unserer Industrie genauer verfolgt? Sie hat einen riesigen Aufschwung genommen. Wenn du die Sache nicht studiert hast, kann ich dir's nicht in Kürze erklären. Die Sache ist die, dass wir nur eine bestimmte Art Gold herstellen, wie es die Schmuckfabriken zu weiterer Verarbeitung gebrauchen. Es ist da eine kolossale Arbeitsteilung eingetreten; der ganze Verarbeitungsprozess hat sich mechanisiert; überhaupt, wenn ich einmal Zeit finde, mich theoretischer Betrachtung hinzugeben, die Entwicklung der modernen Industrie zu betrachten, werde ich nicht müde. Das ist etwas Herrliches; einfach großartig! Wie alles sich zum Ganzen webt, eins in dem andern —" Starkblom unterbrach ihn durch ein feines, spöttisches Lächeln. „Oh, du solltest nicht lächeln, dass ich Poesie zitiere. Ich bin freilich ein Geschäftsmann, habe wenig Zeit, aber man steht doch sozusagen immer noch unter dem Bann seiner Jugenddusselei, und wenn ich Zeit hätte, ich würde wahrhaftig heute noch manchmal etwas von Goethe und Schiller lesen." „Ins Theater gehst du aber doch öfter?" „Ins Theater? Ja freilich, ja freilich. Das heißt — meine Frau ist abonniert, und wenn sie gerade keine Zeit hat oder auch keine Lust — du verstehst —" „Jawohl, jawohl. Nun, da wird wohl Goethe und Schiller öfters an dich kommen?" ,,Du meinst, meine Frau? — Ja allerdings. Aber doch nicht. Da gehen die Kinder herein. Klassische Stücke sind für die Kinder. Meinst du nicht auch?" „Hm, ja — weißt du, wir wollen lieber erst gar nicht anfangen, darüber zu streiten. Ich fürchte, ich stehe da auf einem so ganz, ganz anderen Standpunkt, wie du." „So, wie du willst; das ist leicht möglich. Sag einmal, hast du eigentlich Kinder?" „Nein." „Auch nie welche gehabt?" „Gehabt? Nein. Nur zu haben versucht. Drei. Das zweite überlegte sich's drei Monate lang, ob es leben wollte, entschied sich dann aber auch fürs Gegenteil." „Das ist hart." „Nein, Es ist nicht hart. Oder meinst du wirklich? Wieso eigentlich hart?" „Na, das ist aber doch nicht dein Ernst. Das ist doch selbstverständlich." „Dass der Mensch stirbt, früher oder später? Ja, das ist allerdings selbstverständlich." „Ja, aber es ist doch wahrhaftig ein Unterschied, ob ein kleines Kind stirbt oder ein Mann, der seine Lebensarbeit hinter sich hat. Das ist doch klar." „Merkwürdig — euch ist alles selbstverständlich und klar, was mir heute zweifelhafter als je ist. Lebensarbeit, Lebensarbeit. Was ist denn das? Ehrlich gesagt, was ist denn nun deine Lebensarbeit?" „Gott stellt jeden auf den Platz, den er einnehmen muss. Es ist keine Arbeit vergebens. Wenn ich auch nur verschwindend wenig der Menschheit nütze, ein bisschen ist's immerhin und ich erhalte Weib und Kinder. Das ist meine Philosophie." „Meine ist's nicht," sagte Starkblom sehr ernst, indem er aufstand und hin und her ging. „Ganz abgesehen von Gott, der, scheint's, heutzutage nur noch zwei Zwecken dient." „Und die wären?" „Erstens zur Ausrede und zweitens, vernünftige Menschen nervös zu machen. Gott stellt jeden auf seine Stelle! Haha! — Übrigens hast du in deiner Jugend auch anders gesprochen." „Nun, du hast doch diese Jugendtorheiten auch längst hinter dir. Man wird gesetzter. Übrigens ist's dir wohl nicht ganz Ernst mit alledem. Ich erfülle als Fabrikant meine Pflicht so gut wie du als Richter — und erfülle sie heute noch." „Pflicht, Pflicht. Gegen wen denn Pflicht?" „Das weiß doch jeder. Wozu solche Dinge fragen?" „Warum nicht fragen? Nochmals — Pflicht gegen wen?" „Nun, gegen die Mitmenschen." „Wirklich? Wann kam dir denn der Ruf?" „Wie?" „Wieso empfandest du denn das unwiderstehliche Bedürfnis, die Menschheit mit Schmuckwaren, nicht doch, mit Gold einer bestimmten Art zu versorgen?" „Ach, das lässt sich doch nicht so einfach sagen. Das sind sehr verwickelte Verhältnisse. Du als Jurist musst das doch wissen, besser als ich. Nationalökonomie hast du ja doch jedenfalls studiert." „Ich studiere sie sogar noch. Aber trotzdem —" „Na, siehst du. Und übrigens — in die Wiege gelegt wurde dir wohl auch kaum die Bestimmung, Richter zu werden." „Da hast du sehr recht. Das darfst du mir vorwerfen. Du weißt aber auch, dass ich's jetzt nicht mehr bin." „Ja allerdings. Du hast's eben nicht mehr nötig. Glücklicher." „Du irrst. Das war nicht mein Grund. Mein Grund nicht." Jetzt war das Lächeln an Wangaus. „Na, na. Täusche dich nicht selbst. Hätte ich so eine Erbschaft gemacht — überhaupt, wer hätte nicht so gehandelt an deiner Stelle?" „Ja wo bleibt denn da der Beruf und die göttliche Bestimmung? So sagtest du doch?" „Nun, nun — das schließt nicht aus, dass man sich im Alter zur Ruhe setzt. Wenn man's kann, natürlich." „So alt bin ich noch nicht. Im Gegenteil — meine Arbeit fängt jetzt erst an." „So?" „Ja allerdings. — Das Philosophieren hast du also gänzlich aufgesteckt?" „Das kannst du dir doch wohl denken. Wozu auch, selbst wenn ich Zeit hätte? Das führt ja doch zu nichts." „So? Na, ich weiß nicht. — Ich will jedenfalls jetzt auch versuchen —" Er hielt inne. „Nun?" „Ich meine, ich werde jetzt erst beginnen zu arbeiten, wie gesagt. Ich will auch Gold fabrizieren." „Was? Das ist doch kaum dein Ernst. Die Branche liegt jetzt sehr danieder. Leider." „Ich mein's natürlich nur bildlich. Dir werde ich keine Konkurrenz machen." „Nun, die Firma Wangaus und Kompanie hätte das kaum zu fürchten. Bildlich? Das verstehe ich nicht." „Ja, anders kann ich's kaum ausdrücken. Mein Beruf ist denken und aufklären." Wangaus schaute sich im Zimmer um und gewahrte die vielen zerstreut daliegenden Bücher. „Ach so, du willst schriftstellern? Bücher besprechen, alte Meinungen umstoßen, neue aufstellen? Dazu wünsche ich dir von Herzen Glück. Dazu hast du jedenfalls Talent. Da kannst du dir bald einen Namen machen. Oder willst du pseudonym schreiben?" „Nein. Das jedenfalls nicht. Überhaupt, ob's aufs Schriftstellern hinausläuft, das weiß ich auch noch nicht. Ich bin kein sonderlicher Freund von Papier. Das ist alles noch ganz unbestimmt, übrigens auch ziemlich gleichgültig. Aufs Wirken kommt mir's an, in welcher Weise, das wird sich schon finden." „Jawohl, freilich, es gibt ja auch noch andere Wege. Die kaufmännischen Vereine veranstalten ja jetzt überall populäre Vorträge. Wenn du das willst, ich bin im Vorstand des hiesigen, da könnte ich dir behilflich sein im nächsten Winter." „Danke, danke, ich glaube kaum, dass mir das passen wird." „Oder bist du ein großer Politiker geworden? Willst dich um ein Reichstagsmandat bewerben? Dir stehen ja jetzt • alle Wege offen." „Auch dazu werde ich wohl kaum je den Trieb in mir fühlen. Wie gesagt, das wird sich finden. Ich bin noch nicht so weit, das entscheiden zu können, aber bald, hoff ich." Wangaus stand auf. „Soso. Na, jedenfalls freut's mich, dich so wohl getroffen zu haben. Kann leider nicht länger bleiben. Das Geschäft ruft, das Geschäft. 's ist verdammt weit zu dir heraus. Bitte, besuch mich bald. Du wirst ja wohl den Weg zu mir finden." Damit nahm er seine Handschuhe und den Zylinderhut und ging nach den üblichen Abschiedsredensarten. Als er die Treppe hinunterstieg, dachte er: „Wahrhaftig, er ist noch der alte unklare Strudelkopf. Nicht im mindesten hat er sich verändert. Kaum glaublich, dass der's zum Landgerichtsrat gebracht hat." Starkblom aber ließ zunächst alles Persönliche beiseite; ihm war gegen Ende des Gesprächs eine psychologische Wahrnehmung aufgestoßen, die er schnell ein wenig weiter verfolgen mußte. Merkwürdig, ganz merkwürdig, wie zwei Menschen, die im Grunde gar nichts mehr miteinander zu tun haben, zusammen reden können, obwohl ihre Naturen so gänzlich verschieden sind, dass der eine immer den andern missverstehen muss. Und das nennt man dann Unterhaltung! Er sprach von Aufklärung und Wirksamkeit, Wangaus antwortete mit einer Bemerkung über Schriftstellern und die kaufmännischen Vereine, er deutete seine Sehnsucht an, seine Natur auszuleben, Wangaus dachte an Ehrgeiz und Ruhmbegierde. Und schließlich ging dieser gute Philister noch weiter als er selbst, er fragte leidenschaftlich: Wozu? und jener antwortete mit behäbiger Ruhe: Wozu, wozu? Und hatte er am Ende recht? Wozu sich quälen? Doch nicht nur, um sich eben zu quälen? Doch nicht bloß, weil er nichts anderes zu tun hatte? Wangaus hielt seine Arbeit für ernsten Lebensberuf, die Grübelei verachtete er als unnützen wertlosen Luxus; er selbst aber verachtete die geistlose Arbeit, die aus bloßer Gewöhnung hervorging und keinem vernünftigen Zweck diente, keinem festgesteckten Ziele zustrebte, er hielt das Einbohren in das Denken fürs Höchste. Wer war der Narr? Leicht beide? Er hatte gute Lust, nach diesem seltsamen Zusammentreffen mit einem seiner liebsten Freunde aus der Knabenzeit sich noch mehr abzusondern von den Menschen und sich in seiner Einsamkeit zu begraben. Er wurde nicht begriffen von diesen Menschen und ihm fehlte auch das Verständnis für ein Leben, wie sie es führten. Hinaus aus dieser Erbärmlichkeit sehnte er sich, und weg wollte er auch, weit weg von seinem eigenen selbstmörderischen Grübeln. Er brauchte einen anderen Umgang, ihn ekelten diese Menschen, und ihn ekelten seine eigenen Gedanken. — Er dachte im Ernst daran, sich einen großen edeln verständigen Hund anzuschaffen. Dann aber versuchte er es doch noch einmal mit etwas Menschlichem. Er flüchtete nach Arkadien, ins Reich der reinen Formen, ins Land der Kunst. Die nächsten Tage versenkte er sich in die edelsten Dichtungen, die in deutscher Sprache geschaffen sind: Er las Goethes Iphigenie, Partien aus dem 2. Teil Faust, Pandora. Als er nach diesem erlesenen Genuss zu Schillers Braut von Messina kam, klappte er das Buch nach wenigen Minuten schon angewidert zu: selbst diese Kost war ihm zu grob geworden, zu menschlich ordinär. Auch Schopenhauer konnte er nicht mehr lesen, der war ihm Jetzt wie ein wildes gieriges Tier in enger stinkender Menageriezelle, das nicht durfte, wie es wollte. Selbst Leopardi war ihm zu unfein. So hütete er sich denn von da an, mit Menschen und Büchern und Einfällen zusammen zu stoßen, die ihn hätten aus seiner Gemütsruhe reißen können, in die er sich mit Gewalt hineinzwang. Nur nichts Unangenehmes, nichts Gewaltsames, nichts Aufregendes. Vielleicht später ... später ... jetzt wollte er Ruhe. Er ging früh zu Bett und stand spät auf. Dann ein langsames Frühstück, während dem die Morgenträume sich weiterspannen und langsam verwehten. Darauf ein kleiner Spaziergang durch den Tannenwald, bei dem er nichts dachte. Dann las er: Goethe, Spinoza, Platon, Ranke. Altes, Weisheitsvolles, Greisenhaftes war ihm das liebste. Daneben auch mystische Romantik und Heiterkindliches: Brentanos Rosenkranz, Arnim, Eichendorff, Jean Paul, Gottfried Keller. So trieb er es wochenlang, monatelang. Dieses oberflächliche Wohlleben mit der scheinbaren Vergnüglichkeit, während innen kaum bewusst etwas in ihm fraß und zur Oberfläche sich langsam empornagte, hatte etwas Bänglich- Entsetzliches an sich. Und weiter ist demnach vorerst nichts über ihn zu vermelden. Zweiter Abschnitt Solche Menschen, die ähnlich wie Karl Starkblom, freilich selten so heftig von einem Trieb in den andern geschleudert, von einer Verzweiflung der andern geraubt, früher oder später mit unabwendbarer Bestimmtheit sich aus der menschlichen Gesellschaft in die Einsamkeit hineinstahlen, gab es damals in Europa eine kleine Schar, die nichts voneinander wußte und nichts voneinander wollte, die keinen Verein bildete und keine Partei, deren Ekel zu groß und deren Glaube zu schwächlich war, um in der Gegenwart etwas zu lieben und von der Zukunft viel zu erhoffen. Ab und zu tötete sich einer von ihnen, und den andern fuhr es durch die Glieder und sie ehrten den unbekannten Toten, indem sie sich fragten, worauf sie selbst eigentlich warteten mit dem Sterben. Doch das waren nur ganz vereinzelte Erscheinungen, halb oder ganz verrückte Sonderlinge ohne Gefahr, die die Welt nicht weiter beachtete; ihretwegen hätte sie ruhig und unbesorgt ihren mäßigen Pflichten und bescheidenen Genüssen nachkommen können. Aber von ganz entgegengesetzter Seite her war inzwischen eine neue Lehre so gewaltig in die Massen der Völker hineingedrungen oder aus ihnen heraus entsprungen, man wußte es nicht recht, daß vorschauende Politiker eine große Revolution ahnten, manche philosophische Historiker aber die Zeichen einer mächtigen religiösen Volksbewegung erblicken wollten. Die internationale Sozialdemokratie war eine Weltmacht geworden, mit der der größte Staatsmann und der kleinste Dorfpfarrer rechnen mußte. Am mächtigsten gefördert worden war das riesenhafte Wachstum des Sozialismus durch die Kläglichkeit des europäischen Bürgertums, wie es sich nach der Französischen Revolution entwickelt hatte. Das harte gute Gewissen des Mächtigen und Reichen war nunmehr für immer dahin, nunmehr wurden so viele Freiheiten und Rechte von der Gesamtheit als ewige unantastbare Menschenrechte anerkannt, daß jene erbärmliche Gesellschaft aus dem Widerstreit der überlieferten Verhältnisse, deren Früchte sie genoß, und der ihr vererbten Freiheits- und Gleichheitsideen nicht mehr herauskam. Fortwährend wurden sie gepeinigt von dem bösen Gewissen, sich mit dem Blut der Armen zu nähren und auf den Leibern des Proletariats Paläste zu bauen, mit zitternden Händen und schielenden Blicken scharrten sie Genüsse zusammen, sie steckten den Kopf in den Sand und warfen mit Phrasen um sich, zur Brutalität hatten sie keinen Mut und zur Entsagung keinen Gedanken. Der Liberalismus war damals aufgekommen und die Verpönung aller Gewaltsamkeit, und eine dilettantische Moral machte sich breiter als je zuvor. In keiner Zeit war die Lehre und das Leben in einem so kläglichen Gegensatz gestanden, aber sie glaubten an ihre Lehre und an ihr Leben und ließen sich's wohl sein, so gut es gehen wollte; denn niemals kam ihnen ein Zweifel an dem, was beides so merkwürdig verband, an ihrer Moral. Diese chaotische anarchische Zeit war so recht das fruchtbare Mistbeet, dem wunderbare, unerhörte Erscheinungen entsprießen konnten. Das war die Zeit, wo alle Richtungen, die je nach langer, bedächtiger Vorbereitung auf Erden erwachsen waren, von frischem erstanden und angepriesen wurden als neue erlösende Wahrheiten, wo ein neuer Glaube schneller wieder weggelegt wurde als ein unmodernes Gewand; das war die späte Zeit, in der alles Frühe und Ungegorene gierig geschlürft wurde. Damals berührten sich in der Tat die Extreme, und die Stärksten und die Schwächsten fanden sich zusammen im Ekel und in der Resignation. Damals pries in Rußland ein Graf und Philosoph die segnende Macht der körperlichen Arbeit und entsagte seiner gesellschaftlichen Stellung und ward Bauer und Schuhmacher; und zu gleicher Zeit war der deutsche Schuhmacherssohn, der Schloßherr vom weißen Hause, nahe daran, die Arbeit zu verhöhnen. Und doch gehörten diese beiden einsamen Prediger, denen der Ekel gemeinsam war, zusammen. Diese Vereinzelten waren übersatt und schlichen sich weg vom Tische des Bürgertums; in der Sozialdemokratie aber erstand eine organisierte Masse von Hungrigen. Stürmisch begehrten die Arbeiter Einlaß in die Paläste des Geistes. Diese Scharen von zielbewußten Kämpfern boten ein Bild, wie es niemals da gewesen war. Es war in diesen Köpfen eine merkwürdige Mischung von Phantasie und Nüchternheit, von Leidenschaft und Zurückhaltung, von Glauben und Skepsis, von Aufschwung und Bedacht. Sie hatten die Gefahr der schönen Worte erkannt und hüteten sich meist ängstlich vor ihnen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit — was war geworden aus diesem berauschenden Kampfruf der Revolution? Freiheit? Nie war ein schönes Wort schnöder missbraucht worden. Ja freilich, die Wahl stand ihnen völlig frei, nach den Bedingungen des Kapitalismus zu arbeiten, oder zu verhungern und zu vertieren. Kein Zwang wurde ausgeübt, niemand beeinträchtigte ihre persönliche Freiheit. Und Gleichheit — nun allerdings, sie waren eine im wesentlichen gleiche proletarische Masse geworden. Aber die Brüderlichkeit, die mußten sie selbst dazutun, an die hatte man nicht mehr gedacht, und sie wollte nun empor in der Sozialdemokratie. Arbeiter aller Länder vereinigt euch! Dieser Ruf zog durch die ganze Welt und rüttelte die Unterdrückten auf und verband sie zu gleichem Zwecke; zur Befreiung der Menschheit von der anarchischen Warenproduktion und Zirkulation, zur kommunistischen Herstellung und Distribution der Bedürfnisse, zur Vernichtung des blinden Egoismus; zur Zertrümmerung der nationalen Gegensätze; zur Herstellung einer wirklichen Menschheit und Menschlichkeit. Karl Starkblom hatte, als er damals in neu aufflammender jugendlicher Begeisterung ein Ziel vor sich hatte erstehen sehen, als er sich dann vorbereitete zu seinem Wirken unter den Menschen, auch manche sozialistische Schriften, vor allem das Hauptwerk des Karl Marx, ziemlich gründlich studiert. Dann aber war der neue Mensch in ihm emporgekommen, der so lange geschlummert, der ungestüme Frager und Peiniger, der Befriedigung wollte für sich selbst und seine unbestimmte Sehnsucht, der an alles herantrat mit der Frage: Wozu? Warum so? Warum nicht anders? Was soll werden? So konnte ihm, der sich selber auszuleben gedachte und doch sich selber nicht ergründen konnte, ihm, der nicht wusste, was der Mensch sei, der Sozialismus, der die armseligen Proletarier zu Menschen machen wollte, damals keine abschließende Weltanschauung bieten. So hatte er sich schließlich vor allem Grübeln und Verzweifeln, vor dem hastigen Suchen einer neuen Welt, in den Bereich einer alten fertigen toten Kunst und Weltanschauung zurückgezogen, um vorerst Ruhe zu haben, Ruhe um jeden Preis. Manch anderer wäre endlich nach so vielfacher innerer Gärung dabei geblieben, und wie der junge Schwärmer Karl sich in die Beamtenlaufbahn einfriedete, war der Mann nahe daran, sich unter der schützenden Decke einer vereinsamten und versteinerten Kultur zu begraben. Aber es lebte etwas Unsagbares in dem Manne, das immer wieder sich aufbäumte gegen den ruhsüchtigen Quietismus und die Selbstbetäubung des Schuhmachersohnes; etwas robust in die Höhe Strebendes und Mitteilsames; dasselbe was den verstorbenen Adam nach Haiti, Johannes in die weite Welt gezogen hatte. Sein Geist arbeitete zu rasch, als dass sein Wille immer gleich mitkommen konnte; daher sein Abspannen und scheues Reifenlassen, sein willkürliches Abbrechen und Vereinsamen des Denkens. Er war ein sehniger Mann von langem Leben und hatte Zeit; das schlummerte unbewusst hinter all seinem Tun und Lassen. So war es denn allmählich so weit gekommen, dass ihn diese beschauliche Ängstlichkeit seines Lebens, diese Zurückgezogenheit und dieses Traumgedämmer anfing zu langweilen. Seine Seele rankte sich langsam wieder ins Leben hinaus und horchte, was draußen vorging und tastete vorsichtig nach Stützpunkten, um in frischer Öffentlichkeit und mitten unter den Menschen sich festzulegen und doch ihre Ruhe zu bewahren. Er ahnte, es könne auch in ihm noch eine Heiterkeit leben und vielleicht auch ein Glaube. Er hatte die Gescheitheit und Gebundenheit seines Lebens satt und rüstete sich zu fröhlicher Dummheit und Hingerissenheit. Es war an einem wunderschönen, durchsichtigen Wintertage, als sich mehr wie je wieder etwas wie Frische und Mut und zartkeimende Lebenslust bei ihm einstellte, und wer weiß, woher ihm der Gedanke angeflogen war, er suchte unter allerlei Gerümpel ein Paar altmodische Schlittschuhe vor, die er seit langen Jahren nicht mehr an den Füßen gehabt, und machte sich auf den Weg nach dem seit mehreren Wochen fest zugefrorenen Teich, auf dem sich die Einwohner des Städtchens zu tummeln pflegten. Es schien ihm selbst wunderbar, als er mit großen Schritten auf dem knisternden Schnee wandelte, dass er sich endlich wieder unter Menschen wagte, unter ganz gewöhnliche sinnfreudige Menschenkinder. Besonders wohl fühlte er sich anfangs nicht, er war den Lärm und das Schwätzen und vor allem das Lachen nicht mehr gewohnt, und er erinnerte sich, daß er sich früher schon manchmal staunend überlegt, bei welcher Gelegenheit wohl die Menschen zum erstenmale das Lachen gelernt. Es mußte wohl etwas gewaltig Verzerrtes, unbegreiflich Dämonisches urplötzlich auf sie heruntergefallen sein, denn dies kindliche, heitere Lachen der harmlosen Jetztlebenden war gewiß nur das armselige mißratene und umgedeutete Überbleibsel einer tiefgewaltigen Erschütterung von Urmenschen, bei der übergroßer Schmerz und Lust nicht zu trennen gewesen. Bald aber kam doch ein ungewohnt Friedliches und Sanftes in ihn hinein, wobei indessen Wehmut und Ungewißheit nicht von ihm weichen wollten. Wie kam der Einsame jetzt mit eins in diese ausgelassene jugendliche Schar? Er sah sich forschend um und fand, daß er wohl fast der Älteste auf dem Eise war. Vielleicht auch der Ungeschickteste; doch das störte ihn wenig. Als er einmal in einen Riß eingefahren und zu Boden gefallen war, kam ihm der bizarre Einfall, daß er sich einen Christus auf Schlittschuhen nicht gut vorstellen könne. Er lachte bitter vor sich hin und warf den Gedanken weg. Mußte man sich denn in eine Wüste zurückziehen, um den Menschen Großes zu holen? 0 man konnte auch einsam sein unter Menschen. In großen Bogen strich er über das klirrende Eis, bald an wenig befahrenen Orten, bald mitten durch die Menschenknäuel sich hindurchwerfend, und vertiefte sich in sein Grübeln. Wenn jetzt das Eis mit schrillem Krach bräche und die Menschen in sich hineinschlänge und sich dann wieder schlösse, was wäre viel dran? Und wenn die ganze Menschheit versänke und die Erde in die Sonne stürzte und die Sonne — und die Welt — und alles hin — und nichts — was wäre dran? Was wäre hin? Was für ein unendlicher Zweck wäre für immer geschwunden? Und wen betrübte es? Einen Zuschauer und erhabenen Betrachter des Ganzen? Oder das Ganze selbst? War Ursprung und Fortgang und Ende und Mittel und Zweck und Handeln und Genuß ein und dasselbe und eins mit dem Frager? Und wenn alles und alles — Und wenn der Himmel einfällt, sind alle Spatzen tot! Damit unterbrach er schroff halb unmutig, halb doch belustigt sein Forschen. Es muß jetzt ein Ende werden mit dem Denken, ich muß handeln! Ich gehe nach Hause und überlege, aber praktisch, was zu tun, wie mich wenden an die Menschen, wie ihnen mitteilen, was ich gedacht und will — ja was will ich denn, du Narr? Ach was, das Beste, was man hat, weiß man nicht mit klaren Worten. Das kommt schon. Oder vielmehr, es ist schon da. Es liegt schon in mir. Ich muß den Schatz nur heben. Ich muß anfangen zu reden. 0 mir ist auf einmal die Zunge gelöst. Ich habe lange genug geschwiegen. Ich muß nur anfangen mit dem Reden. Dann wird es mir wie ein Feuerstrom von den Lippen fließen. Anfangen, nur anfangen. Jetzt ist es Zeit. Und als ob er es nicht abwarten könnte mit dem Beginnen, rannte er mit gewaltig großen ungeschickten Zügen zur Belustigung der hinter ihm dreinfahrenden Jugend nach einer Bank, schnallte rasch die Schlittschuhe ab und eilte nach Hause, diesmal den näheren Weg durch die Stadt wählend. Unterwegs bemerkte er an verschiedenen Straßenecken große blaue, weiße und rote Plakate, vor denen sich Bürger und Schulkinder trotz der grimmigen Kälte eifrig lesend hinstellten. Gedankenlose Neugier, vielleicht auch etwas frischerwachtes Interesse an dem Treiben der Leute ließen Starkblom auch anhalten. Da las er auf dem großen hellblauen Plakat: Aufruf. Mitbürger! Die Reichstagswahlen stehen vor der Tür. Bei keiner der vergangenen Wahlen stand Größeres auf dem Spiel. So ging es ziemlich lange weiter. Zum Schlusse ward aufgefordert, Mann für Mann einzutreten für den bewährten Kämpfer der freiheitlichen Sache, Herrn Kommerzienrat N. N., und eine Versammlung für den folgenden Tag, Dienstag, den 23. Januar, einberufen. Starkblom nahm sich vor, einmal dahin zu gehen, um zu sehen, ob es denn einen Sinn habe, sich um diese Dinge anzunehmen, und die Art kennenzulernen, wie die Leute die Sachen betrieben. Starkblom war früher, als der Landgerichtsrat und seine Frau noch lebten, auf eine Zeitung abonniert gewesen, und sein ordentliches Lorchen hatte die seltene Gewohnheit gehabt, die Nummern zu sammeln, vielleicht weil sie glaubte, diese Dinge könnten in späteren Jahren noch einmal interessant werden, vielleicht aber auch nur, um die Papierballen später im großen als Makulatur zu verkaufen. Doch war sie vorher gestorben, und Starkblom hatte die große Kiste bewahrt und auch mit ins weiße Haus gebracht. Jetzt ließ er sich von der Haushälterin vom Speicher herunter holen, soviel sie unter beide Arme bekommen konnte, und las darin am Montagabend und im Laufe des Dienstags. Er wollte sich etwas vorbereiten auf die Wählerversammlung und glaubte, Zeitunglesen sei dazu das beste. Und er wollte einmal sehen, ob die Politiker noch dasselbe redeten, wie sie vor einigen Jahren schrieben oder wie. Es war eine üble Arbeit, dieses Lesen in den morsch und gelb und stinkend gewordenen Neuigkeiten und Streitigkeiten von anno dazumal, aber er biss sich durch. Freilich hatte er schon lange nicht mehr so oft bedenklich den Kopf geschüttelt wie jetzt. Die Versammlung schien sich anfangs ganz so anzulassen, als ob sich in der politischen Welt inzwischen nichts verändert hätte. Da saßen ungefähr 800 mehr oder minder wohlgenährte Bürger und hörten mit Bedacht und ohne sich irgendwie aktiv einzumischen ihre Redner an, die von Kornzoll sprachen und der Brotverteuerung, von Freihandel und freier Konkurrenz, vom Militarismus und allzu großer Belastung der Volksschultern, von Zuckerexportprämien und unerhörter Begünstigung der Agrarier, und was des Erbaulichen mehr war. Den Leuten erschien Leben und Brotessen und einigermaßen gerechte Verteilung der Lasten und Politisieren und maßvolle Unzufriedenheit und bedächtiger Ehrgeiz als selbstverständliches Menschenrecht. Man müsste sie aufrütteln! dachte Starkblom. Man müsste ihnen mit Vernunft beizukommen suchen und mit tiefsinniger Betrachtung. Verzweiflung wäre ihnen einzuimpfen und Lust zum Tod. Aber warum? wandte er sich ein. Den Leuten ist ja so ganz außerordentlich wohl bei ihrem überlegungslosen Vegetieren. — Warum? Und warum nicht? Und wenn es aus Bosheit geschähe, ich will es tun! Was brauchen sie dumpfe Tiere zu sein, wenn ich es nicht bin? Was muss ich ihnen ihr Glück gönnen, wenn mir davor ekelt? Warum sollte ich sie lassen, wie sie sind, wenn Menschenwort sie umgestalten kann und in Aufruhr bringen, wie mir es beliebt? Fürwahr, wenn ich Macht über sie habe, will ich sie üben! Warum? Wozu? Frage nicht länger. Weil ich will; zu meiner Freude! Da wurde er in seiner Willensergänzung gestört durch eine knarrende Stimme, die von neuen Dingen sprach. Die Versammelten hörten aufmerksamer als bisher zu und beistimmend nickte ab und zu einer mit dem Kopfe. Auf einmal schien der Freisinn die Maske abzuwerfen, der Kampf gegen die Regierung schien nur ein vorläufiges Späßchen gewesen zu sein. Sie waren die Vertreter des zahlungsfähigen, aufblühenden, honetten Bürgertums, sie hatten die Macht in den Händen und sie vor allem wollten sich wehren gegen begehrliche Arme, die von unten sich emporhoben und Unmögliches verlangten. Mit längst abgetanen Utopien köderten die Sozialdemokraten die ungebildete Masse der Arbeiter, die ihnen Glauben schenkte wie neuen Propheten. Diese Revolutionsprediger waren eine Gefahr geworden für das Vaterland und die Gebildeten aller Länder; sie vor allem waren zu bekämpfen. Der Freisinn allein bietet die wahre Freiheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit des einzelnen; in ihm einzig blüht auch das Heil der Zukunft. Sagt euch los, ihr. irregeführten Arbeiter, von den Lügen der Sozialdemokratie. Stürmischer Beifall lohnte den Redner, aber das Händeklatschen wurde übertönt von höhnischem Gelächter, das von einer kleinen Gruppe ausging, die festgeschlossen in einer Ecke des Saales stand. Ein anderer Redner, eine hagere, knochige Gestalt, lüftete die Maske noch mehr. Oder hatte er eine neue aufgesetzt? Der Freisinn war wieder fromm geworden. Erst redete er nur von der Natur und vom Kampf aller gegen alle und von Darwin. Auf einmal fiel auch das Wort Gott. Starkblom lauschte erstaunt und ekelahnend. Gott habe die Welt so geschaffen, dass alle gleiche Rechte haben, aber nicht gleiche Gaben und gleichen Charakter und gleiches Glück. Reiche und Arme, Fleißige und Faule, Kluge und Dumme, das sei ein Gegensatz, der nicht auszurotten. Und wieder hörte er erbittertes Lachen. Und das Erbe? fragte eine schreiende Stimme. Erben nur Kluge? Ja, das sei gut und nötig für das Wohl des Staates, dass die Kinder von des Vaters Gaben zehrten. Die Familie sei die Grundlage des Staates und aller Gesittung. Während dieser Rede hatte sich ein Arbeiter aus jener Ecke langsam einen Weg durch die Reihen gebahnt und war auf die Tribüne gegangen und hatte dem Vorsitzenden etwas zugeflüstert. Der sah ihn zweifelhaft an und zuckte mit den Achseln. Der andere machte eine leichte selbstverständliche Handbewegung. Der Vorsitzende breitete fragend die Arme aus. Da schlug der Arbeiter ärgerlich leicht mit der Faust auf den Tisch, dass die Glocke, die darauf stand, leise zitternden Ton gab, und der Vorsitzende ergab sich zögernd darein. Nachdem nun der laute Beifall verklungen war, verkündete er, dass sich ein Gegner zum Worte gemeldet habe, und da freie Diskussion ihr Prinzip sei, müsse der das Wort erhalten. Er werde die Geduld der Versammlung hoffentlich nicht lange in Anspruch nehmen. Nun trat der Arbeiter, ein Mann in den mittleren Jahren mit ernstem, wenig sagendem Gesichtsausdruck vor. In der linken Hand hielt er seinen breiten Filzhut zusammengedrückt und mit dieser machte er, während er sprach, seine lebhaften aber gleichmäßigen Bewegungen. Er will scheint's Holz hauen, flüsterte jemand in Starkbloms Nähe und lachte unbändig über seinen Witz. Der Mann sprach nicht gut und nicht schlecht und wunderlich mischte sich in seinen Worten nüchterne Trockenheit mit trivialen, aufgefangenen Redeblumen. Er hoffe nicht, so begann er, die Herren zu überzeugen, das sei nicht möglich, aber er wolle ihnen seine Meinung sagen, damit sie sähen, wie der Arbeiter denke. Das Licht der Vernunft sei aufgegangen im Proletarierhirn, und das sei das Verdienst der Sozialdemokratie. Diese allein habe ein Herz fürs Volk, sie allein habe ein festes Ziel und suche die ganze Menschheit zu beglücken. Was nützt uns Ihr Gott, wenn er uns in unserem Elend lässt? Wir haben uns abgewandt von ihm; behalten Sie ihn allein für sich. Solange der Kapitalismus dauert, hört die Lohnsklaverei nicht auf; darum muss die kapitalistische Gesellschaft mit Stumpf und Stil vernichtet werden. Die Menschen haben im wesentlichen gleiche materielle Bedürfnisse; oder können Sie mehr als einmal zu Mittag essen? Nein? Dann ist es auch lächerlich, dass einer gegen den andern streitet, wer das meiste Geld erwischt, dann muss die Produktion der Lebensmittel gemeinsam werden und das ist möglich. Der Kampf aller gegen alle muss aufhören, und das ist Ihre vielgerühmte Freiheit. Der Satte kann Freiheit brauchen, aber für die Freiheit zu hungern und geknechtet zu werden, danken wir. Erst wollen wir satt werden und das Paradies der Menschheit erobern für alle, meine Herren, für alle und jeden; dann wird die schöne Freiheit von selber da sein. Sie haben einmal gekämpft für die Sache des Volkes, als Sie selbst unterdrückt waren, aber jetzt, wo Sie selber wohlgenährt sind und obenauf, jetzt haben Sie die Sache des Volkes verraten! Wir brauchen Sie aber auch gar nicht mehr. Wir sind zielbewusste Proletarier, wir stehen auf dem Boden des Klassenkampfes und den werden wir nicht verlassen, bis die Sonne des Ostens emporsteigt und die Klassengegensätze aus den Angeln hebt. Und wie zum Hohn rief er zum Schluss, indem er fest auf die Versammlung blickte und auf seine paar Kameraden im Winkel: Es lebe die internationale revolutionäre Sozialdemokratie, und jubelnd stimmten seine Genossen ein: hoch, hoch, hoch! und der Einklang schwebte über dem gemischten Toben der Versammlung. Starkblom fühlte sich wie erhoben von etwas Unerhörtem. Er stand auf und sah den Arbeitern nach, die den Hut auf dem Kopf, fest auftretend, wie zum Protest den Saal verließen. Er hörte wieder die Stimme des Vorsitzenden, der von unerhörtem, provozierenden Benehmen sprach, aber er hatte genug und wollte nicht länger bleiben. Er ging zu einer Seitentüre hinaus. „Herr Fabrikant Wangaus hat das Wort," hörte er gerade noch beim Schließen der Türe. Also der wollte den Mann widerlegen. Er lächelte. Dessen Rede kannte er schon, der Hagere und der Fette, die beiden sprachen in gleicher Weise. Gott stellt jeden auf seinen Platz! Seid doch zufrieden und rüttelt nicht an der überlieferten Ordnung der Gesellschaft. Unsere ganze große Kultur ruht ja nur auf ihr. Er wollte doch rütteln, und die Arbeiter rüttelten auch. Freilich, diese Arbeiter, die standen nicht zusammen mit ihm. Die wollten noch leben, die wollten erst beginnen und das rechte freudige Leben schaffen. Das freudige Leben? Sie täuschten sich wohl. Das Leben war keine Freude. Diese Naiven, wenn sie alles das hätten, was er sich errungen und was ihm vom Glücke zugefallen, Reichtum, Unabhängigkeit, Bildung, Wissen — sie wären elender als jetzt. Oder sie wären stumpfsinnige Tiere wie diese Bürgersleute da drinnen. Oder gab es ein drittes? Gab es ein drittes? Gab es ein ...? Er konnte es nicht glauben. Ja, wenn er glauben könnte! An die Zukunft glauben. An eine Bestimmung des Menschen, an einen Zweck, an einen Sinn ... aber so, alles dumm und zwecklos und so, freudlos und lächerlich. Werdet wie die Kinder. Dann werdet ihr glauben und das Leben genießen, solange ihr lebt, und das Paradies der Menschheit erobern. Hatte er nicht so gesagt? Und warum genießen, nochmals und immer wieder? Ich kann nicht genießen, denn ich frage; und wenn ich nicht mehr frage und mich aufbäume und forsche und grüble und schließlich verzweifle: bin ich dann nicht ein Tier? — Und warum willst du kein Tier sein? Ein heiteres, herrliches Wesen, strotzend von Fülle und Kraft und Übermut und Verwegenheit, immer in neue Tiefen sich hinabstürzend und sich wieder emporschwingend zu himmlisch-reinen Ätherfemen und Glockentönen? Fragend genießen, genießend fragen; in der Erde wurzeln und hinaufragen mit dem Götterleib zur reinen Höhe, das wäre doch schön, schön? Ja das wäre schön! Also doch — arbeiten? Arbeiten für ein Ziel, hinaufstreben, aufklären, predigen, veredeln? Kämpfen? Mitstreiter suchen? Und finden? Genossen? Wo? Sozialdemokraten? Ja? Ob das nicht am Ende die rechten Menschen für ihn waren? Sie schienen ein Ziel zu haben, ein festes, unverrückbares, sie wollten etwas; und war es nicht schön und groß, was sie wollten? Und war es nicht möglich? 0, aber es mußte ja möglich sein, wenn das Leben einen Sinn haben sollte. Und es mußte doch einen Sinn haben, da er leben wollte und sich freuen wollte und hoffen wollte? Und wenn der Mensch etwas denken konnte und wollen konnte, dann war es doch auch erfüllbar? Freilich leugneten das die Philosophen; aber sollte es nicht eben darum —? Alles Vernünftige ist möglich; sonst ist das Vernünftige wahrhaftig sehr unvernünftig. Also — versuchen wir es zum mindesten. Her mit dir, du meine Vernunft, und du, mein Leben! Wir wollen euch noch einmal erproben. Hierhin stell' dich, Vernunft, und hier gegenüber, du Leben. Wenn ihr nicht zusammenkommt, solange ich euch beobachte, dann werf ich euch beide ins Wasser; da könnt ihr zusammen ersaufen und krepieren. Und das Beobachterlein geht dann schon von selber mit ein ins Reich des Todes. Also: ich beginne. Ich will versuchen. Die Sozialdemokraten, die muss ich kennen lernen. Am Ende werde ich selber einer. Sie werden mich brauchen können. So wäre dann der Kreis glücklich vollendet. Die Höhe hat die Tiefe wieder getroffen und verbindet sich mit ihr. Man wendet sich so lange vom Leben ab, bis man ein neues beginnt. Vom Leben mit Ekel! War es denn nicht nur dieses Leben, unter diesen Umständen, in diesen Verhältnissen? Und all mein Denken, und all mein Ekel und meine Verzweiflung — nur eine Frucht meiner Umgebung und meiner Zeit? Neue Verhältnisse schaffen? Fort mit der allgemeinen, unklaren, dem einzelnen feindlichen Philosophie? Lebe die Nationalökonomie und die Geschichte und die Naturwissenschaft? Sozialdemokrat werden? Einrichtungen bekämpfen und nicht mehr den Menschen an sich? Verhältnisse aufheben und nicht mehr sich selber? Wissen und nicht mehr ahnen? Glauben und nicht mehr verzweifeln? Freude und nicht mehr dumpfer Schmerz? Leben und nicht mehr Tod? Sozialdemokrat werden? Sozialdemokrat sein? Hierher kehrte sein Denken immer wieder zurück und hier blieb sein Denken stehen. Damit legte er sich ins Bett, damit schlief er ein und damit wachte er wieder auf. Als er ein paar Tage später sich aufmachte, um einer Versammlung beizuwohnen, die der sozialdemokratische Leseklub „Menschheit" einberufen hatte, war sein ganzes Wesen nichts als Willfährigkeit und fruchtbarer Boden. Er hatte keinen neuen Entschluss gefasst, er hatte über die Sache noch nicht tiefer nachgedacht, er hatte nichts studiert über soziale Zustände und materialistische Geschichtsauffassung, aber er war in ahnungsvoller Bereitschaft, sich in etwas Neues hineinzustürzen mit dem ganzen leidenschaftlichen Feuer, das sich in ihm die Zeit über angesammelt. Menschen zu finden, denen er sich anschließen, die er leiten konnte, Genossen haben im Streit und im Ziel! Als er kurz nach 8 Uhr in das Lokal trat, war der große Saal noch ziemlich leer. Erst nach einer halben Stunde etwa kamen Gruppen von Arbeitern und setzten sich an die Tische. Als kurz nach 9 Uhr die Versammlung eröffnet wurde, war der Saal überfüllt, überall an den Wänden und zwischen den Tischen standen noch Menschen. Frauen waren ganz vereinzelt zu sehen. Starkblom saß an einem Tisch etwa in der Mitte des Saales, wohl der einzige Fremde unter mehr als tausend Arbeitern. Nur kurz vor Eröffnung der Versammlung waren zwei feingekleidete junge Herren gekommen, offenbar Kaufleute mit ausgeprägt jüdischem Typus und waren prüfend und unsicher im Saale hin und her gegangen. Dann sagte der eine zum andern: Komm, Nathan, wir wollen gehen, es ist ja kein rechter Mensch da. Ein Arbeiter, der in der Nähe stand, drehte sich ruhig um, packte den einen links und den andern rechts hinten am Kragen, schob sie zur Türe und warf sie mit einem tüchtigen Stoß hinaus. Starkblom, der die Szene beobachtet hatte, lachte herzlich und nickte dem jungen Mann, als er wieder vorbeikam, freundlich zu. Der setzte sich zu ihm an den Tisch, und unterhielt sich mit ihm über politische und naturwissenschaftliche Dinge. Es war seit langer, langer Zeit das erste Gespräch, das Starkblom mit innerem Anteil und mit Genuss führte. Nun erhielt der Referent das Wort; er sollte über das Thema: „Wie stellen wir uns zu den Wahlen?" sprechen. Er war noch ein junger Mensch, wohl höchstens 26 Jahre alt, der vor kurzem in Berlin zuerst in der Öffentlichkeit aufgetreten war und von Stadt zu Stadt zog, um für seine Ansichten zu agitieren und die Arbeitermassen zu neuer Begeisterung, neuem Zielbewußtsein und neuer Energie aufzurütteln. Genossen, die Reichstagswahlen stehen vor der Tür, so begann auch er gleich den unzähligen Aufrufen und Reden, die in diesen Tagen überall in Deutschland in die Massen geworfen wurden. Aber nur zum Spotte. Denn er fuhr gleich fort: Was gehen uns diese Wahlen an? Sollen wir den Volksverführern, die auf unsere Dummheit und auf die Aufregung dieser Zeit spekulieren, glauben, daß von dem Stimmzettel, den wir in die Urne werfen, von dem Abgeordneten, den wir nach Berlin schicken, unser Wohl und Wehe abhängt? Sollen wir glauben, daß wir Arbeiter einen Vertreter brauchen, um zu erreichen, was wir wollen? Nein, sage ich, falsch ist diese Ansicht, wir wollen uns selber helfen. Falsch ist die Meinung, das allgemeine gleiche direkte Wahlrecht, das man uns vor einigen Jahrzehnten gegeben hat, sei ein Zugeständnis der Regierung an die sogenannte Souveränität des Volkes. Im Gegenteil, es war ein überaus schlaues Mittel, um durch alle Künste der Lüge und der Verführung, mit Hilfe der unverständigen Masse, die revolutionäre Bewegung der freien Geister zu lähmen und durch scheinbare Beteiligung an der politischen Macht ehrgeizige Demagogen, die sich als Vertreter des Volkes aufspielen, zu ködern und zu glatten parlamentarischen Regierungsspießgesellen zu machen. Ist es nicht überaus bezeichnend, daß es üblich geworden ist, unter parlamentarischem Tone eine gewisse aalglatte, höfliche, heuchlerische, durch und durch verlogene Manier zu reden und aufzutreten zu verstehen? Ist es nicht bedenklich, daß in allen Parlamenten die feinen, schwächlichen, sogenannt aristokratischen Leute, die nichts ihr eigen nennen als ihre geläufige, alle Unebenheiten und Derbheiten vermeidende Zunge, daß diese überall die Hauptrolle spielen? Ja, wenn es so wäre, wie man uns vorzuspiegeln sucht auch von seiten solcher, die es ehrlich mit uns meinen, wenn das Parlament die Heimstätte des freien Wortes wäre, wenn hier, wo man ungestraft sagen darf, was man für gut hält, in allen Fragen, in denen der Religion, der Nationalität, der Rasse, des sozialen Lebens, der Moral, in allen Fragen wie gesagt, wenn da Männer aufträten mit dem Mute ihrer Überzeugung, und das mit ihrer feurigen Beredsamkeit verträten, was wir denken oder wenigstens unklar fühlen, was wir aber nicht sagen dürfen, weil das sogenannte „Gesetz" es verbietet — dann hätten wir nichts gegen das Parlament, obwohl es auch dann noch lange nicht die Bedeutung hätte, die viele ihm jetzt schon zuschreiben. Aber wo in aller Welt ist es denn so? Fürchten sich denn nicht im Gegenteil unsere Vertreter vor dem Ordnungsruf des Präsidenten oder vor dem Spotte der andern Abgeordneten, ihrer geschätzten Kollegen, mehr als vor dem Strafrichter? Sprechen nicht auch diese Herren, wenn sie mitten unter uns stehen, wenn sie das Echo vernehmen, das aus unserer Masse zu ihnen emporschwillt, freier, mutiger, wahrhafter als dort? Oder — lügen sie da mit ihrem freien Ton ebenso sehr wie dort mit ihrem feinen? Dann wehe diesen Vertretern und Führern! Dann sind wir verraten und verkauft! Der sogenannte konstitutionelle Staat bedeutet eine Einigung, ein Kompromiß der feudalen, mittelalterlichen Regierung, des Junkertums, des Königtums von Gottes Gnaden auf der einen Seite mit der bürgerlichen Gesellschaft auf der andern. Wohl ist es wahr, solange dieser Kampf zwischen der bürgerlichen und der feudalen Welt ausgefochten wurde, war unser Platz auf der Seite der Bourgeoisie; damals waren wir noch zu schwach, um gegen beide zugleich anzukämpfen oder als lachende Dritte zuzusehen, wie sie miteinander stritten. Heute aber ist dieser Kampf überhaupt nur noch ein Scheinkampf, heute kämpft nicht mehr eine Lebensauffassung gegen eine andere, sondern nur ein Interesse gegen ein anderes. Nur wir, die wir stark sind in unserer Gemeinschaft, wir haben eine neue Lebensauffassung, wir müssen mehr und mehr unsere Gegner gegen uns vereinen, indem wir sie beide bekämpfen. Wir lassen ihnen ihren Staat und ihre kapitalistischen Einrichtungen und ihre Kirche und ihr Parlament — wir stehen außen, und wo wir noch nicht außen stehen, wo uns die Not zwingt, ihnen Frondienst zu leisten, bei der Arbeit um des Lohnes willen, da werden wir auch einmal aufhören, aufhören mit einemmal, dann, wann es uns beliebt, wann der rechte Zeitpunkt gekommen ist. Hier wurde der Redner, der sich in ein lebhaftes Feuer hineingeredet hatte und seine Worte mit starken Bewegungen seiner Arme und seines Kopfes begleitete, durch lebhaften Beifall unterbrochen. Starkblom horchte hoch auf. Da war er am richtigen Fleck. Aufhören mit der Arbeit, wann es beliebt. Das war seine Sache. Freilich — es war alles in anderem Zusammenhang. Nichts im Gegensatz zum Leben. alles vielmehr um des Lebens willen, für das vernünftige Leben. Das war es, was diesen Männern allen so felsenfest sicher stand: es gab eine Vernunft im Leben, es gab eine Zukunft, es gab Freude und Lebenszweck, man hatte ein Interesse an der Welt, auch an den Nachkommen, man handelte und brachte Opfer für eine Sache, an die man glaubte, für ein Ziel, auch wenn man es nicht erlebte. Das war es, das war es, wonach er sich gesehnt, so heiß gesehnt mit all seinem Sinnen — diese Männer hatten es, sie wussten wofür sie lebten, ja wofür sie starben. Und Starkblom bemühte sich, die Zweifel, die sich ungeordnet von allen Seiten her in ihm aufbäumen wollten, zu vernichten. Er wollte nicht mehr unglücklich sein, er wollte mitmachen, und er konnte es. Er ließ sich hinreißen — gleichviel wohin. Der Redner hatte indessen einen Schluck Bier getrunken und fing nun wieder an. Die Frage, was uns die Wahlen angehen, erweitert sich zu der Frage: Was geht uns die Politik an? Sind wir, wie es vorgegeben wird, eine politische Partei oder sind wir etwas anderes, etwas Größeres? Was ist denn Politik? Staatskunst nennt man sie zu deutsch, und das ist richtig. Ohne Staat gibt es keine Diplomatie und kein Parlament und keine Politik. Was aber in Dreiteufelsnamen geht uns der Staat an, der Gehilfe der heutigen Gesellschaftsordnung? Falsch ist die Meinung, wir könnten uns durch ein Hintertürchen einschleichen in den heutigen Staat und könnten auf diese Weise unser Ziel erreichen. Falsch ist die Ansicht, dieses Hintertürchen, der Parlamentarismus, sei aus Versehen offen geblieben, oder aus Not; im Gegenteil, sperrangelweit haben es die heutigen Machthaber geöffnet, um uns zu ködern und uns zu sanften Regierungsschafen und Staatseseln zu erziehen und groß ist die Gefahr, sie könnten ihr Ziel erreichen. Genossen, wir sind keine politische Partei; wir wollen keine Gesetze machen, um die Ordnung herzustellen im Interessenkampf und um die Schwachen zu unterdrücken und die Reichen zu sichern; wir wollen nicht flicken an der heutigen Welt, um sie erträglicher zu machen, nein, ich sage es offen, wir wollen sie unerträglich machen, um sie rascher ihrem Tod entgegenzutreiben. Wir kennen keinen Gegensatz zwischen den einzelnen Nationen, wir sind heute alle eins als Proletarier im Kampf gegen das Kapital, und wollen, dass alle Menschen eins werden als Menschen, als Individuen im Kampf gegen feindliche Naturkräfte, im Streit für den Fortschritt und die Kultur! Nochmals und immer wieder: wir wollen uns nicht beteiligen, wir wollen abseits stehen, wir wollen die heutige Gesellschaft allein lassen, und wenn es an der Zeit ist, im Stiche lassen. Um das zu erreichen, wenden wir uns vor allem aufklärend an den einzelnen Menschen. Wir sagen ihm: Siehe, mein Bruder, es gibt für dich keine Pflicht gegen den Staat oder die sogenannte Gesamtheit, es gibt auch keine Pflicht gegen Gott, das alles hat man dir vorgelogen und anerzogen. Wie du zu handeln und was du zu glauben hast, darüber hast du dich einzig mit deiner Vernunft auseinander zusetzen. Und dafür ist gesorgt durch die gemeinsame Abstammung aller Menschen, dass sie trotz aller Ungleichheiten und Differenzen nur eine Vernunft haben, und dass ein normaler Geist das Größte zu erfassen wenigstens imstande ist, was der Fortgeschrittenste, der Höchststehende, der Genialste gefunden und entdeckt hat Freilich, einen Wust von Aberglauben und Unsinn und Lüge müssen wir vorher wegräumen, das kapitalistische Denken ist auch dem Arbeiter nur allzu sehr aufgepfropft worden, aber glücklicherweise verträgt es sich auf die Dauer nicht mit seinen Interessen, und daher kommt es, dass die Masse der Arbeiter sehr wohl Verständnis hat für jede neue große Idee. Das gilt nicht für den Bourgeois — ihm kann man Vernunft predigen, solange man will, der Durchschnittsbourgeois kann uns nicht recht geben, selbst wenn er ehrlich ist. Soll ein Bourgeois sich überzeugen lassen von einer Idee, die einer neuen Weltanschauung angehört, dann muss er ein freier Mensch sein, der sich zu erheben versteht über die Interessen seiner eigenen Klasse. Und derer sind wenige. Wer aber unter uns Arbeitern versteht es nicht, wenn ich ihm sage: du zahlst Steuern, du bist Soldat, du arbeitest in der Fabrik, nicht weil es dein Wille ist, sondern weil du musst, weil du geknechtet bist, weil vorerst die, die dich knechten, noch die Stärkeren sind. Du kannst, auch du Einzelner kannst es, du kannst aufhören zu arbeiten, wenn du nur willst, aber du wirst verhungern, du kannst dich aufbäumen gegen Staatsgesetze und Moralgesetze, die dich nichts angehen, aber du wirst dann deiner Freiheit beraubt, wenn nicht getötet, und das von Rechts wegen — denn Recht ist Macht. Du kannst alles, was du tust, lassen, wenn es nicht dein Wille ist; aber unter der Knechtschaft, unter der du stehst, kannst du nicht tun, was du willst. Du kannst deinen heißen Bildungstrieb nicht befriedigen, du kannst dir kein menschenwürdiges Dasein schaffen, du kannst nicht aus der Welt schaffen, wovor dir ekelt, nicht die Schwindelgeschäfte, nicht die Börse, nicht die Prostitution, nicht lügnerisches Pfaffentum und Beamtentum, nicht verkehrte, geistverstümmelnde Jugenderziehung. Kurz, du kannst nicht leben wie du willst, du mußt leben, wie es die Verhältnisse wollen, die aufrecht erhalten und verteidigt und idealisiert werden von der heutigen bürgerlichen Gesellschaft. Unter diesen Umständen gibt es nur ein Mittel. Wir alle, die wir unter diesen Verhältnissen leiden, tun uns zusammen zu einer kämpfenden Gemeinschaft. Wir wollen nicht aufhören Vernunft zu lehren und die Massen aufzuklären, bis wir es erreicht haben, daß die Proletarier aller Länder sich vereinigt haben, um zu stürzen die kapitalistische Weltanschauung und einzurichten die sozialistische. Organisieren wir uns in den Gewerkschaften, werbet überall, in den Fabriksälen, auf den Straßen und öffentlichen Plätzen, in der Familie, in großen Versammlungen. Ist diese freie Organisation stark genug, dann kann jede einzelne Gruppe im Kampf um die vorläufige Besserung der Lebensbedingungen, um Verkürzung der Arbeitszeit, um Erhöhung des Lohnes auf die Unterstützung aller anderen rechnen und dem Kapital die Spitze bieten. Dann kann jede einzelne Gruppe schon vorläufig der bürgerlichen Gesellschaft kündigen, sei es auch nur um zu zeigen was kommen wird. Und diese unsere Kampforganisation muß schon ein Abbild sein der zukünftigen Gesellschaft. Da tritt jeder ein mit Gut und Blut für den anderen, für die gemeinsame Sache; einer für alle; alle für einen. Darum rufe ich euch zu: Genossen, wählt nicht zum Reichstag! Wählt keinen Vertreter, der für euch kämpfen soll durch Parlamentsreden. Das Wort ist nicht da zum Kampf, sondern zur Belehrung, und für den Kampf gibt es keine Vertretung. Kämpft selbst, Proletarier, nicht mit der Zunge, kämpft mit eurer ganzen Person, kämpft da, wo der Kampf ausgefochten werden muß, auf dem Boden der Arbeit, und da könnt ihr nicht allein kämpfen, sondern nur alle zusammen festgeschlossen und einig. Vereinigt euch, Proletarier, klärt auf, Genossen, werbet für unsere Idee, der Sieg wird unser sein! Wieder ertönten starkes Händeklatschen und lebhafte Rufe der Zustimmung, durch die nur ein ganz vereinzeltes:: „Ganz unrichtig!" kaum dringen konnte. Die Diskussion wurde nun eröffnet und ein Arbeiter nach dem andern trat vor, um mehr oder weniger geläufig seine Zustimmung zu dem Gehörten auszusprechen und nunmehr Ergänzendes beizubringen, indem hauptsächlich gegen die einzelnen Volksvertreter schwere Vorwürfe erhoben wurden. Nachdem nun noch der Gegner, der sich vorhin bemerkbar gemacht, zu Wort gekommen war, um außerordentlich fließend in ununterbrochener Rede zu sagen, wie ungerecht die Vorwürfe seien, wie großes Verdienst sich die Führer um die Sache erworben, wie vortrefflich die Parlamentswahlen und das Parlament selbst sich zur Agitation eigneten, wie auch manches auf diesem Wege für die Arbeiter herauszuschlagen sei — erhielt der Referent noch einmal das Wort, um das Ergebnis der Diskussion zusammenzufassen. Gesinnungsgenossen, so begann der Redner, für ganz unrichtig muß ich es halten, wenn der Herr Vorredner gemeint hat, die Bourgeoisie, d. h. ihre Vertretung, das Parlament, habe uns Konzessionen gemacht, weil wir eine in Betracht kommende Anzahl Abgeordnete ins Parlament gesandt hätten. Keineswegs, sage ich. Diese Konzessionen sind gemacht worden (übrigens kann man ja bisher kaum schon von solchen reden, aber ich gebe zu, es werden noch solche gemacht werden), weil die Bewegung in den Massen zu groß geworden ist und zu gefährlich, weil etwas getan werden mußte, um den Anschein zu erregen, die herrschende Klasse sei sich der Ungerechtigkeit unserer Zustände bewußt und wolle abhelfen. Wieviel stärker und energischer aber wäre heute schon die sozialistische Bewegung, wenn unsere Agitation nicht nur Wahlagitation gewesen wäre, wenn wir von vornherein uns in Gegensatz zum Parlament gestellt hätten. Ich behaupte, die Herren im Reichstag und am grünen Tisch hätten ein ganz anderes Gruseln verspürt und hätten viel entschiedenere Konzessionen gemacht, wenn niemals ein Sozialist ihren Sitzungssaal betreten hätte, wenn sie ganz allein unter sich geblieben wären und nur die drohenden Stimmen gehört hätten, die lauter und lauter von außen eingedrungen wären, von dem arbeitenden Volke, das nichts mit ihnen gemein haben will. Was aber kümmern sich die Herren jetzt darum, wenn ihnen ein glatter Redner zwei Stunden lang möglichst maßvoll dies oder jenes auseinandersetzt und immer Rücksicht darauf nimmt, dass er nicht zuviel von den Herren verlangt? Und wie ganz anders aufreizend hätten die Reichstagsverhandlungen gewirkt, wenn die Herren Bourgeois unter sich geblieben wären, wenn sie die Zeit vertrödelt hätten mit ihrem einsichtslosen und törichten Geschwätz, mit ihrem unsinnigen, tagelangen Streit über Formalien und Lappalien, während draußen die Arbeiter sich fester und fester zusammenschließen zum Kampf ums Brot (was etwas anderes heißt als die Bekämpfung des Kornzolles), aber auch um ein hohes Ideal, für die Neugestaltung der Menschheit! Und wenn dann einmal eine festgeschlossene Kolonne Arbeiter auf der Galerie erschienen wäre, um dem Geflunker zuzuhören, wenn die Aufregung dann bis zum Siedepunkt gestiegen wäre, und das Volk anfinge, mitzureden und den Herren zu sagen, was von ihnen zu halten ist, dann könnte man sehen, wie die Herren Bourgeois sich vor Angst in alle Winkel verkröchen. Hat man etwas dem Ähnliches schon einmal erlebt, wenn einer unserer Abgeordneten gesprochen hat? 0 nein, man hat ihn höchstens aufmerksam angehört und hat dann die oratorische Leistung bewundert. Das muss anders werden. Auf diesem Wege verflacht unsere große Bewegung mehr und mehr. Hüten wir uns, dass nicht abgespannt wird; hüten wir uns, dass die Massen nicht anfangen zu ermatten und an unsere Sache nicht mehr zu glauben. Die Unzufriedenheit, die leidenschaftliche Begier, unsere Lage zu bessern und von Grund aus zu ändern, darf nicht schwinden, muss gesteigert werden. Und Aufklärung und Belehrung muss sich damit fort und fort vereinen. Nehmen wir uns in acht! Stehen wir zusammen Mann für Mann! Und vor allem: Nicht wählen wollen wir, sondern protestieren gegen das Wählen! Mitten unter dem Beifallssturm, der sich wieder erhob, während einige sich schon zum Weggehen bereiteten, indes die große Masse ruhig sitzen blieb in der Erwartung, dass zum dritten Punkt der Tagesordnung: „Verschiedenes" noch etwas von Interesse zur Sprache käme, stand Starkblom auf. Während der letzten halben Stunde hatte ihm der Gedanke: Du mußt reden, und immer wiederholt das eine Wort: reden, reden, reden keine Ruhe mehr gelassen. Es fröstelte ihn und dann stand ihm wieder der Schweiß auf der Stirn und es drückte ihn etwas ohne Unterlaß an der Kehle, und nun war er aufgestanden, er wußte selbst nicht, um das Fieber und die Beklemmung von sich zu schütteln oder zu reden. Nun fragte der Vorsitzende seiner Gewohnheit nach: „Wünscht noch jemand das Wort? — Es scheint, daß —" Da streckte Starkblom, wie er es vorher bei den anderen, die sich gemeldet, gesehen hatte, gedankenlos den Arm in die Höhe und währenddem fuhr es ihm durch den Kopf: Nun mußt du reden, nun mußt du reden, was wirst du denn sagen, ich weiß ja gar nichts zu sagen, die Gedanken gehen mir ja aus, jetzt ist es Zeit, Zeit, Zeit, groß — bedeutend — mannhaft — alles, alles. „Sie haben das Wort. Bitte rasch; Namen und Wohnung, kommen Sie vor," sagte der Vorsitzende sofort. Starkblom ging vor; er hatte sich gefaßt, aber er konnte nicht überlegen; meine Herren, meine Herren, ich, meine Herren, ich will, meine Herren, so wiederholte er in seinem Denken immerfort und fast mit den Lippen. Aber als er vorn stand, sagte er ganz ruhig zum Polizeileutnant, der die Versammlung überwachte, gewendet: Karl Starkblom, Villa Weißes Haus, Privatmann. „Sie haben das Wort," wiederholte der Vorsitzende, während man in der Versammlung teils aufmerkte, teils durcheinander sprach; man war begierig, was der feine Herr zu sagen wußte. Und nun begann Starkblom, und gleich von Anfang an fließend und ruhig sprechend, nur zwischen den einzelnen Sätzen kurze Pausen machend, während deren er tief Atem holte, denn eine gewaltige Aufregung in ihm preßte sich gegen seine Brust. Meine Herren, es ist richtig, was der erste Redner sagte. Damit sich einer aus den Reihen der Gebildeten erhebt über den Standpunkt seiner Umgebung, über das Denken und gewohnheitsmäßige Leben, das ihm von früh an eingelernt ist, dazu gehört ein freier und ungewöhnlicher Mensch. Und selbst dann, wenn einer frei ist und von bedeutender Geistesanlage, selbst dann wird sein Leben sich ganz anders gestalten, wird er zu ganz anderen Resul taten kommen, als Sie wühl annehmen, wenn ihm irgendwelche Zufälligkeiten den Streich spielen, ihn nie zusammenkommen zu lassen mit den Menschen, deren Denken von Anfang an eine ganz andere Richtung einschlagen muss als die seine. Ich bin nicht mehr jung, aber zum erstenmale in meinem Leben stehe ich heute unter Arbeitern. Ich bin kein Bourgeois in dem Sinne, wie Sie das Wort gebrauchen, wohl aber bin ich, mir selbst nicht bewusst, ausgegangen in all meinem Leben und in all meinem Denken und Empfinden von der heutigen Gesellschaftsordnung, von der heutigen Sitte und Moral. Über alles, was man mir je angelernt hat, habe ich mich in langem Ringen und schwerem Kämpfen vollständig erhoben, nur das eine habe ich bis zu dieser Stunde nie gewusst: dass es Menschen gibt, die ganz anders empfinden und denken, wie wir da oben, und dass die Zukunft in den Händen dieser Menschen liegen kann. Ich habe die ganze Bildung meiner Zeit bewältigt; ich habe all das Leben und Treiben dieser Erde beobachtet; ich habe geschaut, wie die Menschen dies und das treiben und sich doch stoßen lassen von jeglichem Zufall, dass sie kein Ziel haben und keine Reflexion, und ich habe mich mit Ekel abgewandt von dem Menschengeschlechte, das nicht weiß, wofür es lebt und — noch schlimmer — es gar nicht wissen will. Und ich war nahe daran, selbst wegzugehen vom Menschendasein, weil ich trotz allem Grübeln und verzweiflungsvollen Forschen nicht finden konnte, wofür ich lebe. Ich habe den Mut gehabt, in meinem Denken wenigstens die Konsequenz zu ziehen aus meinem Leben, und das ist die Konsequenz eines jeden aus meinem Gesellschaftskreise. Diese Konsequenz heißt: Selbstmord. Heute aber kann ich sagen: ja, jawohl, die bürgerliche Welt ist dem Tode verfallen, aber aus ihren Trümmern, das hoffe ich mit Ihnen und daran will ich mich anklammern, wird auferstehen die sozialistische Gesellschaft, eine neue Welt. Hier löste sich die Spannung, mit der die große Versammlung bisher in vollkommener Ruhe zugehört hatte, in ein vielstimmiges und gleichzeitiges Bravo auf. Starkblom fuhr sich leicht über die Stirn und holte tief Atem; dann sprach er weiter, nunmehr lebhafter und freudiger, wie getragen von der Sympathie der Versammlung. Ja, meine Herren, heute ist es mir endgültig klar geworden und darauf baue ich: nicht der Mensch als solcher oder gar die Welt an sich ist es, vor der mir ekelt in tiefster Seele, es sind nur die Menschen, unter denen ich aufgewachsen bin, mit denen ich mein ganzes Leben verbracht habe; es sind nur die Zustände, die heute herrschen und die sich von Geschlecht zu Geschlecht überliefern, weil jedes Kind von neuem gedankenlos hereingezogen wird in den alten Kreis verrotteter Gewohnheit. Ein Kind aber kenne ich, das noch nicht zugrunde gerichtet worden ist von diesen Einrichtungen; ein Feld, das noch nicht gejätet worden ist mit dem Pfluge einer alten Moral und das bereit liegt zu neuem Samen; eine Wolke, die sich noch nicht ausgeschüttet hat, sondern voll ist von neuem fruchtbarem Regen; ein Rad, dessen Felgen noch nicht zerbrochen sind, sondern das erst beginnen will zu rollen, wer weiß wohin? ... Ich meine die Arbeiterklasse. Die Bildung, mit denen man unser Hirn vollgepfropft hat, haben Sie nicht genossen, und dadurch haben Sie Platz gehabt für eine neue Idee, dadurch sind Sie berufen, der alten morschen Gesellschaft den Todesstoß zu geben und sie abzulösen, und mit Vernunft da zu beginnen, wo die Unvernunft das Ende ihrer Entwicklung erreicht hat. Unsere törichte bürgerliche Gesellschaft glaubte dem Volke einen gewissen Grad von Willen und Aufklärung zukommen lassen zu dürfen, und die Geister, die sie so beschworen, die werden sie nicht mehr los. Die heutige Gesellschaft hätte aufrechterhalten werden können, wenn die Arbeiter systematisch zu Haustieren, noch schlimmer, zu Fabriktieren gemacht worden wären; aber da man in sentimentaler Dusselei mit einer Reminiszenz an die Menschenrechte der Französischen Revolution davor zurückschreckte und ihnen mit Halbheiten den Geist stopfen wollte, siehe da wurde der Mensch in ihnen wach, und schneller, als jene es geahnt, erwächst die neue große Revolution, die viel, viel gewaltiger werden wird als die sogenannte große Revolution der Bourgeois. Einen neuen Glauben haben die Arbeiter, einen Glauben an sich und an die Zukunft der Menschheit. Die bürgerliche Gesellschaft aber hat keinen Glauben, keinen neuen und keinen alten; sie verzweifelt an sich selbst, wo sie nicht gedankenlos dahinvegetiert und selbst zum Tier geworden ist. Die soziale Revolution wird siegen! Da brach gewaltiger Beifall los. Starkblom fühlte, dies sei für die Empfindung seiner Zuhörer das Ende seiner Rede, und obwohl er noch lange weiter hätte sprechen können, fügte er nur noch hinzu, laut durch das Getöse rufend: Zu ihnen flüchtet sich von den Gebildeten, wer an der Zukunft der bürgerlichen Gesellschaft verzweifelt und doch eine starke Ahnung hat, damit sei die Menschheit noch nicht an ihrem Ziele. Nehmen Sie mich auf in Ihren Reihen. Unser Wille ist derselbe: die vernünftige Gestaltung des menschlichen Lebens! Starkblom wollte rasch von der Tribüne heruntergehen, um so schnell als möglich nach Hause zu kommen, fort aus diesem Saale in die freie Luft. Wie hätte er jetzt noch ein einziges Wort sprechen können. Aber der Vorsitzende, neben dem er stand, tippte ihn leicht auf die Schulter und sagte: „Herzlichen Dank, Herr Starkblom. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie etwas warten wollten; die Versammlung ist ja jetzt doch wohl zu Ende. Hätten Sie die Güte?" Starkblom drückte ihm die Hand. „Gewiß, sehr gern." Während dieses kurzen Gesprächs hatte sich unten im Saale schon alles erhoben und lief durcheinander dem Ausgang zu. Nur der Form zuliebe fragte der Vorsitzende: „Wünscht noch jemand das Wort?" und fügte dann gleich hinzu: „Dann schließe ich die Versammlung." Sofort begannen einige Stimmen mit dem kräftigen Gesang der Arbeitermarseillaise: „Wohlauf, wer Recht und Wahrheit achtet," und immer zahlreicher fielen die Anwesenden ein in den Chor, während alles langsam zum Ausgang drängte. Nur einige wenige strebten gegen die Masse nach vorn, und schließlich standen, während der Saal schon fast leer war, sieben Männer um Starkblom, ihm abwechselnd die Hand reichend und durcheinander auf ihn einredend. Er nickte nur nach allen Seiten und sagte: Jaja — jawohl — ganz richtig — aber bitte sehr. — Er hörte nicht, was die andern sagten, und wußte nicht, was er selbst sprach. So hätte er wohl noch Stunden lang dastehen können und seine erregte Freude auf- und abwogen lassen. Aber der Mann, der den Vorsitz geführt hatte, rüttelte ihn auf, indem er den Vorschlag machte, sich an einen Tisch zu setzen und noch ein Glas Bier zu trinken. Es geschah so, und bald war Starkblom in ein Gespräch verwickelt mit seinen Nachbarn, erst über ziemlich gleichgültige Gegenstände, über die Arbeitsverhältnisse hier am Ort und über das bisherige Leben Starkbloms nach außen. Bald aber wurden sie hereingezogen in das Gespräch, das indessen auf der andern Seite des Tisches geführt wurde. Man sprach über die Zustände und Spaltungen in der deutschen sozialdemokratischen Par tei. Starkblom erfuhr da, daß durchaus nicht überall die prinzipienfeste, revolutionäre Richtung einen so großen Anhang habe wie hier; an andern Orten begnügten sich die Massen vielfach mit großen Schlagworten und überließen im übrigen alles ihren vergötterten Führern. „Ja, aber diese Führer," fragte Starkblom erstaunt, „können denn diese wirklich glauben, es scheinen doch überaus vernünftige und begeisterte Leute zu sein, daß durch althergebrachtes Politisieren und Parlamentieren das große Ziel erreicht werden könne? Das ist doch ganz undenkbar." „Das will ich Ihnen erklären," antwortete ihm Mathias Buvolski, der vorhin das Referat über die Wahlen gehalten hatte. „Die Herren sind überschlau, das ist ihr Verderben, hoffentlich nicht das unsere. Sie glauben gar nicht recht an die Kraft der Bewegung und vor allem nicht an die Macht der Aufklärung. Sie halten große Reden von der wirtschaftlichen Entwicklung, und daß die sozialistische Gesellschaft sich ganz von selber mache; man brauche gar nicht eingreifen und sich nicht in Gefahr bringen. Aber sie wollen die Macht nicht aus den Händen geben, sie erwarten irgend etwas ganz Besonderes, irgend einen großen Zufall, am liebsten eine Revolution von oben, einen Verfassungsbruch der Regierung, und da wollen sie zuwarten. Und damit die Bewegung inzwischen nicht stillsteht oder gar ins Nichts zerrinnt, wenden sie künstliche Mittel an, um das Interesse wachzuerhalten. Da wird also ein großer Entrüstungssturm in ganz Deutschland gegen die Kornzölle erregt, nur damit überall Massenversammlungen stattfinden —" „Was?" unterbrach ihn Starkblom. „Genau dasselbe hörte ich ja vor ein paar Tagen bei den Freisinnigen?" „Allerdings, aber das tut nichts; bei uns zieht's mehr. Und aus demselben Grunde muß gewählt werden und müssen die Abgeordneten Reden über Reden halten und Anträge über Anträge stellen. Alle paar Wochen taucht dann wieder ein neues Projekt auf, irgendein Detailvorschlag, der der Masse imponiert, Verstaatlichung der Apotheken, der Ärzte, des Getreidehandels... Die Bewegung darf nicht einschlafen, das ist alles. Aber getan wird nichts, es gibt keine ernstliche Aufklärung, nicht im Wort und nicht in der Schrift, die Provinzzeitungen sind miserabel, die Broschüren zu teuer, die Führer sitzen im Reichstag und haben keine Zeit zur Belehrung des Volks... Sie machen von sich reden und halten sich obenauf, um, wenn die rechte Zeit von ungefähr kommt, die Macht in der Hand zu haben. Darum sind sie auch keineswegs unter sich einig, immerfort Zänkereien und Eifersucht." „Was reden wir da?" sagte Starkblom. „Das sind ja ganz gewöhnliche Menschen, nicht unbegabt, aber gewöhnlich. Aber was gehen uns Personen an? Im Sozialismus steckt Tieferes, als seine heutigen Verkünder wohl ahnen. Was gehen uns diese Kleinlichkeiten an, wo es sich um die Zukunft der Menschheit handelt?" Die andern hörten aufmerksam zu, Buvolski aber sagte: „Sie haben heute Abend schön und herzlich und feierlich gesprochen. Ich habe noch niemanden getroffen, glaube ich, der so sein Alles daran setzt, um das, was er denkt, auch zur Wirklichkeit zu machen. Nicht wahr, Sie glauben felsenfest an die Macht der Vernunft?" Starkblom fühlte, wie er blass wurde. Es lief ihm kalt über den Rücken. Wenn, wenn, wenn . . . Nein. Er schüttelte sich. Nichts mehr von den alten Dingen. Er wollte nicht mehr. Es war entschieden. Ja, er glaubte. Erst nach einer Pause, während der alle gespannt nach ihm blickten, antwortete er langsam: „Viel gefragt. Ich glaube, dass ich nicht einzig bin." „Offen gestanden, ich verstehe nicht recht. Wie meinen Sie das?" „Ich bin ein Teil der Welt, ein winziger Teil; ein einsamer, versprengter Teil, es ist wahr. Dass ich vernünftig bin, das weiß ich sicher; und was ich glaube, das ist das, dass ich mich nicht so weit über die andere Welt erhoben habe, dass sie mir nicht mehr nachfolgen kann. Man kann viel, wenn man will; und der Wille kann erweckt werden. Der Geist des Menschen ist so eingerichtet, dass, wenn einer allen Schmerz und alle Verzweiflung eines ganzen Lebens dazu gebraucht hat, um eines zu erreichen und daran festzuhalten, dass er allen anderen diese Not ersparen kann, indem er ihnen das fertige Ergebnis seines Lebens begreiflich macht. In diesem Sinne ist jeder bedeutende Mensch ein Heiland, der die Schmerzen der ganzen Welt auf sich nimmt und sich kreuzigen lässt, um die Welt zu erlösen. — Wo wohnen Sie? Bitte wollen Sie mir Ihre Adresse angeben?" Alle schauten ihn verwundert an. Er aber stand auf. „Ich kann nicht länger bleiben. Aber wir sind nicht das letzte Mal zusammen." Buvolski sagte ihm, wo er wohne, Starkblom bat die Männer, ihn doch bald zu besuchen, wenn sie Zeit hätten, und nach herzlichem Abschied ging er. Er eilte nach Hause. Solange er in den Straßen der Stadt war, ging er nur sehr rasch und blies die Luft von sich und lächelte vor sich hin und schwang seinen Stock und schlug ab und zu auf die Steinplatten, dass die Funken heraussprangen. Sowie er aber auf der Landstraße war, auf der fester, aber noch weißer Schnee lag, und seine Blicke über die Felder schweiften, deren unermessliche Schneedecke im Mondschein strahlte und glitzerte, fing er an zu rennen, als wollte er mit seinem Schatten um die Wette laufen. Dabei schrie er laut: Juhu, juhu! Eine unbeschreibliche, freudige Aufregung hatte sich seiner bemächtigt. Jetzt dachte er nicht, jetzt grübelte er nicht der Zukunft entgegen, er hatte etwas in der Gegenwart, worüber er sich freuen konnte, und gedankenlos wie ein Kind überließ er sich dem Genusse. Er war schon in der Nähe seiner Villa, als ihm ein hochgewachsenes Mädchen begegnete. Schon von weitem rief sie ihm zu: „Na, Ihr seid wohl eben entsprungen?" Starkblom, der sie sofort verstand, lachte und ging weiter, bis er vor ihr stand, und hielt dann an. Sie dachte an das große Irrenhaus drin in der Stadt, in dem Unheilbare aus dem ganzen Lande eingesperrt waren. „Nun, das gerade nicht," antwortete er lustig. „Vielleicht bringe ich's aber noch so weit. War's schön heute Abend?" Er schaute vergnügt dem Mädchen, das sehr hübsch war, ins Gesicht. „Wie meinen Sie das ?" fragte sie etwas verlegen und rückte das Tuch, das sie auf dem Kopfe trug, zurecht. „Na, ich denke, ein Mädel ist doch nur aus einem Grund so spät noch hier außen. Ist er lieb? Meint er's ehrlich?" „Ich weiß nicht," sagte sie und errötete ein wenig. „Ich hab' ihn eben gern." „Hast recht, Kind. Das ist genug und erklärt alles. Was ist er denn?" „Fabrikarbeiter." „So? — Ist er auch Sozialdemokrat?" „Ich sag' Ihnen doch, dass er Fabrikarbeiter ist." „Jaso, hast recht." „Seit wann sind wir denn per Du?" Seit heute, liebes Mädel, und nur für heute. Nichts für ungut aber ich bin so froh und erhoben, wie nie zuvor." Ich merk's und es freut mich. Ich hab' die lustigen Leute gar gern." „Ich war's schon lange nicht mehr." „So?" „Jaja, schon lange nicht mehr." „Jaja, Sie sehen auch recht ernst und traurig aus. Bleibt nur lustig, 's ist besser." „Ich will's, wenn's geht. Komm, gib mir 'nen Kuß." „Nein. Oder — ja, weil's Sie sind." Sie legte die Hände auf seine Schultern und er küßte sie rasch. Dann gab sie ihm noch einige freiwillig drein, schüttelte seine Hand und wandte sich zum Gehen. „Adieu, fröhlicher Herr. Denken Sie nichts Schlimmes von mir." „Lebwohl, mein schönes Kind, und grüße mir deinen Schatz." Dann ging auch er und schnalzte noch ein paarmal vor Vergnügen mit der Zunge. Dann schritt er den Berg hinauf, jetzt langsamer, er blieb ein paarmal stehen und schaute sich um und ließ seinen Blick schweifen über Feld und Wald und Fluß, das alles weiß vor ihm lag, und über die Stadt hin. Er streckte den Arm aus und bewegte die Hand auf und ab, wie zum Segen oder zum Dank. Auch auf die Landstraße blickte er lächelnd und gewahrte schon ziemlich weit entfernt einen dunklen Punkt. Noch einmal brach die Spannung in seiner Brust durch und laut rief er wieder sein Juhu! hinunter. Und leise vernahm er die Antwort des Mädchens: Hoijohehuhu! Er nickte und lächelte vor sich hin, dann schloß er die Tür auf und ging hinauf in sein Schlafzimmer und machte Licht. Da wurde er gleich ernster, er ging noch eine Zeitlang hin und her und brummte vor sich hin: Jaja, hm, hm, jaja. Dann kleidete er sich aus, löschte das Licht und legte sich ins Bett. Nach ein paar Minuten war er eingeschlafen. Von diesem Tage an war Karl Starkblom ein leidenschaftlicher Anhänger und Verkünder des Sozialismus. Er gewann bald Einfluß auf die Massen, er schrieb zündende Broschüren, reiste im Lande herum und hielt überall, in großen öffentlichen Versammlungen, in kleinen Gesellschaften und in Fachvereinen Vorträge. Er gehörte zu den leidenschaft lichsten Kämpfern gegen die bürgerliche Gesellschaft — wenn er auch nicht darauf verzichten wollte, die vorgeschrittensten Elemente derselben durch die Mittel vernünftiger Überzeugung für seine Sache zu gewinnen. So schien er ganz aufgegangen in dieser Tätigkeit; er schien zu wissen, wofür er lebte, oder vielmehr gar keine Zeit mehr zum Grübeln zu haben. Eines Abends aber — er stand schon seit Monaten mitten in der Bewegung — ereignete sich etwas sehr Merkwürdiges. Freilich, wenn er später daran dachte, mußte er sich sagen, es kam nicht so ganz plötzlich, es hatte sich zu verschiedenen Malen angezeigt, immer war es ein jäher Einfall, der plötzliche Dolchstich eines Zweifels gewann, aber es war stets sofort wieder gegangen, und er hatte weiter keine Acht darauf. Schon am ersten Abend, in jener Versammlung war eine Bangigkeit an ihm heruntergelaufen gleich einem körperlichen Übelsein, und dann abends vor dem Einschlafen, und dann später wieder und nochmals und ein anderes Mal . . . aber ohne Zusammenhang . . . ein plötzliches Zurückschaudern ... ein dummer Gedanke, der sich wieder vergaß... Diesmal aber überwältigte er ihn. Er hielt vor einer außerordentlich stark besuchten Versammlung in einer großen Stadt des westlichen Deutschlands einen Vortrag über das Thema: Warum muß der Sozialismus siegen? Im Saal war eine fürchterliche Hitze und eine entsetzlich schlechte Luft; draußen tobte und brüllte der Sturm. Er hatte im ersten Teil seiner Rede den gegenwärtigen Zustand der menschlichen Gesellschaft in scharfen Zügen vorgeführt. Seit kurzer Zeit unterließ er es, sich genau auf seine Reden vorzubereiten; er wollte sich tragen lassen vom Strom der Gedanken und auch der Worte. So kam es, daß er diesmal in einen Gedankengang hineinkam, der ihm selbst neu war. Das störte ihn nicht, er redete geläufig weiter, aber er paßte selbst auf und mußte allerlei Nebengedanken unterdrücken. Er sprach davon, daß ein großer Unterschied sei zwischen dem Kampf für die sozialistische Gesellschaft als Ideal und diesem Gesellschaftszustand, wenn er erst einmal erreicht und zur Gewohnheit geworden sei. Das sollte den Übergang bilden zum zweiten Teil, der Schilderung der sozialistischen Gesellschaft in großen Zügen. Aber er kam über den Gedanken nicht weg. Von früherer Gelegenheit her wußte er, was da am besten zu tun sei. Er sprach den Satz, an dem er gerade hielt, zu Ende, und dann machte er eine Pause. Dann mußte ihm der neue Gedankengang von selbst kommen. Aber diesmal geschah es anders. Sowie er ein paar Sekunden gewartet hatte, kam ihm ein innerliches Lachen und Aufbäumen und ein fürchterlicher Nebengedanke, den er nicht abschütteln konnte. „Mann gib's auf! Es ist alles falsch! Hat alles keinen Sinn!" Das drehte sich immer wirbelnd im Kopfe. „Hat alles keinen Sinn! Ist ja ganz falsch! Gib's auf, Mann, gib's auf!" Er stemmte sich gegen den Tisch. Es mußte ihm gelingen. „Meine Herren," fing er gewaltsam an. „Indem ich zum zweiten Teil meiner Auseinandersetzung schreite." — Er verstummte. „Hör' doch auf — du lügst ja — denke doch erst über das andere nach — es hat ja keinen Sinn — die ganze Geschichte — was gehen dich denn andere Menschen an?" Er fuhr mit der Hand durch die Luft. Dann tat er einen unterdrückten Schrei, fuhr mit der Hand nach dem Kopf und sank um. Die Versammlung ging in großer Aufregung auseinander. Starkblom aber erwachte bald wieder aus seiner Ohnmacht, fühlte sich zum Verzweifeln elend und fuhr am nächsten Morgen nach seinem Weißen Hause zurück. Dort blieb er ganz einsam und ließ lange Zeit nichts mehr von sich hören. Ein paar Monate darauf aber erschien eine kleine Flugschrift, die in literarischen und politischen Kreisen ziemliches Aufsehen machte. Sie hieß: „Sendschreiben Karl Starkbloms an das Menschengeschlecht. Zugleich ein Absagebrief an den Sozialismus." Dritter Abschnitt Sendschreiben Karl Starkbloms an das Menschengeschlecht. Zugleich ein Absagebrief an den Sozialismus Jüngst las ich zufällig in einem sozialdemokratischen Provinzblatt die Notiz, „der bekannte Agitator Dr. Starkblom scheine von seiner bedauerlichen Krankheit immer noch nicht hergestellt und könne seine Tätigkeit vorderhand noch nicht aufnehmen." Es ist wahr, die Krankheit, die mich urplötzlich überfallen hat, ich sollte sagen, wieder überfallen hat, will nicht von mir weichen. Diese Krankheit hat jetzt sogar epidemischen Charakter angenommen, d. h. ich fühle die rasende Begier, meine friedlichen Mitmenschen, soweit sie mir Zutritt zu ihren Gedanken schenken, anzustecken, nur um frei zu werden von dem quälenden Bewußtsein, andere Leute seien kerngesund und nur ich sei ausgestoßen aus der schönen Gemeinschaft. Aber ist es nicht vielleicht gerade umgekehrt? Doch, ich weiß es mit Bestimmtheit, das Gegenteil ist der Fall. Ihr seid wahnwitzig, und ich — nun, ich bin vielleicht wahnsinniger als ihr, das ist möglich, aber ich will euch verführen zu meinem Wahnsinn, damit ich gesund scheine. Denn Krankheit ist nur ein Gegensatz und ein Ausgestoßensein des Einzelnen aus der Gemeinschaft. Und nun zu dem, wovon ich reden will. Ich will sagen, daß der Sozialismus eine Sache mittelmäßiger und gewöhnlicher Naturen ist, und ich will solche, die mich verstehen können, von der Genossenschaft der Genossen abziehen und mir und meiner Lehre verschwistern. Ich nenne den Sozialismus um deswillen gemein, weil er Voraussetzungen macht, ohne es sich und andern einzugestehen, obwohl er zur Einsicht klug und alt genug wäre, und weil er im Banne alter Worte steht und weil er nicht ein einziges neues Wort gesprochen hat, noch je zu sprechen imstande ist. Der Sozialismus, gleichwohl er sich eine neue Weltanschauung zu nennen für gut findet, setzt voraus, es gebe eine Pflicht des Menschen, sich um seinen Nachbarn zu kümmern, es gebe eine Gemeinschaft der Menschen und der Einzelne habe ein Interesse an der Zukunft der Menschheit und der Welt. Er begründet diese wichtigste aller Voraussetzungen niemals mit einem Worte, weil er gänzlich unter dem Banne einer alten Moral, des jüdisch-christlichen Sittengesetzes und seiner Variationen, steht, und weil er unfähig ist, die Möglichkeit einer neuen Welt- und Seelenanschauung auch nur zu ahnen. Der Sozialismus ist nicht Original, sondern er ist nur eine Folge historischer Reminiszenzen. Wenn er Revolution sagt, meint er eben das, was man bislang unter Revolution verstanden hat, und er kennt keine andern Mittel und Wege, als die bisher scheinbar wirksam gewesen sind. Der Sozialismus ist schamlos, denn er glaubt an sich. Der Sozialismus ist kindisch, denn er denkt nicht an den Tod. Der Sozialismus ist erbärmlich, denn er lässt sich von einer abstrakten Idee beherrschen. Der Sozialismus ist ein armseliges Wesen, denn er kennt kein reiches Leben. Der Sozialismus ist ein eingebildeter Kranker, der fortwährend sein Testament macht, anstatt zu tanzen und Lieder zu singen oder sich tot zu schießen. Und der Sozialismus ist eine Lüge, denn er redet von der Zukunft, und er ist Aberglaube, denn er nennt sich eine Wissenschaft. Man verlangt Beweise von mir. Man verlange sie nicht. Ich will nicht beweisen. Ich bin keine Anklagebehörde und kein Untersuchungsrichter. Ich gebe nur meine Eindrücke und mein Erleben wieder. Ich hasse den schreienden Ton der Unbedingtheit. Aber die Selbstverständlichkeit liebe ich. Wem viele Dinge selbstverständlich sind, der folge mir nach. Wer sich die Aufregung und das Für oder Wider mich noch nicht abgewöhnt hat, der bleibe dahinten. Leute wie mich sucht man am besten, indem man sie meidet und seinen Gang weiter geht. Man wird so reif. Und nur zu Reifen will ich sprechen. Ob auch zu Müden? Die Worte sind mir gleichgültig geworden. Auch die Welt? Auch die Welt. Nur eines ist mir noch wichtig und des Denkens wert und gewärtig, und ich freue mich wie ein Dieb dieser Inkonsequenz. Dies eine aber ist — lachet, meine Freunde, ich lache mit — dies eine ist der Tod. Er liegt mir am Herzen und von ihm muss ich noch viel erzählen. Seid ihr bereit? Ich will euch etwas erzählen — vom Leben. Halt — sollte ich nicht, bevor ich auf das Leben zu sprechen komme und auf meine Gedanken und die Vergangenheit und Geschichte meiner innersten Vorgänge und Stimmungen — sollte ich nicht vorher von den ökonomischen Verhältnissen reden, und sollte ich nicht die unumstößliche Wahrheit von vornherein annageln, dass die materiellen Erscheinungen die Ideen hervorbringen, und dass alle meine Gedanken und Willensmeinungen die Früchte unseres Zeitalters des Kapitalismus sind? Sollte ich nicht von Gottes und Rechts wegen anders organisiert sein, als ich es bin, sollte ich nicht, bevor ich von mir rede und sage, was ich will, beobachten und feststellen, welchen Gang die Ereignisse nehmen müssen, wo hinaus die Geschichte nach den immanenten ökonomischen Gesetzen des Karl Marx gelangen muss? Kurz — sollte ich nicht ein Tor sein? Ein Narr, dem seine besonnenen Beobachtungen mehr wert sind, als seine gehäuften unbewussten zufälligen tausendfachen Erfahrungen? Sollte ich mich nicht fortwährend als Ring in der Kette einer festgelegten Entwicklung fühlen? Sollte ich mich nicht in zwei Teile teilen und den einen vom andern beherrschen lassen? Sollte ich mich nicht den Wissenden anschließen, anstatt wie jetzt einer zu sein, der nichts wissen will? Ja, das ist es, warum ich mir selber merkwürdig und absonderlich und vielleicht auch wichtig vorkomme: ich gehöre zu denen — denn ich bin doch nicht der Einzige? — die vergessen wollen, vergessen alles, was da gewesen sein soll, die einen Grund und eine Abstammung haben, aber nichts davon wissen wollen, die zu keusch sind, um ihr Leben zu leben nach Kenntnissen und Mitteilungen und Beobachtungen, anstatt wie ein göttliches Tier auf einen ungekannten Grund hin, einem unbekannten Ziele zu. Oh, ihr Klaren und Unabänderlichen, ihr historisch Begründeten und Zielbewussten, ihr Einsichtsreichen und Vollundganzen, ihr Vergangenheitsleber und Zukunftsleber und Gegenwartsnichtse, ihr Aufderhöhederzeitseienden und Bewußtheitsaffen, ihr Vielseitigen und Vielzeitigen, ihr Tiertöter und Gottschänder und Menschenverstümmler, ihr Papiermenschen und Drahtpuppen, ihr seid mir widerlich, höchst widerlich! Jener Sokrates, der zugab, er wisse nichts, war wenigstens nicht so gar übelriechend; aber wo findet man einen, der nichts wissen will? Der nur leben will, nur leben — oder sterben? Vom Leben also will ich meine Rede beginnen, vom Leben des Menschen, des höchsten Menschen. Aber nicht will ich sprechen von den Nöten des Lebens, von den niedrigsten Menschen, den Ärmsten der Armen. Und nun sollte ich, so gehörte es sich, affektieren, ich sei ein harter Mensch, ein Fürst der Erde, hocherhoben über alles, was unter ihm steht, weit entrückt vor allem der schwächlichen Regung des Mitleids. Ich liebe es aber nicht, mich zu verstellen, und ich mag nicht die erzwungene Konsequenz. 0 ja, ich fühle Mitleid mit euch, ihr Proletarier, heißes Mitleid, so gut wie einer, aber das ist mir ein unangenehmes Gefühl. Es ist ein Gefühl, das da ist, aber es ist nur trotz alledem da, und ich verbitte mir, daß es sich zum Zentralpunkt machen will, von dem alle meine Wünsche und Ansichten und Absichten ausgehen müssen. Ihr lieben Kinder, die ihr das Leben nur von weitem in strahlendem Glanze erblickt, die ihr die Not kennet und den Schein des Lebens, das Leben aber, nein, das Leben kennt ihr nicht. Drum habt ihr auch das gute Recht, alle eure Kraft einzusetzen, um das Leben und was ihr den Genuß des Lebens nennt, zu erkämpfen. Euch verstehe ich, ihr jagt einem schönen Bilde nach, jaget weiter, bis ihr bitter enttäuscht werdet. Früher kann ich nicht zu euch sprechen. Suchet das Leben, damit ihr es fliehen lernt. Aber jene andern, jene sozialdemokratischen Lehrer und Führer, unter denen, meine ich, sollten welche sein, die etwas vom Leben wissen könnten. Und wenn sie dennoch jenem weicher. Wachse die Sehnsucht nach dem Leben eindrücken, dann tun sie es teils aus Dummheit, indem sie sich einreden, das Elend einer lebenden Seele beruhe auf demselben Grunde wie die Nöte der arbeitenden Kinder — nämlich auf den Wirtschaftsverhältnissen des Zeitalters; oder sie sind gewöhnliche Menschen, die ihr Leben nur dadurch ertragen, daß sie andere beherrschen, die aber keinen Zustand ihres eigenen Menschen zu begreifen und auszudenken verstehen, die die äußere Welt mit scharfer Brille betrachten und wissenschaftlich fassen, die aber nie ein Gelüste verspürt haben, die Gründe ihres eigenen Handelns, ihres eigenen Lebens zu prüfen — und zu verachten. Also kleinliche mittelmäßige Seelchen, die sich selber das Leben erträglich machen durch ihr Gerede — und das nennen sie neue Weltanschauung! — und die nichts weniger als großartig sind in ihrer Herrschsucht und Verführungskunst. Sie wissen nicht einmal, warum sie die Zukunft predigen, sie sind Toren genug, zu glauben, es sei wirklich um der Zukunft willen, sie sind Egoisten und wissen es nicht — oh über diese Kindsköpfe! Man erstrebt etwas, weil man das Streben liebt, das ein Teil der eigenen Seele ist, sie aber reden sich ein, ihre ganze Seele werde angezogen von dem Etwas außerhalb. Sie wissen nicht, daß das Etwas nur ein gleichgültiges und zufälliges Symbol ihres innern Menschen ist. Daß es in die Zukunft projiziert ist, um glanzvoller zu wirken und zu beherrschen! Daß man es zu andern Zeiten in den Himmel projiziert hätte. Und zu andern auf die Insel Utopia. Und ein drittes Mal auf den Olymp. Oder auch in das goldene Zeitalter oder in den Garten des Paradieses. Sie glauben, Zukunft, das sei etwas in der Wirklichkeit, das sei etwas, was den Menschen mehr angehe, als Himmel und Hölle. 0 über diese Kindsköpfe! Nochmals — diese Führer muß ich ganz und gar in meiner Betrachtung trennen von den Geführten und Verführten. Mit diesen habe ich zwar Mitleid, ich gestehe es zu, aber ferne ist von dieser Art Mitleid jegliche Verachtung. Im Gegenteil, ich sehe mit großem Schmerz, wie lang und umständlich der Weg ist, den diese vielfach trefflichen Menschen noch gehen müssen, bis sie da sind, wo ich stehe, bis sie sehen, daß ihre Nöte, die sie vom Leben trennen, daß diese zu überwinden sind, daß aber im innersten Kern des Lebens, des menschlichen Lebens ein unüberwindlicher und viel tieferer Jammer steckt als in jener häßlichen Beschalung. Freilich, es will mir so scheinen, als ob auf eine sonderbare Art der Sozialismus geeignet sei, diesen Weg in seltenen Fällen zu verkürzen, während er ihn bei der großen Masse gänzlich verschüttet und unbetretbar und ungesehen macht. Ich kenne einige ganz wenige Menschen, ganz einfache Arbeiter, die ich, wie wenige in mein Herz geschlossen habe. Lange Jahre waren sie glühende Sozialdemokraten, Nichtsalssozialdemokraten, dann aber durchschauten sie schaudernd die Motive einiger Führer, sie sahen Dinge an diesen Leuten, die diesen selber in ihres Herzens allzu großer Einfalt gar nicht bekannt waren. Es ist nicht zu glauben, mit welcher unheimlichen entsetzlichen Geschwindigkeit sie — aber nur ganz wenige sind das — nunmehr ihren Weg gingen oder flogen oder gerissen, geschmettert wurden. Sie nannten sich noch Sozialisten, wo sie es schon nicht mehr waren, sie suchten immer neue, immer weniger betretene Pfade, um ihr „großes Ziel", das sie immer noch einzig suchten, zu erreichen; sie streiften die Lehre von der ökonomischen Grundlage von sich ab und nannten sich wieder Idealisten und Anarchisten. Dann wurden sie Individualisten, aber Individualisten ganz eigener, nie erhörter Art, denn sie suchten den Individualismus immer noch in der Zukunft als Ideal, sie wollten einen Individualismus schaffen durch gemeinsame Arbeit, durch Kommunismus. Aber daneben verlangten sie schon, auch die Mittel und Wege müssten individualistisch sein. Und nun streiften sie das Istentum ab, sie wollten nichts mehr, sie waren etwas, nicht mehr Individualisten, sondern Individuen. Und damit waren sie auch schon gänzlich auf sich gestellt und dem Pessimismus verfallen, und ihren Glauben hatten sie völlig verloren und ihre Sehnsucht nach dem Leben dazu. Merkwürdig, sie, diese auserwählten Menschen, sie ekelt vor dem Leben, obwohl sie es doch kaum gelebt, kaum gesehen, nur eine ganz dünne Ahnung vom Leben ist über ihre Seele gehuscht, und schon wenden sie sich scheu von ihm ab. Und ich glaube, während ich von ihnen erzähle, stehen sie traurig lächelnd daneben. Ja, diese Menschen gehören zu meinen Zuhörern, und sie stehen in der vordersten Reihe, und ihre Herzen liegen mir offen da, und sie harren des Wortes, das ich sprechen soll. Und wenn ich das Wort ausspreche, das Wort „Tod", dann klingt ihnen das schon reif und vertraut, sie sind mürbe geworden und verstehen mich und folgen mir nach. Ich segne euch, meine Brüder, unsere Wege kommen aus verschiedenen Geburten, aber nun haben sie sich gefunden und bleiben beisammen. 0 über diese Sozialdemokraten, die so vieles beobachtet und vor allem so vieles behalten haben, die alles wissen, nur nichts von den unbewussten Regungen ihres Willens und nichts vom wahren Wesen ihrer Persönchen! 0 über diese gelehrten Menschlein, die von Wörtern leben, die glauben, ein Wort sei ein Wort und ein Ding sei ein Ding, die alles Zusammengesetzte sehen, als ob es einfach wäre, die Gegensätze für Einheiten halten. Weil sie beglückt sind in ihrem Streben nach der Zukunft, wähnen sie, das Glück zukünftiger Menschen sei gesichert, wenn der Wille der Gegenwart erfüllt werde. Sie ahnen nicht, dass Absicht und Zweck zwei Dinge sind, die nie zusammen kommen, sie glauben, es sei dasselbe. Wie ungeheuer werden sie beschämt von einem andern einfachen Arbeiter, der mir allerdings auch noch ferne steht, von einem Manne, bei dem alles unbewusst ist, der so gut wie gar keine gewollte und kontrollierte Erkenntnis hat, und der doch diese Grundwahrheit klar erkannt hat und der mit einer unerhört schönen Gewalt in die Worte ausbricht: „Freiheit, du wunderbares Wort, du Signal des Lebens, du Ruf aus einer andern Welt, wie durchdringst du sogleich meinen ganzen Körper; wie einen Adler lässt du mich hinaufschwingen, hinauf in das strahlende Licht, in die reinen Lüfte, allen Staub und alles Menschenelend zurücklassend, aber ach, wie der Adler wieder zurückkehren muss zu seinem Horst, so muss auch ich wieder zurückkehren zur Menschenheimat und muss es bei deinem Klang mitfühlen mit den Tausenden, die ihr Leben in ungerechten Fesseln des* Körpers dahinbringen müssen, muss bei deinem Klang so oft Empörung in mir wahrnehmen, als ich Luft und Licht in Fesseln geschlagen sehe. Überall, wo ungerechter Fesseln halber der Ruf Freiheit erschallt, ist das der Ruf des Guten, ist es der Ruf der Vernunft, hier bedeutet Freiheit das Gute; die Freiheit als Kraft ist aber nicht das Gute, vielmehr bei denen, welche ungerechte Fesseln anlegen, herrscht die Freiheit, das ist das Schlechte, und fehlt das Gute, das ist die Vernunft. Freiheit und Vernunft sind die beiden sich betätigenden und bekämpfenden Kräfte im einzelnen Menschen wie im ganzen Geschlecht, und je mehr die Vernunft als wirklich solche bei Rufern wie Hörern zur Herrschaft gelangt, um so mehr wird der Ruf Freiheit und mit ihm der Ruf Gleichheit verschwinden." Ein Arbeiter schreibt das, meine Herren, und einer, der vom Sozialismus weniger berührt wurde als andere. Schämt ihr euch nicht? Ahnt ihr nicht, was ihr vernichtet und verwässert habt, welche Tiefe euch abgeht und welche ihr ewig zerstört habt? Seht ihr nicht, dass dieser stammelnde und ahnende Arbeiter beinahe schon jetzt über euch lacht? Was hättet ihr erreichen können, wenn ihr nicht hättet so ernsthaft sein wollen! Welche Bewegung wollte entstehen, wenn ihr große frivole Kerle gewesen wäret! Wenn ihr zum Einzelnen gesprochen hättet, und ihn das Lachen und Sterben gelehrt hättet! Aber was wisst ihr vom Lachen und Sterben? 0 ihr ernsthaften, langweiligen, lebenslänglichen Hanswurste und Kindsköpfe! 0 ihr Sittlichen und Guten, ihr Naturgesetzlichen und Ökonomischen! 0 wie ist euer Sozialismus so verkehrt, weil er geradeaus gehen wollte, immer geradeaus in Marschkolonne! Weil ihr nur eines vor euch seht, ihr Geblendeten! Ihr Hypnotisierten, ihr Medien, ihr Mittelmäßigen! Und wie lange glaubt ihr denn eigentlich, dass ihr noch warten könnt? Ist denn solch eine rasende Verblendung schon einmal dagewesen? Ihr habt vor dreißig und noch mehr Jahren ein paar armselige Schlüsse gezogen aus ein paar winzigen Beobachtungen und nun habt ihr einen Glauben darauf gepfropft — o nein, entschuldigt, eine ewige Wissenschaft, nicht wahr, eine ewige? und eine Partei habt ihr gebildet, und da die Dinge sich ganz langsam so gestalten wie ihr es prophezeit habt, und da die bürgerliche Welt ganz langsam zerbröckeln will, und da eure Partei allmählich zunimmt, predigt ihr immer dasselbe und predigt es unermüdlich und predigt und predigt, damit, wenn die Zeit da sein könnte, ihr auch noch da seid, im Gedächtnis der Mitwelt. Glaubt ihr denn wirklich ganz an eure Unfehlbarkeit, dass ihr so fürchterlich langsam seid? Glaubt ihr denn, nichts, aber auch gar nichts könne euch über den Kopf wachsen? Hattet ihr denn eine Ahnung, vor 30, 40 Jahren, dass auch einmal Stimmen klingen könnten, aus der bürgerlichen Gesellschaft heraus, die nichts mit Ausbeutung zu tun haben? Stimmen, wie die meine, wenn sie Gehör finden und Echo, gehn sie euch denn gar nichts an? Ist denn die Welt nicht eine ganz andere, als ihr träumt, wenn ein Teil der bürgerlichen Gesellschaft lachend über seinen eigenen Schatten springt und seine eigene Klinge? Wenn wir uns selbst aufheben, könnt ihr uns dann noch expropriieren ? Und ich höre mir eine Stimme antworten, gesättigt von Marxismus und hungrig nach Kapital: „Du und deinesgleichen, ihr seid nur eine Erscheinung des Verfalls und der Korruption. Ihr seid vereinzelte Bourgeois, die übersättigt sind und blasiert und keinen Genuss mehr finden. Ihr spielt keine Rolle, im übrigen bleibt alles wie es war. Der Kapitalismus beutet aus, das Proletariat hungert oder lebt mindestens in menschenunwürdigen Zuständen — bis die Stunde der Befreiung schlägt. So ist es, so wird es sein!" Das ist die Sprache des Sozialismus, und mancher wird vielleicht finden, der Mann habe recht. Der Mann hat aber nicht recht, weil er den wahren Schmerz nicht kennt und nicht den Ekel, und in einem zu sagen, weil er das Leben nicht kennt. Um euch nun aber endlich meine Meinung vom Leben zu sagen, will ich in einem Gleichnis zu euch sprechen: Meine Freunde, kennt ihr die Geschichte des Kindes? Aber eben fällt mir ein, dass ihr Geschichte überhaupt nicht kennt; ihr kennt nur Weltgeschichte und Kulturgeschichte und dergleichen unnütze Erlogenheiten, aber Geschichten von einzelnen Dingen und ihren Veränderungen und Betrachtungsweisen gehen euch ab. Nun also — richtet eure Gedanken auf das Kind, das kleine Kind. Wisst ihr, mit welchem Gefühle frühere Menschen solch ein kleines Wesen betrachtet haben? Mit innigem Mitleid ob seiner Hilflosigkeit, man bedauerte das Menschlein, dass es das Leben noch nicht kannte und den Lebensgenuss noch nicht verstand; man sprach immer nur von dem „armen Kinde". Wie aber ist es heute? Nennt man nicht heute das Kind glücklich und überglücklich, weil es noch nichts weiß vom Leben, beneidet man das Kind nicht, und denkt nicht jeder an seine Kindheit zurück als die Zeit, wo er ganz und gar glücklich gewesen sei? Und wie ist es mit dem Schlafe? Ihr kennt auch die Geschichte des Schlafes nicht. Erschrak man nicht früher vor dem Einschlafen? War es nicht ein Entsetzliches, das Bewusstsein zu verlieren und die Freude am Dasein? Fürchtete man sich nicht vor der kindischen Hilflosigkeit des Schlafes? Aber jetzt? Man freut sich aufs Schlafen, man lächelt dem Einschlummern entgegen, das Bewusstsein zu verlieren ist eine Wonne, man will nicht aufwachen und zwingt sich des Morgens zu einem zweiten Schläflein, in dem man mit voller Absicht seine Träume weiterspinnt, und wacht dann auf, verstört und voll Entsetzen über das Licht des Tages und die Sonne des Lebens. Und was gibt es für die Jetztlebenden Entsetzlicheres als eine schlaflose Nacht? Alle Mittel werden angewandt, nur um zu schlafen, zu schlafen. Und wollt ihr immer noch behaupten, der Kapitalismus sei es, der das bewirke, dieses Entsetzen vor dem Leben und diese Sehnsucht nach todesähnlichen Zuständen? 0 nein, geht mir weg mit eurer Lüge vom bösen Gewissen oder was ihr ersinnen wollt. Wir haben ein recht gutes Gewissen und die Ausbeutung stört uns wenig. Hunderte und Tausende gibt es und hat es schon immer gegeben, und es sind, ihr könnt sagen was ihr wollt, die edelsten und höchsten unter den Menschen, die dahin leben, als wäre die Menschheit schon viel weiter als euer Sozialismus sie bringen will, die sich nichts, aber auch gar nichts um die Produktion bekümmern, und in deren Familie ist es schon so seit Generationen, als ob eine unsichtbare und auch ganz gleichgültige großartigste Maschinerie ihnen alle Bedürfnisse und allen Luxus des Lebens lieferte, sie haben ein gutes Gewissen, denn sie wissen gar nichts und wollen nichts wissen von eurer Entdeckung, daß die Maschinerie, die sie bedient, aus Menschen besteht, aus armen, schwitzenden, geknechteten Menschenkindern; folglich kann diese kapitalistische Einrichtung sie gar nicht berühren und berührt sie auch nicht. Zu diesen Menschen, die wie Götter schreiten auf der Höhe hinweg über die Rücken arbeitender Lohnsklaven, gehören unsere erlesensten Denker und Dichter — und doch, was halten diese schließlich vom Leben? Meinte nicht Goethe am Ende seines Lebens, wenn er alles zusammennehme, wahrhaft glücklich sei er nur ein paar Stunden gewesen in seinem ganzen langen Leben? Wer wollte diesem erschütternden Bekenntnis nicht glauben? Ein paar wenige Stunden! Und dieser Mann gehörte zu den glücklichsten Menschen, die je gelebt haben! Und wessen Fanatismus der Dummheit ist so grenzenlos, daß er behaupten will, daran seien die ökonomischen Verhältnisse schuld? Nein, nein und abermals nein! Der Grund liegt tiefer, liegt in der ganzen unseligen Natur des Menschen und des Lebens! Der Grund ist, daß der Mensch ein denkendes Tier ist, daß er den Begriff des Zweckes kennt, und doch niemals, nie und in Ewigkeit nie einen Zweck seines Daseins, an den er glauben kann, finden wird. Und wenn einer geglaubt wird, immer wieder hat der Mensch dann gefunden, das sei kein Zweck, dahinter stecke kein Sinn, dafür zu leben verlohne sich nicht. Und das wird so bleiben, ihr mögt an den ökonomischen Grundlagen ändern, soviel ihr wollt. Und wenn gar keine Arbeit mehr notwendig sein wird, wenn der Mensch in freier Willkür tun kann, was seinem Körper und seinem Geist frommt, und wenn er so bis auf einen einzigen Punkt ein Gott genannt werden dürfte, der Teil wird immer in ihm sein, der fragt: wozu das ganze und nochmals wozu? und der keine Arbeit mehr findet, keine, ewig keine. Bis auf eines, habe ich gesagt. Wenn das eine nicht wäre, dann wäre er ein Gott, ein vollkommener Gott, nämlich ein Wesen, dessen entsetzliches Elend vollkommen wäre. Müßte der Mensch ewig leben und ewig fragen, wozu — o der Gedanke ist nicht auszudenken, laßt mich schweigen und mich freuen, daß es nicht so ist. Ja, eines gibt es, dessen freue sich der Mensch und dem jauchze er zu, dem singe und juble und tanze er entgegen, in diese lachende Höhe werfe er sich tief, tief hinein, und er wage es jetzt gleich sich zu stürzen in diesen herrlichen, strahlenden Abgrund des Glückes: das ist der Tod, jauchzet und empfangt ihn mit offenen Armen, meine seligen Freunde, das ist der Tod! Ihr steht verblüfft, meine Freunde? Ihr habt alle schon Ähnliches erwogen, aber nun ich es ausspreche ohne jeden Umschweif, nun sucht ihr Ausflüchte, nun wollt ihr auf einmal noch etwas finden, was das Leben lebenswert machen könnte? Suchet nur, ich sage euch, ihr werdet nichts finden. Die Sozialisten sind Toren. Sie leben ganz im Kampf für ihr Ziel und bedenken nicht, daß eine Zeit kommen könnte, wo ihr Ziel ganz und gar erreicht ist. Was dann? Nun, dann ist alles herrlich und in Freuden. Dann haben sie den Himmel auf Erden, wie sie uns oftmals versichert haben. Mir aber sagt das Wort Himmel sehr wenig, ich will euch eine andere Schilderung geben. Denkt euch also, die sozialistische Gesellschaft ist da. Denkt euch, sie ist schon sehr lange Zeit da und schon gänzlich konsolidiert. Die Technik hat noch riesenhafte Fortschritte gemacht. Unangenehme Beschäftigungen gibt es ganz und gar nicht mehr. Die Kinder werden körperlich und geistig aufs höchste ausgebildet, gegen einen fünfzehnjährigen Knaben aus jener Zeit ist unser größtes Genie ein armes Waisenkind. 11/2 Stunden täglich etwa geht jeder Erwachsene zur Arbeit, das ist für den einzelnen eine Erholung und für die Gesamtheit genügt diese Zeit doch zur Produktion und Distribution aller Bedürfnisse, so hoch diese sich auch gesteigert haben. Die Technik hat sich eben in noch viel großartigerem Maße gesteigert. Die übrige Zeit vertreibt jeder mit dem, wozu er Neigung hat. Nun, meine Freunde, glaubt ihr nicht mit mir, daß, wenn dieser anscheinend so herrliche Zustand sich immer mehr vervollkommnet und immer mehr zur Gewohnheit wird, daß dann die ganze Nation, was sage ich, die ganze Menschheit mehr und mehr in ihrer Masse sich einem hingeben wird, nämlich der Philosophie, dass sie, nun sie keine Nöte mehr zu bestehen hat und der Kampf mit dem Materiellen zum Spiel geworden ist, Zeit hat, den ganzen Tag zu denken, an sich zu denken, und zu fragen: wozu sind wir denn eigentlich da? Wozu dieser ganze ungeheure, wundervolle, komplizierte Apparat? Sind wir Selbstzweck? Nein, unmöglich, sonst würden wir nicht danach fragen. Sind wir ein Glied im großen Ganzen der Welt? Ja, was geht uns denn die Welt an? Wir wissen ja gar nichts von der Freude, die sie an unserem Dasein hat, wir nehmen ja keinen Teil daran, wir sind ja ausgeschlossen. Und dann, das würden diese göttlichen Menschen immer und immer wieder fragen müssen: besteht denn eine Einheit und ein Zusammenhang der Menschheit? Gibt es denn in der wirklichen Erscheinungswelt eine Gesamtheit? 0 nein, würden sie antworten müssen, über solche zusammenfassende Abstraktionen sind wir ja längst hinaus, der einzelne Mensch ist freilich kein Konglomerat bloß von einzelnen Zellen, er ist eine Einheit, er hat ein Bewusstsein, aber was ginge den einzelnen Menschen der andere im geringsten an, wenn er nicht auf ihn angewiesen wäre? Und vor allem, was gehen uns die an, die nach uns kommen? Und wenn also der ganze Witz aus ist mit meinem Tod, was war denn dann dran? War das denn alles? Und darum, darum die unendliche Mühe unserer Altvordern, der Sozialdemokraten von anno dazumal? Wegen der paar Jahre Leben? Die Mühe hätten sie sich sparen können! Der ganze Spaß, das ganze Spiel, alle diese Spaziergänge, dieses Musikhören, Dichten, Instheatergehen, Reiten, Fahren, Schwimmen, dieses Träumen und Emporsehnen, dieses Kindermachen, Güterspiel (so etwa werden sie das Arbeiten nennen), dieses Erfinden und diese Reisen, das Fliegen nicht zu vergessen — das hat doch alles keinen Sinn? Es ist ja doch kein Bewusstsein da und keine Freude, die bleibt. Es schwindet ja doch alles. Wir sind ja ganz einfach Tiere, die aus der Art geschlagen sind, weil wir nicht bloß leben, sondern auch das Leben beobachten und etwas vom Leben wissen, weil wir nicht bloß sterben, sondern den Tod im voraus kennen und sterben können, wann wir wollen. Der Selbsttod (denn das Wort Mord würde längst vergessen worden sein), der freie Tod, der ist eigentlich, was uns wesentlich trennt von allen andern Tieren. Beendigen wir doch also so rasch als möglich diese lächerliche Komödie, die zu gar nichts führt, aber auch zu gar nichts. Töten wir uns doch; töten wir uns, aber rasch, so bald als möglich, gleich jetzt; der ewig wiederholte Unsinn ist ja so fürchterlich langweilig! Was sagt ihr dazu, meine Freunde? Müsste es nicht so kommen? — Was? Was höre ich? Dieser Einwand von euch? Ihr sagt mir, so könnte es nie kommen, ihr verleugnet den Sozialismus, ihr glaubt, es ginge anders, ihr wähnt, es gäbe irgend etwas anderes? 0, das ist feige, sehr feige. Ich aber sage euch: der Sozialismus ist möglich, ohne Frage, und weiter sage ich euch: das ist eine hohe, sehr hohe Stufe des Menschen. Oder wollt ihr sagen, so wie der Mensch heute ist, sei er weniger veranlasst, an den Tod zu denken, an den freiwilligen Tod? Ja, das ist möglich, das ist wahr. Aber ist dieser Zustand nicht noch viel ekelhafter? Und wenn er sich einmal tötet, nicht aus Philosophie oder Langeweile, was dasselbe besagt, sondern aus Notdurft, aus gemeiner Verzweiflung, ist das nicht ein niederträchtiger, unwürdiger Tod? Wenn aber der Sozialismus zu nichts führen kann, und wahrlich so ist es, als zum philosophischen Massentod der Menschheit, was haben wir anderes, größeres zu tun, als diesen Tod schon jetzt zu predigen mit tausend flammenden Zungen ? — Halt, meine Freunde, wohin? Und so wolltet ihr denn, wie ihr da seid, in die Welt stürzen, um den Tod zu predigen, als meine Jünger? Und ihr merkt ihn nicht, den Widerspruch, der mich kitzelt, so dass ich fast lachen müsste? Ihr seid mir noch viel zu flink, meine jungen und alten Gefährten. Aber ihr seid nicht die ersten, die sich von der Logik verführen lassen zu allerhand ernsthaftem Unsinn. Wahrlich, ich bedaure, dass ich euch mit der Logik in den Schlingen meiner Inkonsequenz gefangen habe. Aber ich will euch jetzt verraten, was mich lachen macht. Wie kann man denn den Tod — predigen? Ist es nicht dasselbe, als wollte ich den Tod — leben? Ist es nicht wahr, dass man den Tod nur sterben kann, wortlos, mit geschlossenen Augen, ohne Rücktritt? Gehen euch doch andere Menschen nichts an, warum wollt ihr sie verführen, statt sie in Ruhe zu lassen? Sterbet doch, meine Freunde, aber sterbe jeder für sich. Seid doch stille und macht mir keinen Lärm! Habe ich nicht recht? Seht, was ihr doch für alberne Kopfnicker seid! Ihr gebt mir schon wieder Recht. Fast sollte ich jetzt über euch weinen. Warum bleibt ihr denn neben mir stehen, wenn ihr das nicht erlebt habt wie ich? Wenn euer Wahnsinn ein ganz anderer, einfacherer ist als der meine? Sehet doch, ich bin zum Tod noch gar nicht bereit, noch lange nicht. Ich habe noch meine Freude, nämlich eben meine Freude am Tod. Und darum rede ich meine Rede zum ganzen Menschengeschlecht, wer immer mich hören will oder mich zufällig hört, und zu spät sich anschickt, seine Ohren sich zuzuhalten. Ich habe meinen Spaß an den Menschen, die den Tod und die Todessehnsucht noch nicht kennen, es macht mir Freude, übermenschliche Freude, die Menschenmasse auszulachen und zu verhöhnen und dennoch zu ködern. Ich lebe noch, weil es mir Genuss bereitet, mit meinem Schmerze zu spielen und meinen Ekel in die Länge zu ziehen gleich einem zähen Teige. Ich liebe den Tod und darum lebe ich. Und außerdem bin ich ein abergläubischer Mensch, warum nicht? Es fröstelt mich, wenn ich daran denke, allein zu sterben. Es ekelt mir vor dem Gedanken, was die Menschen für dummes Zeug vermuten könnten, wenn ich einmal allein sterbe, wenn sie mich einen Selbstmörder nennten, die Unsinnigen. Ich liebe den großen Tod, ich will Gefährten und darum predige ich den Tod, weil das meinem Leben noch Reiz verleiht bis zum Ende. Aber ich werde sterben, meine Freunde, verlaßt euch darauf, ich werde sterben. Und das ist die einzige Zukunft, die ich noch anerkenne, und diese Zukunft, ja die soll zusammenfallen mit meinem Willen. Ich werde sterben, das heißt, ich will sterben, und nicht mehr: ich soll sterben. Verhasst und gemein ist mir der Tod auf dem Strohsack, der schleichende Tod wider Willen. Diesem Tod habe ich abgesagt, ihn lache ich aus mit all meinem Gelächter, niemals werde ich diesen Tod des Ungeziefers sterben. Stimmet ein mit mir, stimmet hell ein, meine Freunde, in den Ruf: Es lebe der Tod! Erschreckt nicht über meine entsetzliche Ehrlichkeit. Oder erschrecket ja. Denn ich bin nicht ehrlich um der Ehrlichkeit willen, und Wahrheit ist mir lange nicht mehr ein großes führendes Wort; ich bin es nur, weil es mir Vergnügen macht, in tausend Farben zu spielen und mich euch von allen meinen Seiten zu zeigen. Ich durchschaue mich selber und lache mich aus, wenn ich meine hintere Seite sehe und ich freue mich, dass ihr mein Vorderteil ernsthaft nehmt, obwohl ihr die Kehrseite meines Herzens geschaut habt. Und überdies: ich kann Bocksprünge machen, soviel ich nur mag, wer mich versteht, der weiß, was ich meine mit dieser Schrift. Ich sage mich los vom Sozialismus, weil ich schwere vierschrötige Menschen nicht mag und weil ich das Leben nicht mehr ernsthaft nehmen kann. Und diejenigen, die mich fassen und mich gern haben, denen predige ich den Tod, und ich bitte sie bei all ihrer Liebe, mit mir zu sterben und also noch ein wenig zu warten, bis wir alle beisammen sind. Die aber noch ächzen unter den Nöten des Lebens, den Sklaven der Arbeit, denen rate ich, sofern sie mich hören wollen: Verzaget nicht, aber hoffet auch nicht, sondern machet euch frei! Schmeißt den Bettel weg, nicht aus Verzweiflung, sondern aus Einsicht, dass das Leben ein sinnloses Ding ist. Und dann schließet euch mir an und meiner Schar des Todes. Wer aber ungeduldig ist und nicht mehr warten will, der stirbt zwar nicht den schönen Tod, wie ich Narr ihn vorbereite, aber ich wünsche ihm doch: Gute Reise — und unbewußte Verwesung! Euch andern aber sage ich: Auf Wiedersehen — beim großen Sterben. Ich harre nun eures Echos und dann will ich wieder reden. Dem Sozialismus aber wünsche ich — ein langes Leben, ein schönes Greisenalter und den Tod auf der Matratze. Karl Starkblom. Vierter Abschnitt Die Vision des Todespredigers Zweites Sendschreiben an das Menschengeschlecht von Karl Starkblom Einleitung Ich habe versprochen, nach einiger Zeit wieder von mir hören zu lassen und zu erwidern auf die Antworten, die mein erstes Schreiben hervorgerufen. Freilich hatte ich es mir anders gedacht, und wenn ich könnte, müsste ich jetzt bitter werden. Eine Antwort, nämlich einen starken Widerhall, haben meine Worte überhaupt nicht gefunden. Ich dachte, es gebe Leute genug, die mir laut zujubeln müssten, dass ich das erlösende Wort gesprochen, aber nichts von alledem. Ich meinte, meine Wohnung müsse täglich voll sein von Menschen, die sich zu mir drängten, um mit mir zu reden und sich bereit zu erklären. Aber niemand kam, außer einem einzigen Menschen. Der drückte mir die Hand und dann ging er wieder. Es war ein Arbeiter. Und ja doch — ein paar Briefe erhielt ich, abgesehen von denen, in denen ich zum besten gehalten und angeulkt wurde. Ein paar Weiber und ein paar Jünglinge und ein einziger Mann, die erklärten sich bereit zum Sterben, „wenn es mir wirklich ernst sei". Etwas der Art fügten sie alle hinzu. Meine Freunde, die ihr nicht da seid, meine Einleitung kann also kurz sein. Ich lebe nicht zu meiner Zeit. Ich habe geglaubt, ich könne verstanden werden, und man hat meine Schrift als ein literarisches Ereignis aufgefasst. Lächerlichkeit über Lächerlichkeit! Seid ihr so wenig an die Druckerschwärze gewöhnt? Meint ihr, wenn ein neuer Heiland käme, er würde sich heute wieder auf einen Berg stellen und eine Predigt halten? Nicht wahr, damit unten an der Böschung die Eisenbahn vorbeidröhnte und ihn auspfiffe? 0 ihr Nachahmer von allem, was früher gewesen, ihr freilich konntet meine Stimme nicht verstehen! Mir fehlte die Würde und die Borniertheit des Bußpredigers. Einen lachenden Künder neuer Worte, den könnt ihr noch nicht ertragen. Ich bin traurig, sehr traurig, dass ich einsam bin, im Tode wie immer im Leben. Erwartet nicht, dass ich auf die sogenannte Kritik eingehe. Einige wenige freilich — nein, ich will nicht von ihnen reden. Sie stehen mir nahe, sie verstehen den Atem meiner Rede — und doch, doch! Sie haben mich gelobt, als ob ich ein Chamäleon wäre, oder ein Schriftsteller, der alles kann. Hätten sie geschwiegen und wären sie zu mir getreten, um mir die Hand zu drücken, wie jener Arbeiter, dann — ja dann! Die Ehrfurcht fehlt ihnen, vor mir und vor sich selber. Meine Freunde, die ihr nicht da seid! Setzet euch im Kreise und höret mir zu! Wenn ich ruhte im Walde, wenn ich über nasse Wiesen ritt, des Nachts, wenn ich nicht schlafen konnte und auch nicht wollte — da habe ich das geträumt und immerfort geträumt, was im folgenden erzählt ist. Dann habe ich es niedergeschrieben, und nun lasse ich es auch noch drucken. Warum das? Woher diese Torheit? 0 merkt ihr es denn nicht, seht ihr das Leid denn nicht, das an mir zehrt? Ich suche Menschen! Menschen suchte ich immer und immer, erst blickte ich um nach Tausenden und wiederum Tausenden, um zu ihnen zu sprechen und sie zu erkennen als meinesgleichen und sie zu verführen zu meinem Tode. Und jetzt suche ich einen einzigen Menschen, einen Menschen nur, der mich liebt und mit mir sterben will. Und darum trete ich zum zweitenmal hin auf den Markt und prostituiere mich vor allem Volk und zeige mich bald nackt, bald angetan mit all meinem Putze. Und nun vernehmet die Vision des Todespredigers. Ich will euch von einem Manne erzählen, der keinen Grund hatte, sich selber auszulachen, der konsequent sein konnte und geradeaus gehen durfte, der an sich glaubte und Gläubige fand. Wer ist der Glückliche? Und wie ist es ihm möglich? Wie amen wir ihm nach? Ganz einfach ist es ihm möglich, aber wir andern können's nicht, auch wenn wir wollen. Der Mann, von dem ich erzählen will, war epileptisch. Was, ruft ihr voll Entsetzen, und du nennst ihn glücklich? jawohl, selig nenne ich diesen Mann, dass die Krankheit seines Geistes in solcher Weise ausbrechen konnte. Wir alle sind ja epileptisch, in uns allen lebt etwas, das sich sträubt gegen das Leben, aber wehe über uns, deren Krankheit Geist heißt, und deren Arznei wiederum Geist! Weit besser haben es die, deren Körper den Geist heilt und in die Bahnen der Ruhe lenkt. Sie haben nur die eine Hälfte ihres Hirns, denn die zuckende und krampfende Hälfte, die wie ein Gelächter schneidet in den Ernst und wie Wehschrei in die Freude ächzt — die ist nur Körper bei ihnen — und wenn ihr Körper sich windet und dreht, dann weiß die Seele nichts von den Zuckungen des Menschen und bleibt ganz und heil. Wohl denen, die das Bewusstsein verlieren dann, wenn sie irre würden an sich! Heil den Epileptischen! Sie sind Propheten und Heilige und Heilande. Da, da, seht hin, da ist er, da kommt er! Schreitet er nicht wie ein Gott? Da ist er, da steht er inmitten der tausendköpfigen Versammlung, hoch ragt er empor über alles Volk, Starkblom der Todesprediger! Seht ihr ihn, seht ihr? 0 jetzt schweiget. Es bedarf ja nicht der Ermahnung; alles lauscht atemlos, alles wird süß bestrickt vom Zauber seiner Rede. 0 wie er Macht hat über die Herzen der Menschen! Wie er sie bezwinget und in den Staub, auf die Knie schmettert. Ehret den Tod! Seid in Treue gewärtig des Todes! Harret aus! Bald sollt ihr mit mir sterben den holden Tod in Größe und Freiheit. Dann hört ihr auf zu sein und das Hässliche, was Mensch hieß bisher, ist geschwunden aus dem schönen Bezirk der Göttin Natur. Ihr werdet heimkehren zur Unbewusstheit. Ihr werdet nicht mehr fragen, wozu. Die Torheit des Zweckwahns ist gestorben mit euch. Eins ist wieder die Natur, alles ist schön, und nichts wird empfunden als eigene, eine Schönheit. Die Zeit ist gestorben mit euch, und Ursache und Wirkung lebt dann nicht mehr. Und auferstehen wird jubelnde Veränderung und zweckloser, sinnloser, farbenfroher, tönender Zufall! Sterbet, ihr einzelnen, sterbet, damit der Wahn der Gesamtheit tot sei. Stirb, mein Bruder, damit alles aus ist, und lache im Tode derer, die an die unbedingte Entwicklung glauben und an den Fortschritt und wie die heiligen Wörter alle heißen. Sterbet, sterbet, werbet zum Sterben! Und weiter wälzt sich der Menschenstrom, und größer und größer wird die Masse der Todesfrohen. — Ha, wo ist er? Alles schwand meinen Augen? Ich erblicke nichts mehr. Ich höre nichts mehr. Ich liege auf dem Boden und stöhne und betaste meinen Leib. Wo ist dieser Starkblom? Starkblom, wo bist du? Sie haben überall, in allen Städten, die Statuen ihrer Fürsten und Heerführer auf den Marktplätzen von den Sockeln geworfen und mit den Stein- und Erztrümmern die Fenster der Schlösser und Paläste der Lebenden eingeschlagen. Und auf die Sockel haben sie kolossale Gerippe gestellt, vergötterte Todesgestalten, und sie haben ihre Kleider von sich geworfen und tanzen um das Bildnis des Todes, und jubeln und lachen und singen, und schmetternde Musik spielt rauschende Marschweisen. Allons enfants, allons nousen! Und die Sonne scheint so golden herab wie noch nie, als wolle sie den Menschen die Lebenslust warm in alle Poren träufeln und ihnen zeigen, man könne auch nackt leben. Sie aber wollen sterben, und Starkblom, der fürchterlich-herrliche, tanzt den Todesreigen vor. Und abends, wenn es kühler und dunkler wird, da erwachen die Farben in feuriger Glut. Grün und rot und gelbe Tücher schlagen sie um sich in phantastischem Wurf, und unsagbar wonnig und feierlich flüstert und kost Musik von den Türmen, und Kinder kommen aus allen Gässchen und Winkeln gesprungen und schlagen Purzelbäume und springen über die Alten. Die aber setzen sich im Kreise und hören zu Märchen erzählen, Märchen vom Leben. Und leise schwirren die Winde fernher durch die Straßen und tragen süße Düfte mit sich aus weiten Gärten und Heiden draußen vor der Stadt. Und nun steht Starkblom in der Mitte des Kreises und erhebt seinen Gesang von der Wunderherrlichkeit der Zukunft dieser Menschenwelt, wie alles kommen könnte und kommen müsste, wenn sie nur wollten. Und am Schlusse kehren dann immer wieder die Worte voll brausenden Glückes: „Welch Herrlichkeit erdichten wir — welch schöne Welt vernichten wir — wir könnten sie erwerben — haha, haha, haha — wir aber sterben, sterben! Juh!" Und jubelnd fällt die Masse ein, und der Wind klappert im Gebein des Todesmannes, und die Posaunen gellen hoch oben aus den Lüften, und das Gelächter der Menschenmenge schwillt empor wie ein bäumendes Meer und will nicht enden. Und ein stolzes hohes Weib tritt zu Starkblom in die Mitte und — oh, oh! Die elektrischen Lampen erlöschen, die Fanfaren brechen schrill ab mitten im Tone, ein schwarzes unendliches Tuch breitet sich über alles — Nacht, Nacht — nichts, nichts — wo ist das Weib? Wo sind die Menschen? Wo bleibt der Tod? Starkblom sitzt auf dem Sofa und stützt den Kopf in die Hände — es ist alles anders, alles so anders, o pfui, pfui, alles matt und gewöhnlich und niedrig und mittelmäßig. Wo bist du Größe, Größe der Gedanken, Größe der Erscheinung? Ich will schlafen, ich will nicht mehr träumen — o wenn ich weinen könnte, oder lachen, lachen — aber nur nicht mehr dieses trockene Schluchzen, dieses Mittelding zwischen Weinen und Lachen. Alles zuckt an mir, doch ich kann nicht tanzen; ich ächze, o könnte ich singen! 0 ich kann's ja nicht mehr aushalten — ich werde sterben, bald sterben. 0 pfui, pfui! Was ist ein Leben, wo die Überraschung fehlt und der Zufall und das Plötzliche und die Blindheit? Wo es eine Überlieferung gibt und eine Vermittlung und ein Rechnen? Ein Rechnen mit Gewesenem, ein Berechnen des Kommenden? 0 Natur, wie neide ich dir dein Glück! Seht diesen Wassersturz hoch vom Berge hinab in die Tiefe! Wie wandelt die Welle hier noch so friedlich, wie freut sie sich ihrer grünen Ufer und ihrer Blumen und Steine, und plötzlich da — das Ereignis, das sie niemals geahnt! Sie stürzt hinab, tief, tief! 0 dieses Brausen und Schäumen, dieser Jubel des Nieerhörten und Niewiederkehrenden! Diese Seligkeit des Vergessens und des Entdeckens und des wieder Vergessens. Wie viele Wasser sind schon da hinabgestürzt und keine Woge hat es der andern gesagt, kein Papier verbindet die einzelnen Tropfen und trennt sie von ihrer eigenen Herrlichkeit. Aber bei uns — ewig Gewesenes! Wollen wir denn nicht endlich und endlich das Alte töten? Sind wir noch nicht altersschwach? Ich bin es, ich bin es — ich breche zusammen unter der Last des Vergangenen. 0 könnte ich alle Überlieferung töten, dann, ja dann wollte ich leben. Ich kann sie töten, wenn ich mich töte. Dann bin ich ein Teil der Natur — nein, nein, dann ist ich nicht mehr, dann ist sie, sie, die Natur! Ich hasse euch, weil ihr noch leben wollt, ihr Narren! Ich will noch nicht sterben, ich muss warten, ob ihr euch nicht doch noch entschließt, mit mir zu gehen, damit Mensch aufhöre zu sein. 0 ich würde nicht zu euch reden, wenn ich wüsste, wie ich euch morden kann! Euch alle zusammen! Ich will nicht, dass noch einer kommen muss nach meinem Tode, der dasselbe erleben muss. Ich will nicht. Ich will, dass mein Tod einen Sinn hat. Mir ekelt vor meinem letzten Gedanken. Mir ekelt vor dem Alleinsein. Das große Ereignis, das Starkblom immer verkündet hat, ist eingetreten. Die „Sekte von Altersschwachen und übergeschnappten Lebemännern", wie sich noch ganz kurz vorher radikale Parteiführer ausgedrückt hatten, hat die ganze zivilisierte Welt erobert. Ein religiöser Taumel riss alle hin, die mit der Bewegung in Berührung kamen. Die große Arbeitermasse, die bisher dem Sozialismus gefolgt war, ist mit eins müde geworden der Hoffnung auf das Leben und hat eingesehen, dass ihre revolutionäre, alles verneinende und umstürzende Leidenschaft wohl einen Grund hat und darum ihre Berechtigung, aber keinen Zweck. Sie haben eingesehen, dass nicht der Zweck, d. h. der Wahn, das Recht schafft, sondern der Grund, und das ist in diesem Fall die Unterdrückung und die Hoffnungslosigkeit. Sie wollen sterben, warum nicht, sie wären ja doch gestorben, aber vorher wollen sie noch einreißen! Ist es Rachsucht, was sie treibt, ist es Wahnsinn, ist es Verführung? Wer weiß es und was liegt daran. Man denkt nicht mehr in dieser Zeit der taumelnden Auflösung, man genießt seine Leidenschaft und man handelt. Sie hören auf zu arbeiten, sie zertrümmern die Maschinen, die Armeen werden angesteckt und laufen auseinander, Männer und Frauen hören auf sich zu bekleiden und gehen nackt durch die Straßen, denn sie haben keinen Schnupfen mehr zu fürchten, es wäre doch ihr letzter. Die Staatsgewalt ist ohnmächtig und hört auf zu sein. Man raubt seine Bedürfnisse, der Vorrat ist groß genug für die kurze Zeit; fürchterliche Wildheit fletscht ihre Zähne und bricht überall aus und doch durchflutet die meisten eine Ahnung von der seligen Schönheit ihres bewusstlosen Tuns; Männer und Frauen umarmen sich auf öffentlichen Plätzen; wer dem andern ins Gehege kommt, wird ermordet, zahllose einzelne und Paare sterben schon jetzt, die neugeborenen Kinder werden fast alle getötet. Als die Dinge so weit waren, bekam Starkblom eines Tages einen heftigen Weinkrampf und am Tage darauf einen furchtbaren epileptischen Anfall, aus dem er kaum mehr erwachen wollte. Als er aber nach ein paar Tagen sich wieder erholt hatte, stellte er sich von neuem an die Spitze der Bewegung, soweit sie sich noch beherrschen ließ. Er wollte sich nicht täuschen lassen durch den anscheinend vollständigen Sieg seiner Sache; es war noch vieles zu tun. Er saß jetzt meist einsam oder umgeben von seinen Vertrautesten im stillen Zimmer und schmiedete Pläne oder hielt Kriegsrat. Es konnten sich in später Zukunft aus den wilden Völkerschaften, die noch nicht ergriffen waren, auch wieder zivilisierte Menschen entwickeln. Das durfte nicht sein. Er schlug vor, einen gewaltigen Kriegszug auszurüsten, zunächst ins Innere Afrikas. Einer seiner Jünger aber meinte, das halte zu lange auf. Man solle Prediger hinschicken. Die Idee des Todes sei so einfach und überzeugend, dass auch diese rohen Menschen sie verstehen müssten. Einstweilen müsse man in Europa mit dem großen Tode beginnen. Sonst verflache die Bewegung wieder. Es müsse jetzt gehandelt werden. Aber wie es mit den hochentwickelten Tieren sei, wandte ein anderer ein. Sie haben das Selbstbewusstsein, täuscht euch darüber nicht. Wäre es nicht ekelhaft, wenn wir sterben würden und müssten diese am Leben lassen. Hunde, Pferde, Ameisen, Bienen, diese vor allem müssten mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. 0 all unser Tun ist nur Stückwerk, seufzte da ein ganz junger Mann, der bisher fast am leidenschaftlichsten in der Bewegung gewirkt hatte. Ich fürchte, auf dem Mars leben auch denkende Wesen. Die können wir auch nicht erreichen. Wir wollen jetzt sterben, aber alles was wir möchten, können wir doch nicht ausführen. Nicht bloß die Menschen, nicht nur die Tiere, nicht nur diese Erde, nein, die ganze Natur, die Welt müssten wir zerstören können. Und können wir das? Verfluchter Verräter! Treuloser! schrieen die andern. Du beschimpfst unsere gute Sache. Und sie drangen mit erhobenen Fäusten und blanken Schwertern auf ihn ein. Da lachte der Jüngling wild auf. Haha, haha! Ihr wollt mich töten, ihr Todesfrohen? Lasst mich doch leben, das wäre die rechte Strafe! Aber ihr mahnt mich recht, ihr Narren. Wenn ich tot bin, dann ist auch die Welt tot — für mich. Was liegt mir an euch? Und er ging ins Nebenzimmer, wo ein wunderschönes, fünfzehnjähriges Mädchen schlief, todmüde von dem wilden Toben dieser Tage, Er weckte sie rasch, riss die Schlaf trunkene an sich und umarmte sie stürmisch. Dann riss er das Fenster auf, umschloss sie eisern mit seinen Armen und beugte sich weit vor. Ein heftiger Schlag, und die Leute unten fanden zwei unförmliche Leichen. Starkblom schwamm es vor den Augen. Das war das bekannte Zeichen. Der Anfall drohte wieder. Doch ging es diesmal wieder vorbei: Kurz lachte er auf. Der Mann hat recht. Es ist bald Zeit für uns. Die andern mögen für sich selbst sorgen. Graut euch vor mir und meinem Doppelgänger? Ihr wendet euch mit Entsetzen ab vor den Ergüssen meines verrückten Hirns? Ich aber sage euch: ich preise diesen Starkblom, er hat das wahre Glück, er hat es schon vor dem Tode. Er glaubt an sich, wie der Kirschbaum an sich und seinen Blütenschnee glaubt, bevor der Frost kommt und seine Blüte verdirbt, wie die Lawine an sich glaubt, die krachend ins Tal hinabschmettert. Wusstet ihr nicht, dass die Natur grausam ist für schwächliche Zuschauer? Warum seid ihr auch Draußenbleiber, ihr winzigen Narren, mit eurem Denken und eurem Jämmerlein und eurer Moral und euren Hosen? — Starkblom der Erste ist heute wieder einmal fröhlich und guter Dinge, er ahnt den Zweiten in sich und ahnt den Tod und die Unbesonnenheit und Selbstverständlichkeit, und den freien Wurf und die Kälte — die ihr Narren Unverfrorenheit zu nennen beliebt. Ich pfeife auf euch, meinetwegen könnt ihr immerhin leben, ihr belustigt mich! Lasst euch nicht einfallen, zu verzweifeln und zu winseln und den Tod zu begehren und zu wähnen, ihr wäret mir gleich! Wer weiß — ob ich dann nicht leben will — um mein Gelächter noch eine Weile zu genießen? Und immer mächtiger und mächtiger schwollen die Heere der Sterbenden an. Und auf einmal war das Vorpostengefecht aus, es knatterten nicht mehr an allen Ecken Europas vereinzelte Schüsse, ganze Städte sprengten sich in die Luft, und von allen Seiten wie auf ein Kommando strömten die Landbewohner herbei und stürzten sich in die Flammen der brennenden Straßen und Wälder. Eisenbahnzüge über Eisenbahnzüge fuhren nach allen Richtungen hinaus — den Meeren entgegen, und bald waren nicht nur Tausende und Hunderttausende, nein, Millionen und Abermillionen von Menschen versenkt in den Tiefen der Ozeane. Die Haustiere wurden vielfach mitgenommen, sonst kümmerte man sich um nichts mehr. Starkblom blieb mit einem getreuen Stab von einigen Tausenden zurück in der Mitte Deutschlands und lenkte und berechnete die Bewegung. Er sandte seine Leute aus nach allen Seiten, und bald konnten sie zurückkehren wie die Taube mit dem Ölzweig: nirgends mehr ein Mensch zu sehen. Da verließ er seine Umgebung mit einemmal und reiste weg. Er war verschollen. Fieberhafte Aufregung befiel seine Getreuen. Schon murmelte man hier und da vom Verräter. Er wolle sie alle noch in den Tod treiben und dann am Leben bleiben ganz allein. Sie hatten unrecht — zunächst. Er wollte sich nur noch einmal satt sehen an der Erde. Und er sah sich satt. — Niemals in seinem ganzen Leben hatte er sich so selig, so erhoben gefühlt wie jetzt, da er ganz allein durch Täler und Gebirge schweifte, die Ruinen der Städte und Dörfer sah und in die Lüfte emporjauchzte: Allein! allein mit der Natur! Dann aber schien ihn der wahnsinnige Gedanke wirklich anzufallen. Er näherte sich wieder dem Platze, wo er seine Gefolgschaft vermutete, und eines Nachts schlich er sich in ihr Lager. Es schien ihm zu glücken, was er wollte. Niemand sah ihn. Und er trat in das Zelt zu dem Weibe, das er suchte, und weckte sie. Dann flüsterte er erregt auf sie ein und hielt sie umfangen, an allen Gliedern zitternd. Und er schien zu siegen. — Sie folgte ihm. Sie flüchteten hinaus in die Einsamkeit, in ein wundersames Tal. Niemand hatte ihre Spur gefunden. Adam und Eva! jauchzte er, als sie allein waren und gerettet, wie es schien. Wir beide allein im Paradies! — Sie mögen sterben, sie sollen sterben! Wir bleiben zurück und gründen ein neues Geschlecht. Wir wollen leben, wir schaffen ein neues, herrliches Leben, eins mit Natur und Vernunft. — Indessen wurden er und sie — denn man hatte ihre Flucht entdeckt und ahnte Schlimmes — eifrig gesucht. Nach einigen Wochen aber stellte er sich freiwillig ein bei der Schar seiner Freunde, und zwar — allein. „Verzeiht mir, meine Freunde," sagte er kurz und freundlich, „ich habe einen letzten Versuch gemacht. Doch auch der ist unmöglich. Das noch am wenigsten. Ich habe das Weib mit diesen meinen Händen erdrosselt. Nun wohlan, wir wollen sterben, ich bin bereit. Jetzt bin ich reif." Und sie zogen an die sonnigen Ufer des Rheins. Es war zur Zeit der Rebenblüte. Dort führten sie noch mancherlei wundersame Komödie auf, als trennten sie sich nur ungern von dem Gedanken an den Tod. Denn sie ahnten, wenn sie erst tot waren, hatten sie nur wenig Vergnügen davon. Starkblom war wieder aufgetaut und äußerst gesprächig geworden. „Was die Erde wohl ohne uns anfangen mag?" sagte er einmal. „Wir waren doch sicher ihre größte Unterhaltung. Ich hoffe, sie langweilt sich ohne uns zu Tode und stürzt in die Sonne. Vielleicht bringt das dann so große Unordnung in die Welt, dass alles durcheinander kommt und alles wieder zu eins wird und nichts mehr gesondert ist. Denn wisset, das will ich euch noch sagen: eins und nichts — das ist dasselbe. Die Besonderung und die Verschiedenheit erst hat die Welt und Leben und Bewusstsein erzeugt. Ist die Welt erst eins, dann ist nichts mehr, dann ist das Nichts da, das absolute Nichts." Und dann stürzten sie sich hinein in die Fluten — allesamt. Und nach kurzer Frist war das Gelächter und der Gesang und das Angstgeschrei verstummt — denn einige schrieen auch — und menschlos war die Erde weit und breit. Der Rhein aber floss ruhig weiter, und bald kamen die Tiere des Waldes und spitzten die Ohren und tranken aus kühlen Gewässern, und grün umwucherte die Pflanzenwelt die ganze Erde und umspann die Trümmer der Menschenbehausungen, und ein Singen und Jubilieren der Vögel erhob sich wie nie zuvor, und die Blumen leuchteten und dufteten in süßer, nie erhörter Pracht, und die Bäume rauschten und erzählten es den Winden, und die Stürme heulten es weiter, und die Erde brauste klingend ihre Bahn dahin: er war tot, er war tot! der große Peiniger! Und jetzt greife ich mir an den Kopf und der geneigte Leser tue desgleichen. Beruhige er sich, er lebt noch, und ich werde ihn auch nicht ermorden. Ich aber bin Starkblom, nicht Starkblom der Todesprediger und nicht Starkblom der Epileptische — bloß Starkblom der Erste, Starkblom der Leidende und Starkblom der Sterbende. Ja, ich werde sterben, ihr werdet nichts mehr von mir hören. Und so wünsche ich euch denn zum letzten Male ein herzliches Sterbewohl. Karl Starkblom. Fünfter Abschnitt Ein paar Wochen, nachdem diese Schrift Starkbloms erschienen war, stand in einer hellen Mansardenwohnung in Paris ein junges Weib von schier übermenschlicher Größe über einen Tisch gebeugt, damit beschäftigt, das Notwendigste in eine kleine Reisetasche zu packen. Ein Mann mit kurzgeschorenem, meliertem Vollbart, der aber noch viel jünger zu sein schien, als seine grauen Haare und sein gefurchtes Gesicht hätten vermuten lassen, lag, eine Zigarette rauchend, auf dem Sofa und schaute lächelnd wie ein Spitzbube, dem ein feiner Plan gelingen will, zu, wohl auch voll Vergnügen über die wundervolle Gestalt des Weibes. Sie hatte sehr ebenmäßige Formen, sie war nichts weniger als schlank, was sich auch zu ihrer Größe nicht hätte schicken wollen, ihr Gesicht war breit und zeigte ein ungemeines Wohlwollen, auch ihre Augen blickten groß und gütig und verständnisvoll in die Welt; ihre Stirne war frei, aber weder hoch noch gewölbt, die Haare trug sie kurz geschnitten und glatt gescheitelt. Sie war jetzt fertig und schloss die Tasche. „Sag' einmal, Hänschen," damit nahm sie das Gespräch wieder auf, „willst du wirklich nicht gleich mitkommen? Ich gehe natürlich auch so, sehr gern sogar, aber es ist doch die eigentümlichste Situation meines ganzen Lebens." „Das doch schon seltsame genug aufzuweisen hat," fiel er lachend ein. „Nein, meine liebe Marguerite, ich komme nicht mit. Das würde gar nicht in meinen Plan passen. Du hast doch alles verstanden, wie ich es meine? Nicht wahr? Mich erwähnst du natürlich gar nicht. Du musst ganz tun, als ob ich nicht existierte. Und dann, wenn du meinst, es sei an der Zeit, dann telegraphierst du. Ich komme dann sofort. Ich freue mich heidenmäßig, und ich glaube, die Sache gelingt." „Das weiß ich noch lange nicht. Mir ist gar nicht so wohl dabei. Wenn er mir zum Beispiel, kaum dass ich sein Zimmer betreten habe, die Türe weist?" „Das tut er ganz sicher nicht. Der Mann fühlt sich ja kläglich vereinsamt, das spricht ja aus jeder Zeile. Ich vermute ganz etwas anderes." Dabei lächelte er und pfiff vor sich hin. „Nun?" „Hm, hm." „Ich weiß nicht, ich halte es für sehr leicht möglich, dass er sich schon getötet hat, ehe ich ankomme." „Hm, freilich, das ist nicht ausgeschlossen. So etwas ist nie ausgeschlossen. Das Sterben ist meist eine Sache des Augenblicks. Aber bei ihm glaube ich's doch nicht. Weißt du, darin fühle ich mich ihm doch verwandt. Wir sind Männer des Abwartens. Der überlegt sich's hundertmal, aber auf einen Impuls hin, plötzlich, tut er's kaum. Aber weißt du, was ich meine?" „Ja?" Er schaute ihr voll ins Gesicht. „Er wird sich in dich verlieben, Marguerite, toll, leidenschaftlich verlieben." Sie errötete langsam, doch schlug sie die Augen nicht nieder. „Und ich?" „Das kann ich dir wirklich nicht sagen. Ihn kenne ich ja nicht. Für ausgeschlossen halte ich's aber gar nicht, dass auch du — nun, das wird sich finden. Dass du in solchem Falle keine Rücksicht auf mich zu nehmen brauchst, weißt du." „Gewiss, das weiß ich. Ich könnte auch keine nehmen, mein liebes Hänschen." „Nun, wir blieben darum doch die Alten," sagte er mit leuchtenden Augen, ergriff ihre herabhängende Hand und drückte sie an die Lippen. Dann sprang er auf und ging im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er wieder vor Marguerite stehen. „Die Sache freut mich, weißt du, die Sache freut mich königlich. Immer, wenn ich anfange mich zu langweilen, sendet mir doch ein gütiges Geschick etwas Neues, noch Größeres. Weißt du, diese Bombengeschichte wird nun schon recht, recht langweilig." „Aber es sind doch tüchtige, ungewöhnliche Menschen." „Gewiss sind sie das, gewiß. Aber weißt du, in der Vorbereitungszeit, anfangs, da gefielen sie mir doch besser. Jetzt, wo sich die Folgen einstellen, wo ein paar verhaftet sind und andere vor der Ausweisung stehen, jetzt legen sie sich ein bisschen Pathos an und einige deklamieren schon märtyrermäßig. Und weißt du, das, nein, das steht ihnen nicht gut." „Aber Jean, du übertreibst ja. Was du Pathos nennst, ist doch auch meist nur Hohn. Ich glaube, sie sind freie Menschen geblieben, die sich für nichts Besonderes halten, aber die Welt für noch viel weniger." „Nun, ich lasse ihnen ihr Vergnügen gern. Aber auf die Dauer ist's doch nichts für mich. Ein Sporn zur Ernsthaftigkeit liegt doch auch noch darin, und du weißt, das mag ich nicht. Drum ist's gut, dass mir die Geschichte dazwischen kam." „Ein klein wenig ernst ist's dir damit aber erst recht. Ich meine sogar, sehr viel Ernst." „Meinst du? Das leugne ich gar nicht. Aber doch nur, weil mir's Spaß macht." „Nun, das ist eine Erklärungsart, wie andere auch." „Meine weiße Pythia, ich weiß schon, du bist anders als ich, ein wenig, nicht so gar. Drum schicke ich dich jetzt auch zu einem fürchterlich ernsthaften Kerl." „Ich fürchte ihn nicht. Auch glaube ich, ist er unserm Standpunkt schon sehr nahe gekommen. Es braucht nur noch einen Ruck, dann haben wir ihn. Weißt du, was ihm hauptsächlich fehlt?" „Nun? Übrigens ist es bald Zeit für dich." „Natur fehlt ihm. Verstand hat er genug." „Natur . . . Natur? Ja, die fehlt mir auch. Die hast nur du, meine Marguerite. Aber weißt du, ich habe mir einen Ersatz zurecht gemacht im Lauf des Lebens. Es ist doch etwas Großes, dass der Mensch jetzt auch seine behagliche Existenz sich schaffen kann, weit weg, weit von der Natur. Im Gegensatz zu ihr." „Nun, schiffbrüchig seid ihr doch alle. Ihr denkt nur nicht mehr daran. Jetzt will ich aber gehen." Sie setzte den Hut auf. „Also, mein großes Kleinod, leb' recht — das heißt, ich werde dich zur Bahn begleiten. Also du begreifst alles? Du wirst's gut machen?" „Verstanden hab' ich alles, auch tu' ich's nicht dir zuliebe, sondern weil's mir selbst Bedürfnis ist, den Mann zu sehen und ihm zu helfen. Ich tue, was ich kann." „Dann ist's gut, sehr gut. Komm, ich will dich noch küssen, bevor wir gehen." Marguerite beugte sich tief zu ihrem Hänschen herunter und küsste ihn auf den Mund. Dann ging das ungleiche Paar die Treppe hinab. Zwei Tage später, morgens gegen 9 Uhr, stand Marguerite vor dem Weißen Hause. Sie betrachtete die freundliche Villa ein Weilchen und holte Atem, dann öffnete sie die Haustür und stieg die Treppe hinauf. Im Flur sah sie niemanden. Sie klopfte an eine Türe, keine Antwort. Nun öffnete sie. Es war ein Schlafzimmer, das wohl erst vor kurzem verlassen worden. Das Bett war noch nicht in Ordnung, die Luft nicht die beste. Sie blieb eine kurze Zeit zwischen Tür und Angel stehen, dann trat sie rasch entschlossen ein. Eine Türe, die geschlossen war, führte wohl in die andern Zimmer. Sie hörte auf- und abgehende Schritte und verworrenes Brummen. Das mußte er sein. Sie stellte die Reisetasche auf den Tisch und legte den Hut ab. Dann goss sie aus dem Kruge etwas Wasser über ihre Hände und benetzte ihre Augen und ihr Haar. Nachdem sie sich abgetrocknet hatte, blieb sie noch eine Zeitlang stehen, die Hände auf die Brust gelegt und schwer atmend. Dann ging sie leise zur Verbindungstür und krümmte den Zeigefinger um anzuklopfen. Rechtzeitig aber noch ließ sie die Hand sinken und schüttelte den Kopf. „Das wäre nichts," flüsterte sie leise. Dann öffnete sie beherzt die Türe. Sie blieb stehen und hielt den Atem an. Am Fenster gegenüber, das geöffnet war, stand ein Mann, ihr den Rücken zukehrend, in Hemdärmeln. Seine Augen blickten wohl ins Tal hinunter, währenddem aber waren seine Hände angestrengt bemüht, einen Kragen, der ihm vermutlich viel zu eng war, anzulegen. Sie hörte wieder das brummende Ächzen. Um ihre Mundwinkel zuckte es leicht. Auf einmal aber ließ seine Hand den Kragen los, er stampfte heftig mit dem Fuß auf und schlug sich mit der Faust an die Stirn. Dabei rief er laut: „Herrgott Donnerwetter, der Kerl macht mich noch verrückt!" Da konnte Marguerite nicht mehr. Sie lachte laut auf. Starkblom zuckte heftig zusammen und drehte sich rasch um. „Wie — was — wer sind Sie denn? was wollen Sie? wie kommen Sie denn hierher?" „Davon nachher. Vielleicht erlauben Sie, dass ich Ihnen zuerst helfe den Kragen schließen?" Starkblom blickte sie misstrauisch an. „Aber entschuldigen Sie, wie kommen Sie denn hierher? Wo haben Sie denn Ihren Hut?" „Den habe ich im Nebenzimmer abgelegt. Ich sah niemanden und trat deswegen gerade herein. Ich komme von weit her, um mit Ihnen ein vernünftiges Wort zu sprechen. Erlauben Sie jetzt —?" Starkbloms Miene heiterte sich auf. Er lächelte. „Ach so, Sie haben gelesen —? Die Broschüre? Nicht wahr? Und kommen zu mir? Sehr schön. Und da wollen Sie mir — den Kragen zumachen? Nun — immerhin, meinetwegen." Sie trat näher und machte sich ans Werk. „Sind Sie aber groß!" „Bitte stillhalten, Monsieur, sonst geht's nicht." „Aber Vorsicht, bitte, Sie erwürgen mich ja!" Sie ließ die Hände wieder sinken und schaute ihm lachend ins Gesicht. „Wäre das denn so schrecklich?" „Jaja, jaja, lachen Sie mich nur aus. Sind Sie deswegen gekommen?" „Ein wenig, ja." „Soso. Nun, dann möchte ich Sie bitten, mir den Kragen vollends in Ordnung zu bringen, und dann — ja, dann werden Sie wohl wieder gehen können. Oder wollten Sie noch etwas anderes als Ihr Amüsement?" „Gewiss, gewiss, auch noch etwas anderes. Aber jetzt Ruhe. So, jetzt wären wir fertig. Drückt er Sie nicht?" Starkblom warf ihr einen grimmigen Blick zu. „Nein," sagte er dann kurz. Er ging noch etwas im Zimmer hin und her, dann nahm er seinen Rock von dem Haken an der Wand und zog ihn an. „So. Wollen Sie vielleicht Platz nehmen, mein — Fräulein? Oder —?" „Das ist gleichgültig. Aber nennen Sie mich lieber Frau." Sie setzte sich an den Tisch. Starkblom blieb vor ihr stehen und betrachtete sie. Dann kratzte er sich an der Stirn. Er fand die Situation recht unbehaglich. „Woher kommen Sie denn?" „Von Paris." „So? Schöne Stadt?" „O ja." „War nie da. — Soso. Merkwürdig." Es trat eine Pause ein. Dann fing Starkblom wieder an: „Nun also — wenn Sie das Ding gelesen haben und verstanden, dann kennen Sie mich ja ein wenig. Ich habe keine Lust, mich zu unterhalten. Ich kann's auch nicht. Mir presst's die Kehle zusammen —" Marguerite lächelte gutmütig. „Zum Teufel noch einmal, kommt Ihnen schon wieder der verfluchte Kragen in den Sinn? 0 Weiber, Weiber!" „Kennen Sie denn die Weiber?" Starkblom schaute sie groß an. „Wirklich, nicht sonderlich. Ich hab' zwar früher einmal eine Frau gehabt, wissen Sie, damals, als ich noch — aber was, das interessiert Sie ja doch nicht. Was wollen Sie denn?" „Es interessiert mich, Starkblom. Damals als Sie noch — glücklich waren?" „Ach was, glücklich! Ein Philister war ich! Sie war ein Weib wie andere mehr. Ein Glück für sie, dass sie tot ist. Sie würde mich nicht verstehen, wie ich heute bin. Versteht mich überhaupt niemand. Verfluchte Welt." „Ich glaube, ich verstehe Sie, und darum komme ich. Wollen Sie mich anhören? Ich habe Ihre beiden Schriften gelesen, beide; ich habe tief hineingeblickt in den Abgrund Ihrer Gedanken und Ihrer Verdüsterung, Sie suchen einen Menschen, und ich kam zu Ihnen. Sie suchen einen Menschen, der mit Ihnen —" Starkblom hörte schon lange nicht zu. Er war mit kleinen Schritten ungeduldig hin und her gegangen, hatte dann auch einmal die Türe geöffnet und hinausgehorcht und trat nun vor Marguerite hin. „Wollen Sie vielleicht mit mir frühstücken? Ich habe Hunger." „Ich glaube, jetzt verhöhnen Sie mich," erwiderte Marguerite errötend. „Was? Fehlt Ihnen etwas? Meinen Sie denn, ich könne von der Luft leben? — Oder — ach so — ja, wissen Sie, zugehört habe ich Ihnen nicht. Sie können ja dann Ihre schöne Rede hernach wiederholen. — Na endlich, wo stecken Sie denn so lange?" Das Letzte sagte er zu der Haushälterin, die mit Tee, kaltem Braten und Wein hereinkam und die Augen weit aufriss, als sie so ungewohnten Besuch sah. „Wundern Sie sich später und bringen Sie noch eine Tasse und einen Teller, und was weiß ich! Aber rasch!" Dann wandte er sich wieder zu der fremden Dame. „Sie werden auch Appetit haben. Greifen Sie nur ungeniert zu." Dabei schob er seinen Teller und seine Tasse zu Marguerite hinüber. „Ich kann warten." „Sie sind sehr liebenswürdig, Herr Starkblom. Frühstücken wir also zusammen. Trinken Sie so früh schon Wein?" „Ja, ich habe mir's in letzter Zeit angewöhnt. So, jetzt kann's ja losgehen." Die Haushälterin hatte das Nötige gebracht, und Marguerite schenkte erst Tee ein, dann auch Wein für sich und ihn. Während des Essens blickte Starkblom ein paar Mal zu ihr hinüber. Schließlich sagte er kauend: „Was Sie für ein gesundes Gebiss haben. Und dieser Hunger! Und überhaupt die ganze Gestalt — wo wächst denn diese Rasse? Sie scheinen mir überhaupt keine Deutsche, ihrem Akzent nach?" Marguerite lachte. „Nun, wie man's nimmt. Geboren bin ich im Elsass, kam aber ziemlich früh nach Frankreich." Starkblom schaute sie immer noch an. „Prachtvoll, prachtvoll," brummte er dann, und Marguerite ward rot. Er erhob sein Glas. „Na, prost, Frau — und Ihr Name? Darf ich den wissen?" „Ich heiße Marguerite. Das andere ist nebensächlich, nicht?" Sie stieß mit ihm an. „Und was lassen wir leben?" fragte sie mit anspielendem Lächeln. „Leben . . . leben? Ach so, denken Sie daran? Und — Sie wollten?" Er blickte ihr tief ins Auge. „Tod —? mit —?" Sie schlug die Augen nieder und kratzte mit dem Messer auf dem Teller herum. „Vielleicht," sagte sie leise. „Na, prost," brach er kurz ab und trank sein Glas mit einem Zuge aus. Kurz nachher stand er auf und trat ans Fenster. „Haben Sie schon genug?" „Ja. ich fühle mich nicht ganz wohl." Marguerite legte leise Messer und Gabel weg. Sie starrte vor sich hin. Auf einmal überwältigte sie das Bewusstsein dessen, was sie getan hatte und was noch bevorstand und der ganzen Situation, und sie schlug die Hände vors Gesicht. So verblieb sie lange. Plötzlich sagte Starkblom vom Fenster aus, ohne sich umzusehen, in sehr traurigem Tone: „Nun, Frau Marguerite, wollen Sie jetzt Ihre Rede halten? Wozu sind Sie bereit? Was halten Sie von mir?" Marguerite ließ die Hände sinken; sie war glühend rot geworden. Dann erhob sie sich, blieb aber am Tische stehen und sagte zaghaft: „Lassen Sie mich wieder gehen. Ich weiß nicht — es ist falsch — es geht nicht —." Starkblom drehte sich um und sah sie erstaunt an. Dann ahnte er, vielleicht zu begreifen, was in ihr vorgehe. Er schwieg lange und blickte sie an. Dann fing er an: „Vielleicht war Ihr Gefühl das richtige, als Sie kamen. Schrecken Sie nicht zurück. Ich bitte Sie zu bleiben." Und er ergriff ihre Hand. „Wenn Sie auch jetzt nicht reden können. Bleiben Sie nur. Wir haben Zeit. Oder haben Sie einen speziellen Grund, irgendeinen Vorgang in der letzten Zeit Ihres Lebens, mich aufzusuchen?" „Nein, das nicht. Aber Sie verkennen mich nicht? Sie missachten mich nicht?" Starkblom wurde sehr verlegen. Er wusste nicht, was sagen. Endlich stotterte er: „Aber ich bitte Sie . . . aber Frau Marguerite . . . aber missachten . . . was fällt Ihnen ein? Sie scheinen ja eine . . . vorzügliche Frau. Ich begreife Sie, wenn ich auch nicht weiß, wie Sie dazu kommen. Wollen Sie mir nicht etwas erzählen — von Ihrem Leben?" Marguerite setzte sich wieder aufs Sofa und strich langsam mit beiden Händen über ihr dunkles Kleid. Er blieb vor ihr stehen, indem er sich mit gekreuzten Beinen an den Tisch lehnte und sie anschaute. „Ach, da ist nicht viel zu erzählen. Ich bin das Kind reicher Bauern. Dann kam ich früh zur Erziehung in ein Kloster nach Frankreich. Dort riss ich aus — mit — nun, es ist gleichgültig. Die Sache ist längst vorbei. Aber ich kam durch ihn damals schon in eine Gesellschaft freier Menschen, Männer und Frauen, hauptsächlich Russen und Polen. Seit dem habe ich sehr viel gelesen, auch einiges mitgemacht. Ich — nun ich bin eben frei geworden durch all' das." „Soso. Schön, sehr schön. Was verstehen Sie denn darunter: frei geworden?" „Nun, ich meine, Sie müssten das doch auch kennen. Ich habe wenig Vorurteile, verstehe viele, auch verschieden geartete Menschen, kann mich in vieles hineinfinden und folge im übrigen meiner Natur, wie sie nun einmal ist, geworden ist durch diese und jene Umstände der Vergangenheit und Umgebung. Das nenne ich vor allem frei, dass man sich nicht schämt, täglich tausend Dinge zu tun, die der Verstand nicht erklären noch billigen kann. Zum Beispiel auch, zu leben und glücklich zu sein. Ohne einen Vernunftgrund dafür angeben zu können." „In Kürze etwa: Sie sind ein Philister ohne Vorurteile?" „Jawohl, jawohl," antwortete sie lebhaft. „Das akzeptiere ich. Man muss ein Philister sein, aber ein idealer. Man kann nicht leben ohne das. — Und man will leben," fügte sie noch mit Bestimmtheit hinzu. „Und ich sage: man will nicht," rief Starkblom mit Entschiedenheit und schlug auf den Tisch. „Nun gut: sterben Sie." „Ich meine; man sollte nicht wollen." „Nun ja, das ist es ja eben. Das ist eine Theorie. Das kann ich fassen; ich verstehe es vollkommen. Nach dem heutigen Stand unseres Geistes können wir nicht begreifen, wozu wir leben. Ganz recht, ganz gut. Das gebe ich zu. Wir haben nichts Positives, das wir anerkennen, vollständig nichts. Und wir werden auch nie zu den alten Positionen zurückkehren. Wir würden uns schämen. Wir sind keine Romantiker, keine Philister im alten Sinn. Aber wir warten ab, und das ist Grund genug für uns, zu leben. Wir sind neugierig." „Wir warten ab? Was denn?" „Nun, das weiß ich nicht. Irgendein Falsches vielleicht, wahrscheinlich sogar. Aber das ist nötig. Irgendein Neues, das überwältigt, ein neuer, dauerhafter Aberglaube, eine neue Religion, wenn es sich auch nicht mehr in diese Worte kleidet. Einfach etwas Positives, das allen einleuchtet, das für alle einen Sinn hat. Das alle überwältigt. Wir haben doch alle eine Ahnung, dass etwas in der Luft liegt. Etwas Großes, Nieerhörtes. Sie wollten es ja auch schaffen. Aber Sie konnten nur töten. Nicht zeugen. Also warten wir und leben wir indessen, leben wir freudig. Genießen wir, auch unsern Schmerz. Der gehört dazu, für uns sicher. Das ist Ihnen aber doch alles nicht neu. Sie wollten es nur nicht Wort haben. Vielleicht schämten sie sich. Aber dessen brauchen wir uns wahrhaftig nicht schämen. Wir sind Obergangsmenschen, jawohl, und wir fühlen uns als solche. Und wer so viel durchgemacht hat wie Sie, für den ist das keine Phrase. Nie war eine solche Zeit da wie die unsere. Und die kommende — die muss ja noch viel unerhörter, gewaltiger werden. Ist es vielleicht so — ist es nicht so — habe ich recht?" Starkblom hatte ihr voll Bewunderung zugehört. Er hätte nicht gedacht, dass ein solches Weib lebte. Und nun saß sie hier auf dem Sofa und blickte ihn freundlich mit schimmernden Augen an. Es schien ihm ein Märchen. Was er antwortete, war darum auch nur ein mechanisches Vorsuchen eines altgewohnten Gedankens. „Ich weiß nicht, ich glaube nicht, dass Sie recht haben, ich fände das doch ekelhaft, zu ekelhaft, ein solches Leben. Und die kommende Zeit — was liegt an ihr? Es handelt sich um uns, um mich." „Jawohl, natürlich, nur darum. Aber unsere Gedanken und Träume von der Zukunft, und vor allem unsere Neugier, wie viel wir davon noch selbst erleben, und wie oft sich die Perspektive verändert, das ist ja nur ein Teil von uns. Sie sagen: wir haben an nichts mehr Interesse. Und ich sage: o doch, wir interessieren uns noch für sehr vieles. Aber nein: Sie sagen, wir sollten uns für nichts interessieren. Das ist das Falsche. Sie tyrannisieren sich durch Ihr ewiges Grübeln. Der Mensch ist nicht bloß Verstand. Wenn Sie sagen: ich will nicht leben, dann spricht bloß ein Teil von Ihnen, der andere aber will leben, o ja, o ja, er will leben, und er sollte es sich nicht gefallen lassen, unterjocht zu werden. Er ist mächtiger als alles andere. Er sollte mächtiger sein. Ihr Verstand zehrt an Ihnen. Aber das andere lebt noch in Ihnen, das spüre ich, das fühlt man aus Ihren Schriften. Und das ist gut; sonst stünde die Sache verzweifelt. Sie können sich retten, aber nur Sie selbst, sich selbst. Dazu bin ich gekommen, um Ihnen das zu sagen. Kehren Sie zurück zum Leben! — Das Leben ist schön!" Lange blickte Starkblom vor sich nieder. Dann sagte er leise: „Das alles kenne ich, was Sie da sagen. Sie vermuten recht, das ist mir nicht neu. Es hat oft in mir empor wollen, und in letzter Zeit mehr wie je, aber ich habe es bekämpft. Der Geist ist das höchste, was der Mensch hat. Es ist feige, feige, ihn zu unterdrücken. Wozu Sie raten, das ist die Herrschaft der andern Triebe über den geistigen. Das könnte ich nicht aushalten, jetzt nicht mehr; früher vielleicht. Das wäre mir jetzt zu gemein — auf die Dauer." „O nein, das ist es gar nicht. Ich rate zum Genuss, jawohl, aber auch zum geistigen Genuss, zu dem erst recht. Aber geistiger Genuss ist nur möglich in Verbindung mit den andern — nun sagen wir: Trieben; sonst artet er aus und treibt zur Vernichtung. Sie wollen das leugnen, aber Sie können es nicht. Empfinden Sie nicht Genuss bei solchem Gespräch? Und müssten Sie sich nicht zwingen, aus Gewohnheit und Konsequenzdusselei, auch jetzt etwa zu fragen: was hat das für einen Zweck? was steckt dahinter?" Starkblom wurde unruhig; er konnte ihr Auge, das sie voll und ruhig auf ihn richtete, nicht ertragen. Er kehrte sich ab und sah zum Fenster hinaus. Sie aber wollte nicht nachlassen. Sie fühlte, sie hatte Einfluss auf ihn, und sie freute sich, dass ihr Geist sich im Gespräch mit dem seinen messen konnte. „Sagen Sie einmal, Starkblom," fing sie also nochmals an, „was ist das mit dem Weib in Ihrer letzten Broschüre? An zwei Stellen? Das kommt so plötzlich und unvermittelt hinein. Was wollten Sie damit? Wenn es symbolisch sein sollte, gestehe ich, ich habe es nicht verstehen können." Starkblom drehte sich rasch um. „Es sollte nicht symbolisch sein." Dann fügte er zögernd hinzu. „Es war wohl ein Trieb. Halb Sehnsucht, halb Ahnung. — Unsinn war es, Unsinn." „Jetzt verstehe ich vielleicht," sagte sie leise. „Auch das gehört dazu. Sie sind zu retten, dann erst recht." Jetzt sah er ihr fest in die Augen. „Marguerite, Marguerite," rief er dann. „Sie treiben ein gefährliches Spiel. Noch lebe ich, verstehen Sie, noch bin ich Mensch! Hüten Sie sich!" Und er streckte die Hand wie suchend nach ihr aus. „Ich freue mich, dass Sie leben," sagte sie ängstlich lächelnd und sich etwas zurückbiegend, „aber Sie sind ein Kind!" Er fuhr sich verwirrt mit der Hand über die Stirn. „Wie . . . was? Sie meinen . . . aber nein, das nicht, das nicht. Nein, nein. Ich will nicht. Sterben Sie mit mir, Marguerite, ich bitte Sie, sterben Sie mit mir. Ich will nicht mehr leben, ich kann nicht." Marguerite stand auf, heftig atmend und sehr blass. „Starkblom," sagte sie, „Sie sollten nicht eigensinnig sein. Sie tun sich Gewalt an. Ich würde es vielleicht tun, wenn —" Sie hielt inne. Starkblom ergriff sie bei der Hand und sah sie mit fieberndem Blicke an. „Was würden Sie tun? Was? Marguerite?!" Marguerite konnte nur noch flüstern. „Sterben, natürlich sterben. Was sonst?" Starkblom ergriff auch noch ihre andere Hand. „Du würdest es tun, Marguerite? Du willst? Ja?" Marguerite konnte nicht mehr. Sie sank in den Sessel, lehnte sich zurück und ließ den Kopf zur Seite hängen. „Ja, ja, ja. Wenn du willst, ja. Aber nicht jetzt, nicht jetzt. Wir wollen warten. Bedenken. 0 es kann ja nicht sein." Starkblom trat zurück, wie plötzlich ernüchtert. „Ja, wir wollen warten. Vielleicht — ach, Unsinn." Dann griff er sich an den Kopf, wie müde vor Erregung. „Ach, was ist das heute für ein Tag! Wer hätte das gedacht? Wer hätte das gedacht?" Auf einmal zuckte es ihm um die Mundwinkel und in seinem Auge leuchtete es irr auf. Dann lächelte er fein, fast boshaft. „Ich glaube, wir belügen uns, Marguerite. Nicht?" Und flüsternd, aufgeregt stieß er heraus: „Wir meinen — es — anders — nicht —?" Marguerite winkte matt mit beiden Händen, er möge aufhören. „Laß — — laß, Starkblom. Ich will mit dir sterben — oder leben, wie du willst. Aber schweig jetzt, ich bitte dich. Ich kann — nicht mehr." Und sie lehnte sich müde zurück und schloss die Augen. Starkblom trat ans Fenster und sah starr hinaus. Dann drehte er sich um und schaute sie lange an. Ein Zittern überkam ihn. Er wandte sich wieder ab und zwang sich, auf die Bäume gegenüber zu blicken und hinauf zu den Wolken. So verblieb er lange. Endlich fuhr sich Marguerite leicht mit der Hand über die Stirn, als wolle sie einen Traum verscheuchen. Dann ballte sie eine Faust und fuhr energisch mit dem Arm auf und ab. Sie konnte sich wieder beherrschen. Sie ließ ihre Blicke im Zimmer schweifen. Auf einem kleinen Tischchen lagen Bücher und Zeitschriften ungeordnet durcheinander. Dicker Staub lag darauf. Sie trat näher und malte gedankenlos Zeichen und Buchstaben auf die Bände. Dann nahm sie eines der Bücher in die Hand und schaute nach dem Titel. „Ah!" sagte sie freudig. „Was haben Sie Schönes?" „ ,Also sprach Zarathustra' von Friedrich Nietzsche. Ich habe es nie in die Hand bekommen, aber viel davon gehört. Ich möchte es kennen lernen." „Sie kennen es nicht? Alle Achtung vor Ihnen. Lernen werden Sie nicht mehr viel von ihm können. Aber die Sprache! die Sprache. Es ist ein wundersames Buch. Geben Sie her. Ich will Ihnen einiges davon zeigen." Er nahm ihr das Buch aus der Hand, setzte sich, schlug aufs Geratewohl auf und fing an vorzulesen. Nun las er einen Abschnitt nach dem andern, immer noch einen. So beruhigten sich ihre aufgeregten Sinne allmählich. Sie sprachen dann noch lange, Tiefes, auch Gleichgültiges. Später gingen sie spazieren und setzten sich ins Grüne. Marguerite erzählte viel von ihrer Jugend, von den mancherlei Menschen, mit denen sie zusammengetroffen. Sie hatte viel zu erzählen und berichtete ohne Scheu. Von ihren letzten Lebensjahren schwieg sie indessen. Abends sagten sie sich ziemlich früh und ziemlich zurückhaltend, fast zeremoniell Gute Nacht, und Marguerite begab sich in das Fremdenzimmer, das, seit Starkblom da wohnte, noch nie benutzt worden war. Sie schaute noch ein wenig zum Fenster hinaus und ließ sich von der Nachtluft abkühlen, dann legte sie sich ins Bett und kreuzte die Hände unter dem Kopf, wie sie zu tun pflegte, wenn sie noch nachdenken wollte. Den ganzen Tag über war es ihr immer von Zeit zu Zeit so gewesen, sie müsse an etwas denken, sie dürfe es nicht vergessen, und jetzt wollte sie sich besinnen. Aber ehe sie noch so weit war, zerflatterten ihre Gedanken in wirres Träumen, und sie schlief ein. Starkblom aber saß lange noch auf seinem Bett und brütete vor sich hin. Sollte er vergnügt sein und ausgelassen wie ein tolles Kind oder sollten sich ihm die Gedärme vor Ekel über sich selber im Leibe herumdrehen? Er wusste es wahrhaftig nicht. Er hatte die Knie in die Höhe gezogen und stützte seinen Ellbogen darauf und hielt seinen Kopf. Er blickte starr, mit zusammengekniffenen Augen und gepressten Lippen. Es fiel ihm nicht ein, sich zu wundern, sein Schicksal erfüllte sich, das war die natürlichste Geschichte von der Welt. Und dann auf einmal hielt es ihn nicht mehr, es drückte etwas von innen gegen die starre Wand seines Mundes und er platzte laut heraus und lachte hell auf und schlug mit der flachen Hand klatschend auf seinen Schenkel. Freilich lachte er sich aus, aber eine jugendliche Freude war auch dabei, und weil er das herausfühlte, mußte er nur immer mehr und immer wieder lachen und losplatzen. So ein Narr! So ein Narr! Und dann kleidete er sich rasch aus und legte sich ins Bett und löschte das Licht. Er warf sich ein paar Mal hin und her, dann schloss er die Augen fest und blieb ruhig liegen. So, jetzt wird geschlafen, verstanden? Aber Starkblom wollte nicht verstehen. Er kicherte wieder ein wenig. Dann öffnete er die Augen weit und sah lange zur Decke empor. Und als ziehe ihn etwas in die Höhe, richtete er den Oberkörper auf, winkte mit der Hand in die Luft, und sagte mit vernehmlicher Stimme: „Gute Nacht, Marguerite! — Gute Nacht, liebe Marguerite!" Dann legte er sich wieder ruhig hin und lächelte müde. Und nun kamen ungeordnet aufgeregte Träume und lösten sich in wirrer Reihenfolge ab, bald mit offenen, bald mit geschlossenen Augen. So verbrachte er den größten Teil der Nacht, hin- und hergeworfen von der Unruhe und ohne Müdigkeit. Es war, als habe er die dunstige Nebelhülle, in der er sonst sich so wohlig geborgen und so gut und tief geschlafen hatte, mit eins verloren. Es war so unheimlich klar in seinem Kopfe bei allen fürchterlichen und törichten Träumen, die rastlos hin- und hergingen, und die Augen waren so kühl und wollten nicht geschlossen bleiben, es war ganz selbstverständlich, dass er nicht schlafen konnte, er hatte gar keinen Grund zum Schlafen. Erst spät am Morgen duselte er ein wenig ein. Auch die nächsten paar Tage lebten sie ruhig und idyllisch nebeneinander hin. Sie lasen, plauderten, gingen spazieren und lagen im Grünen. Im übrigen hielten sie sich scheu zurück und wollten an das andere nicht mehr denken. Marguerite war es eingefallen, was sie nicht vergessen dürfe, aber sie wollte nicht daran denken. Es wird sich schon finden, es wird sich schon finden. Sie wollte sich gehen lassen. Starkblom aber ließ sich treiben, wie vom Sturmesbrausen. Er konnte nicht mehr zurück. Er konnte sich nicht mehr halten. Es war über ihn gekommen. Er mußte es vollenden. Hinein in die Flut, nur hinein. — Wer weiß? — Ja, wer weiß! Eines Abends, als sie auseinandergehen wollten, um zu schlafen, legte Starkblom seine zitternde Hand auf ihre Schulter. Seine Knie bebten. Und mit verzerrtem, blutleerem Gesicht und brennenden Augen bemühte er sich in ruhigem Ton zu sagen: „Marguerite, wir müssen die Konsequenz ziehen: warum nicht?" Sie sah ihn mit entsetzten Augen an: „Du willst sterben? Jetzt?" Da schrie er laut auf und brüllte: „Lüge nicht, Marguerite, lüge nicht! Sterben?! Wer denkt ans Sterben? Leben will ich! Dich! Dich!" Seine Stimme hatte sich überschlagen und knickte ab. Dann fügte er ruhiger, fast feierlich hinzu: „Marguerite, ich bin der Mann!" Da kreuzte sie die Arme über die Brust, sah ihn ernst und schmerzlich an und sprach: „Ich bin das Weib — ja!' Und bei dem letzten Wort nickte sie bekräftigend und dann senkte sie den Kopf und blickte nicht mehr auf. Er biß die Zähne fest in die Unterlippe, atmete schwer und blickte bohrend in die Luft. Er trat zurück und blickte an ihr hinauf. Dann packte er sie plötzlich an beiden Schultern und riß sie an sich. Sie ließ es willenlos geschehen. Dann flüsterte er zitternd: „Ich danke dir. Komm." Als Starkblom besänftigt und wohlig neben Marguerite lag und ihren wundervollen Leib umfangen hielt, da schwand rasch die Scham und der Ekel, die ihn erst hatten überwältigen wollen, und wenn auch sein Körper matt und unbewegt dalag, die bleierne Mattigkeit seiner Seele wollte sich von ihm lösen, und Kraft und Freude und selige Unbewußtheit hielten ihren sieghaften Einzug. Er wurde nicht müde in das ruhige, süßes Behagen ausströmende Auge Marguerites zu blicken, und ruhig und ohne Aufregung lange Küsse auf ihren Mund und ihre Lider zu heften. Und immer wieder hob sich seine Seele und sein Leib zu der wundervollen stillen Frau, die ihm manchmal sanft über das Haar strich und ihm den Schweiß von der Stirne wischte. Sie sprachen auch manchmal zusammen während der langen schönen Nacht, aber nur kurze hingeworfene Laute, die im Dunkel verwehten, wie wenn den Vögeln nachts ein goldener Traum lind über das Gefieder streichelt und sie befangen weiche Töne den surrenden Lüften vermählen und dann wieder verstummen. Als das Morgengrauen anfing mit seinen Nebelfingern das Dunkel von den Scheiben zu wischen, senkte sich die Müdigkeit trennend zwischen die beiden und sie verfielen in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Spät am Morgen schreckte Starkblom plötzlich empor und blickte verwirrt umher. Dann fiel ihm alles ein, er fühlte und sah seine schlafende Gefährtin neben sich und er legte sich lächelnd und behaglich wieder auf die Kissen zurück. Aber er konnte nicht mehr schlafen, er war vollständig frisch und munter. Er betrachtete Marguerite, deren breite, volle Brust sich gleichmäßig hob und senkte, ihre Wangen waren rosig überhaucht wie nie zuvor. So verblieb er lange, er konnte sich nicht satt sehen. Dann wäre er gerne wieder müde gewesen, er legte seinen Kopf, so leicht es ihm möglich war, auf ihre Brust, drehte aber dabei seinen Körper so, daß er ihr ins Gesicht sehen konnte. Bald zuckte es um Marguerites Mund, drückende Träume mochten sie ängstigen, sie stöhnte leise, dann wachte sie auf und sah in Starkbloms Augen. Eine unsagbare Heiterkeit verklärte da ihre Züge, beide sprachen kein Wort; sie blickten sich nur immer an. Auf einmal aber beugte sich Marguerite herunter, legte ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn auf den Mund. „Guten Morgen, mein Lieber," sagte sie dann frei und heiter. „Guten Morgen, Marguerite," antwortete Starkblom fröhlich und dankbar. Dann, während sie sich beide still nebeneinander legten, fing er an: „Das kommt mir jetzt erst. Daran hab' ich noch gar nicht gedacht." „Was denn?" „Das war der erste Kuß, den du mir gegeben hast." „So?" meinte sie errötend. „Ja, und?" „Weißt du, ich gebrauche die alten Wörter nicht gern, sie sind so abgescheuert und gemein geworden und waren von Anfang an nicht tief und innig genug. Aber — du verstehst mich ja, wie ich es meine . . . also . . . nun eben —." „Ist es denn so schrecklich, Karl? Was meinst du?" „Ich meine, jetzt hast du mich geküsst, und vorher — ich meine, liebst du mich denn, Marguerite?" Da drückte Marguerite die Hände fest auf die Augen, runzelte ihre Stirn und nickte langsam und feierlich mehrmals mit dem Kopfe, wie kleine Kinder tun, wenn sie etwas besonders ernsthaft bestätigen wollen. Dann lachte sie kurz in sich hinein und flüsterte ihm ins Ohr: „Ja." Starkblom suchte ihre Hand und drückte sie fest und ließ sie nicht mehr los. Dabei legte er sich auf den Rücken und träumte in die Höhe. Dann lächelte er und lächelte immerfort, bis ihm das Wasser in die Augen trat. „Was hast du denn?" fragte Marguerite, die ihn beobachtete. „Ach, es ist mir nur eben etwas eingefallen," meinte er, immerzu lächelnd. „Was denn, sag' mir's doch." Er schwieg ein bisschen, dann sagte er: „Mein armes, kleines Lorchen." „Deine Frau?" sagte sie leise, und er nickte. Da schämte sie sich, und sie wusste doch nicht, warum. Es mußte wohl etwas Großes sein und ein freier Ernst, der jetzt durchs Zimmer schwebte. Und voll von dem dunklen Gefühl beugte sie sich zu ihm hinüber und küsste ihn auf die Stirn. Noch einer Weile fragte er: „Hattest du nie ein Kind, Marguerite?" „Nein," sagte sie leise errötend. Da stand er auf, kniete vor ihr Bett und sagte, indem er die Hand auf ihren Kopf legte: „Du wirst eins bekommen." Sie schlug die Hände vors Gesicht, dann lag sie ernsthaft da und nickte sinnend. Nun erhob auch sie sich und beide fuhren rasch in die Kleider. Plötzlich lachte Starkblom laut auf. „Weißt du, wie mir meine letzte Broschüre Jetzt vorkommt?" „Nein, wie?" „Nun höre. Ein Mann in den Vierzigern, Witwer, sucht auf diesem sehr ungewöhnlichen Wege eine Lebensgefährtin. Dieselbe muss groß und kräftig gebaut, sehr gebildet und vorurteilsfrei sein. Offerten bittet man einzusenden unter der Chiffre: Es lebe der Tod! Nicht? War es nicht so? Und dass ich sie gefunden habe, das ist das Allerseltsamste und das Allerschönste! Wie kamst du denn dazu, Marguerite? Wie bekamst du denn in Paris meine Broschüren?" Marguerite hatte erst lachen müssen, aber jetzt wurde sie ernsthaft und sogar ein wenig blass. „Das war nicht so einfach, mein Lieber. Das hängt mit etwas zusammen, mit etwas — anderm. Aber jetzt kann ich dir das unmöglich sagen. Du musst warten. Bald — nicht wahr?" „Wie du willst, Marguerite. Ich habe dich, wir haben uns. Das ist eins und alles. Das andere ist gleichgültig." In so seliger, alles vergessender Stimmung verbrachten sie diesen Tag und auch die folgenden. Was hätte ihr Glück stören können? Manchmal freilich überlief es Starkblom, und die Vergangenheit wollte ihn wieder packen mit ihren mörderischen Tatzen, und dann sagte er wohl: „Mein Glück ist zu groß. Ich werde bald sterben." Aber Marguerite und er selbst brauchten sich nicht allzu sehr anzustrengen, um dies Gespenst wieder zu verscheuchen. Eines Mittags saßen sie heiter auf dem Balkon und plauderten und sahen ins grüne Tal hinab. Da brachte die Haushälterin mit hochgezogenen Brauen und grenzenlos erstauntem Gesicht ein Telegramm und überreichte es zweifelnd Starkblom. Der nahm es rasch und las die Adresse, und auch er machte ein sehr verwundertes, fragendes Gesicht. Doch winkte er der Frau, sie solle gehen. „Ist das für dich, Marguerite?" fragte er dann und reichte ihr die Depesche hinüber. Sie las die Adresse und errötete über und über. Da stand: „Frau Marguerite Starkblom. Villa Weißes Haus." „Ja," flüsterte sie dann und ließ das Papier unentschlossen in ihrem Schoß liegen. „Das ist seltsam," meinte Starkblom, sie starr ansehend. „Verstehst du es? Kannst du mich nicht aufklären? Wer weiß davon etwas? Und wer kann sich unterstehen —?" „Es ist anders, lieber Karl. Hab' nur Geduld. Lass mich erst lesen. Dann vielleicht —." Sie erbrach den Verschluss und las die wenigen Worte. „Warum höre ich nichts von dir? Bin aus Frankreich ausgewiesen und schon auf der Reise zu Euch. Komme noch heute an. Hoffentlich steht alles gut. Jean." Sie reichte ihm mechanisch das Blatt hinüber, und er las und blickte sie dann fragend und traurig an. „Marguerite, was heißt das? Wer ist der Mann? Woher weiß er —? Schriebst du ihm von hier aus?" „Nein." „Aber woher weiß er denn dann? Was ist das? Marguerite!" Und sie flüsterte: „Ich lebte mit ihm zusammen. Es geschah mit seinem Einverständnis, daß ich hierher kam. Er ist —" Sie verstummte. „Mit seinem Willen? Das verstehe ich nicht. Marguerite! Was ist das? Wie kann er dich Starkblom nennen?" „Er heißt selbst so, Karl, und ich nannte mich nach ihm. Ach, es ist ja so gleichgültig." „Gleichgültig? Und er heißt Starkblom? Und das wäre nur ein unerhörter Zufall? Ist das ein Traum?" „Kein Zufall — oder — wie du's nimmst. Er heißt Johannes Starkblom. Er hält sich für deinen Bruder." Starkblom durchfuhr es. Er stand rasch auf. „Was? Johannes? Der lebt? Und — und — du — mit ihm . . . ach, Marguerite, was ist das für eine Geschichte!" Er setzte sich müde und abgespannt wieder auf den Stuhl. Die Sache griff ihn an. „Alle meine Geschwister sind mir sonst ganz gleichgültig. Ich kümmere mich gar nicht um sie. Aber der — das ist etwas anderes. Und du —!" Marguerite schmiegte sich eng an ihn und legte den Arm um seinen Hals. „Geht es dir so nahe, mein liebster Schatz? Sieh, dafür kann ich ja nichts. Und er auch nicht. — Er hat es aber vorausgesagt." „Was hat er gesagt?" „Daß — nun wie es gekommen ist. Daß wir nicht mehr voneinander können. Zwar nein, so wird er es doch nicht gemeint haben. Er ist ein so guter Mensch. Ich habe ihn sehr gern." „So, Marguerite? Und ich?" „Aber, mein lieber guter Karl, das ist ja ganz etwas — aber das läßt sich ja gar nicht — weißt du — nein — dich liebeich! Karl! Verstehst du?" „Meine liebe Marguerite, ich glaube dir ja. Ich bin ja kein Philister! Nur, daß es mein Bruder —!" „Aber wenn es das nicht wäre, wäre ich ja nie zu dir gekommen. Nicht? Willst du nun hören?" „Das ist auch wahr. Ja, erzähle, ich bin nun schon ruhiger. Das ist ein Mensch! Der Johannes! Lebt dieser Mensch noch!" „Freilich lebt er! Er ist seit Jahren in Paris. Vor zwei Jahren lernte ich ihn kennen und seit einem ungefähr leben wir zusammen. Er hat fürchterlich viel mitgemacht im Leben. Weißt du, nicht innerlich wie du, das viel weniger. Aber er ist herumgekommen, überall. Und geschüttelt ist er worden. Nun, dadurch ist er eben ganz und gar frei geworden. Mehr als wir alle. Er ist es praktisch. Um die Theorie hat er sich nie viel gekümmert. Er macht alles mit, was die Nerven aufregt, was neu ist, was ihn amüsiert. Und dabei ist er ein so herzensguter Mensch. Aber das darf man ihm nicht sagen. Er möchte es nicht sein." „Da steht er nun völlig vor mir. Der Taugenichts! Ich hätte nicht gedacht, daß das aus ihm wird. Er trieb immer das Gegenteil von dem, was ich trieb; und jetzt stehen wir fast auf demselben Fleck. Ja, ja, die Welt ist rund! Und jetzt wird er ausgewiesen? Warum?" „Ach, das ist wegen dieser anarchistischen Geschichten. Wir haben da ein wenig teilgenommen." Starkblom stand auf und ging erregt hin und her. Dann fing er an: „O der Glückliche! Ihr Glücklichen! Was habe ich gebraucht, um dahin zu kommen, wo ich jetzt stehe! Alles im Denken, im Grübeln, es zerriß mich schier! Alles innen, es wollte heraus und drückte in mir zum wahnsinnig werden. Und ihr — und er! Er handelt, er nimmt teil! Er ist unbekümmert!" „Und doch nicht epileptisch," sagte Marguerite lächelnd. „Aber er hat etwas nicht, was ich habe. Ich bin so schwerfällig. ich habe so viel Altes, ich brauche so unsägliche Mühe, um es los zu werden! Und jetzt, jetzt — jetzt bin ich zu alt! Wenn ich dich nicht hätte, wozu wäre ich noch gut? Und jetzt, jetzt, wird er dich mir nicht entreißen? Marguerite! Verlaß mich nicht! Ich ... du ... ich brauche dich . . . über alles . . . mein Einziges!" Marguerite drückte ihn fester an sich. „Mein geliebter Karl, er kann uns nicht trennen. Er wird es auch nicht wollen. Wir bleiben immer beisammen, immer. Und schließlich —" Sie stockte. Dann setzte sie hinzu: „Nun, das wird sich finden. Wir wollen warten, bis er kommt. Freust du dich nicht ein wenig?" „Ich weiß nicht. Vielleicht. — Mir ist bange. — Wie kam er denn zu meinen Schriften?" „Oh, er liest viele deutsche Sachen, und neues Modernes aus aller Herren Länder verschafft er sich immer. Er hat da einen kleinen deutschen Buchhändler aufgetrieben in einem engen Gäßchen, der auf Kuriositäten aus ist und besonders die Broschürenliteratur pflegt. Der sagte ihm nun einmal, als er bei ihm herumkramte: „Von Ihnen hab' ich auch etwas bekommen, Herr Starkblom. Das kann nur von Ihnen sein. Es ist zu toll." Nun, das war deine ,Vision'. Nachdem ließen wir uns natürlich das erste Sendschreiben auch kommen, und durch den Verleger erfuhren wir die Adresse und bekamen damit auch Sicherheit, daß du sein Bruder bist. Es ist eigentlich sehr einfach und doch ist's wieder wunderbar." Die nächsten Stunden verbrachten sie unter unruhigem Hin und Her und gleichgültigen Gesprächen. Starkblom war ziemlich aufgeregt. Endlich gegen Abend klopfte es mit drei leicht hingeworfenen Schlägen an die Tür und Hans trat ein. Marguerite trat ihm rasch errötend entgegen und reichte ihm beide Hände. Der kleine Mann blinzelte ein wenig an ihr hinauf, dann aber begnügte er sich damit, ihre Hände zu schütteln und dann an die Lippen zu ziehen. Er wollte sie im Flüsterton etwas fragen, aber sie trat zur Seite und winkte mit dem Kopf Starkblom zu. Der trat nun näher. „Sie sind Johannes Starkblom, der Sohn Adam Starkbloms, des Schuhmachers?" „Ich kann's nicht leugnen." „Dann sind wir Brüder." „Ja, das sind wir ganz sicher." Es trat eine Pause ein. Dann begann der Ältere: „Wir haben uns sehr lange nicht gesehen. Wir kennen uns nicht mehr." „Ja, nun also," fiel Hans lebhaft ein, „lassen wir den ganzen lächerlichen Bruderschwindel zu Hause. Die Sache wird sonst furchtbar ungemütlich. Sie wissen — Marguerite hat Ihnen jedenfalls gesagt, wie sehr Sie uns sympathisch sind — und — nun einfach — wir machten das Experiment, Sie vom Tod zu retten, ich kam zuerst auf den Gedanken, weil ich das Leben nämlich so furchtbar, so ganz unsagbar liebe! Und nun — wie steht die Sache? — Ich setze mich." Als Starkblom schwieg, sagte Marguerite leise zu Hans: „Du hattest recht." Da rief er vergnügt: „Nicht wahr? Bravo, bravissimo! Also gerettet! Lebensfreudig! Von unserer Art! Nun dann — Bruder, schlag ein! Nun sind wir Brüder!" Karl legte seine Hand in die seine, sagte aber verlegen lächelnd: „Ich glaube, Marguerite meinte es ein wenig anders mit dem rechthaben, und vielleicht hat dann auch die Brüderschaft noch einen andern Sinn. Sie — du sollst in Paris etwas vorausgesagt haben — nun, es traf ein, vollständig, nach jeder Richtung." Er stand auf. „Und da ist nichts zu ändern. Nicht wahr, Marguerite? Wir zwei haben uns gefunden in freier Liebe, und nichts kann uns trennen — nichts!" Hans sah lange auf die beiden, dann antwortete er: „Also doch! Nun — darauf war ich gefaßt, und während der Reise ist mir's schon zur Gewißheit geworden. — Marguerite! es wäre mir sehr unbequem, ohne dich zu leben. Ich habe mich so an dich gewöhnt, kurz — hol's der Teufel, ich hab' dich wahnsinnig lieb! Und du — Marguerite? Alles aus? Weggeblasen? Na — wenn schon — denn schon!" „Gar nicht, Hans, gar nicht: ich habe dich so lieb wie je, ganz und gar. Nur das — diese Liebe, das ist neu. Karl und ich — nun eben — du hast es immer leugnen wollen, aber es gibt doch etwas wie eine Ehe." Karl war still zur Seite getreten und hörte ruhig zu. Er wußte, sein Glück war gesichert, und nun nahm er Interesse an dem Geschick des armen Hans — so nannte er ihn in Gedanken. „Eine Ehe soll's geben?" erwiderte Hans in ruhigem Ton. „Ja, es kommt darauf an, wie du das meinst. Also das, wie wir lebten, das nennst du nicht Ehe?" „Nun, es kommt ja aufs Wort nicht an. Daß das viel besser und schöner war, als was man sonst gewöhnliche Ehe nennt, das ist natürlich ganz selbstverständlich. Aber, siehst du, es mag seltsam klingen, aber es ist so: wir hatten doch eigentlich nur geistige Gemeinschaft." „Na, na, das ist aber eine sehr kühne Behauptung, Marguerite. Das dürfen Sie beileibe nicht glauben, Herr Bruder im Geist, na, Sie wissen ja, was für ein Geist." „Jean, du wirst gereizt, ich hör's am Ton, und das ist nichts für dich. Ich bleibe ganz und gar bei dem, was ich sagte. Es gibt Menschenpaare, die Erfahrung habe ich wenigstens gemacht, seit ich Karl kenne, bei denen geistige und körperliche Gemeinschaft, ich möchte sagen, organisch zusammenhängen. Gewöhnlich ist's bloßes zufälliges Zusammentreffen. Angenommen, und so war's bei dir und mir: Ihre Seelen stehen sich nahe und aus Bequemlichkeit machen die Körper die Sache so mit. Aber das ist nicht unbedingte Notwendigkeit. Dass wir, gerade wir beide, zusammen gehörten und zusammen taugten, ganz und gar, und uns gar nichts anderes denken konnten, so war es nicht, nein, so war es nie!" „Jetzt ahne ich, was du meinst. Verzeih, aber das ist eine ganz überspannte Geschichte. So was gibt's gar nicht. — Der langen Rede kurzer Sinn aber ist wohl der: Für mich gibt's keinen Platz! Da sind nur zwei Stühle und die sind besetzt. Nicht?" Die beiden schwiegen. „Ich muss jetzt doch wie ein Kapitalsesel vor euch stehen," fing Hans wieder an. „Der ganze Plan stammt ja von mir. Sowie ich die Broschüre gelesen hatte, noch ehe ich ganz sicher war, dass Sie mein Bruder sind, ich dachte es mir zwar gleich, da fuhr es mir durch den Kopf: Den rette ich durch Marguerite! Es gibt nur eine Marguerite, dachte ich, die kann's, nur die. Verteufeltes Vergnügen hat mir die Geschichte gemacht; und dass Sie sich in sie verlieben, habe ich sofort in die Berechnung gezogen, ich dachte schon, eine kleine Tragödie gibt's, es wird ihm ein bisschen zusetzen, aber am Leben bleibt er, dann erst recht. So ungefähr. Und nun? Herrgott, Marguerite, wie kann's nur sein, dass du mich nicht mehr liebst, und ich hab' dich lieber als je! Wie habe ich mich nach dir gesehnt die letzten Tage! Ist gar nichts zu machen? Entschließt du dich nicht anders, nun ich da bin?" „Nein Hans," sagte sie, „ich habe dich recht gern, ich denke gern an alles zurück, und ich verdanke dir ja so vieles —" „Nichts verdankst du mir, nichts. 0 du! Du!" „Aber jetzt ist es anders. Wir gehörten zusammen, Karl und ich, und mußten uns finden. Es ist schade, dass ich nicht an die Vorsehung glaube." „Hm," machte er und lächelte trotz seiner Erregung. „Na, Herr Bruder, man ist natürlich der Dritte, der jubelt? Das Wort passt nicht ganz, tut aber nichts. Na, wie wär's? Wollen wir jetzt miteinander ein wenig sterben spielen? Wenn Sie alle Künste Ihrer mächtigen Beredsamkeit anwenden, bringen Sie mich vielleicht so weit." „Nein, Hans," erwiderte Karl Starkblom, „ich denke vorerst nicht mehr an den Tod. Und ich hoffe, Sie werden den Schmerz auch überwinden —" „Ich bitte Sie, jetzt keine Phrasen. Schmerz ist anders. Schmerz — Schmerz — das wäre also Schmerz? Das Wort ist eigentlich gar nicht so übel — Schmerz. Jedenfalls ein verfluchter Zustand. Furcht vor Langeweile hätte ich ihn genannt. Jetzt muss man wieder suchen; ich weiß nicht einmal, wo wohnen; ich hatte doch gehofft, wir könnten hier eine Zeitlang beisammen bleiben —?" Er hielt inne und blinzelte die beiden an. Sie schwiegen. „Also nicht? Egoisten!" „Ach, Marguerite!" schrie er plötzlich, und die Leidenschaft überwand seine künstliche Haltung. Das kleine Männchen zitterte am ganzen Leib. „Marguerite, du warst mir eine Gefährtin; du hast mit mir gelacht, wenn ich lachte, du hast meine Launen geduldig ertragen, und warst so sanftmütig und so innig und so verständnisvoll — — o pfui, wie ist mir's jetzt so öde! Äh!" Er setzte sich, stützte den Kopf auf und kratzte mit der andern Hand im Barte. Da sah er plötzlich auf. „Ich kenne eure deutschen Verhältnisse nicht mehr so recht," hub er an. „Wer von euren Spießbürgern, ich meine die Professorenseelen und Staatsmänner und so weiter, wer ist denn da besonderes populär wegen seines makellosen Rufes, humaner Gesinnung, kurz, ein recht braver, guter Ehrengreis?" „Ich wüsste im Moment nicht — warum fragst du?" „Den müsste man umbringen," sagte er lächelnd. Sie sahen ihn erstaunt an. „Nu ja — das hätte doch einen ganz eigenen Reiz. Nicht? Die Welt denkt an dies und das, aber auf so was ist kein Mensch gefasst. Das bringt Bewegung in den Ameisenhaufen, und wenn der Täter ruhig zusehen könnte — es müsste ein kurioses Vergnügen sein." „Weiteren Zweck würdest du keinen damit verfolgen?" ,,Zweck? Mensch, wie weit sind Sie eigentlich in der Kultur zurückgeblieben? Hinter Ihren eigenen Broschüren sind Sie ja zurückgeblieben? Oder ich habe sie nicht recht verstanden. Ich meine, die Hauptsache ist, dass man gar nicht nach Zwecken fragt, sondern bloß nach sich selber? Ich habe nun einmal so einen Geist, dem so was Vergnügen macht. Warum sollt' ich's nicht tun? Vielleicht tue ich's auch nicht, vielleicht werde ich hundert Jahre alt und habe das nicht getan, was mir am meisten entsprochen hätte, aber eine Schande wär's dann. Jedenfalls!" „Das alles liegt mir sehr nahe," sagte Starkblom düster. „Einen Moment war ich vielleicht auch da, aber ich kann nicht, ich kann nicht. Und jetzt schon gar nicht mehr. Ich kann nicht mehr bloß verneinen. Ich muss etwas haben, wofür ich mich erwärme. — Ist das die Stimmung der Anarchisten? Denken Sie ebenso?" „O nein," fiel Marguerite rasch ein. „Durchaus nicht. Sie wollen etwas. Ihr Treiben hat einen Sinn. Sie sind durchaus nicht ohne Wärme. Durchaus nicht ohne Natur." „Also immer noch?" fragte Hans bitter. „Deine alte Liebe? Nun, sie sind nicht ganz ohne, und so sind sie, wie du sie schilderst. Hitzige und unklare Menschen. Ich habe die Verteidigungsrede des einen bei mir, den sie jetzt ,hingerichtet' haben. Ihr kennt sie jedenfalls noch nicht. Ich muss sagen — nun eben, ein Fisch bin ich auch nicht, und die Worte des Mannes haben mich ins Mark hinein erschüttert. Soll ich sie euch vorlesen?" „Ich bitte darum," rief Karl lebhaft, und gleichzeitig rief Marguerite: „Ja, ja! Ich kenne den Mann nur aus Schilderungen, aber er war ein Mensch!" „Ja, das war er," sprach Hans feierlicher, als er selbst es an sich gewohnt war. Dann suchte er in seiner Brusttasche unter allerlei Papieren, bis er ein halb zerfetztes, auf schlechtem Papier gedrucktes Zeitungsblatt hervorholte. Dann las er: „Wenn ich das Wort ergreife, so geschieht dies nicht, um mich zu verteidigen gegen die Taten, welcher man mich beschuldigt; denn nur die Gesellschaft allein, welche durch ihre fehlerhafte Organisation die Menschen zum fortwährenden Kampfe des einen gegen den anderen zwingt, ist verantwortlich dafür. Sieht man heute nicht in allen Klassen Menschen, welche ihren Mitmenschen, ich sage nicht den Tod, das klingt zu schlecht, aber ein Unglück wünschen, wenn solches ihnen einen persönlichen Vorteil bringen kann? Zum Beispiel: Hegt der Geschäftsmann nicht den Wunsch, sein Konkurrent möchte verschwinden? Wünscht der Arbeitslose, um Arbeit zu erhalten, nicht, dass der beschäftigte Arbeiter aus irgendeinem Grunde entlassen wird? Nun gut; in einer Gesellschaft, wo solche Dinge vorkommen, hat man sich nicht zu verwundern über Taten wie die, deren man mich beschuldigt. Da es nun so bestellt ist, so habe ich, wenn der Hunger an mich herantritt, nicht zu zögern, diejenigen Mittel anzuwenden, welche zu meiner Verfügung stehen, selbst auf die Gefahr hin, Opfer zu hinterlassen. Bekümmern sich etwa die Arbeitgeber darum, wenn sie Arbeiter entlassen, ob dieselben vor Hunger sterben? Alle diejenigen, welche im Überfluß schwelgen, bekümmern sich diese um die Menschen, welchen die notwendigsten Nahrungsmittel fehlen? Es gibt ja einige Leute, welche Unterstützungen verabfolgen, aber sie sind ohnmächtig, um den Millionen, die im bittersten Elend leben und nicht selten ihrem Leben freiwillig ein Ende machen, zu helfen. Ja, die Opfer dieser Gesellschaft sind zahllos. So hat die Familie Hayem und die Frau Sonheim gehandelt, welche ihre Kinder ermordete, da sie es nicht länger mit ansehen konnte, wie sie vor Hunger litten, und so handeln alle Frauen, welche, in der Furcht, dass sie ihr Kind nicht ernähren könnten, lieber ihre Gesundheit und ihr Leben in Gefahr bringen, indem sie die Frucht der Liebe frühzeitig töten. Und alles dieses passiert inmitten des Überflusses! In Frankreich, wo alles in Hülle und Fülle vorhanden ist, wo die Metzgerläden mit Fleisch, die Bäckerläden mit Brot überfüllt sind, wo die Kleidungsstücke, Schuhe usw. in unendlichen Massen in den Magazinen aufgetürmt liegen! Aber da kommen wieder andere und sagen: „Das alles ist wahr, aber unabänderlich. Sehe jeder, wie er durchkomme." Das habe ich getan. Ich wollte nicht Hungers sterben und wollte mich nicht mit dem Gedanken beruhigen, dass man mir nach meinem Tode ein paar mitleidsvolle Worte aufs Grab wirft. Ich überließ das anderen. Ich habe es vorgezogen, Schmuggler zu werden, dann Falschmünzer, Dieb, Mörder. Ich hätte betteln können; das ist herabwürdigend und feige, und das Betteln wird ja außerdem von euren Gesetzen bestraft, welche aus dem Elend ein Verbrechen machen! Wenn alle Bedürftigen, anstatt abzuwarten, da nehmen würden, wo etwas ist, und zwar ganz gleich durch welches Mittel, dann würden die Gesättigten vielleicht viel schneller verstehen, dass es Gefahr in sich birgt, die heute bestehenden sozialen Verhältnisse zu verteidigen, in welchen die Ungewissheit permanent und das Leben jeden Moment bedroht ist. Man würde wahrscheinlich viel eher einsehen, dass die Anarchisten Recht haben, wenn sie sagen, dass, um die moralische und physische Ruhe zu erhalten, es notwendig ist, die Ursachen zu zerstören, welche die Verbrechen und die Verbrecher erziehen. Deshalb habe ich die Taten vollbracht, deren man mich beschuldigt, und die nur die logische Konsequenz des barbarischen Zustandes eurer Gesellschaft sind. Man sagt, dass man grausam sein muss, um seinen Nebenmenschen zu töten; aber diejenigen, die so reden, sehen nicht, dass man sich nur dazu versteht, um nicht selbst den Tod zu erleiden. Sie, meine Herren Geschworenen, welche aller Wahrscheinlichkeit nach mich zum Tode verurteilen werden, handeln geradeso wie ich; Sie verurteilen mich, weil Sie glauben, dass es eine Notwendigkeit ist. Sie schaudern, wenn Sie von einem Mord hören; aber Sie zögern keinen Augenblick, zu morden, wenn Sie bedenken, dass der Mord zu Ihrer Sicherheit erforderlich ist. Der einzige Unterschied, der zwischen uns besteht, ist der, dass Sie ohne persönliche Gefahr morden, während ich meine Freiheit und mein Leben dabei aufs Spiel setzte. Meine Herren! Sie sollten nicht sowohl die Verbrecher verurteilen, als die Ursachen der Verbrecher vertilgen. Es wird immer Verbrecher geben; heute vertilgen Sie einen, morgen werden zehn neue geboren. Was ist da zu machen? Das Elend abzuschaffen, diesen Keim des Verbrechens. Und wie leicht ist das zu realisieren! Es genügt, die Gesellschaft auf einer neuen Basis aufzubauen, wo alles Gemeingut ist, und worin jeder, indem er nach seinen Anlagen und Kräften produziert, nach seinen Bedürfnissen konsumiert. Dann würde man weder Leute antreffen, wie der Einsiedler von ,Notre - Dame - de - Grace', noch solche, welche betteln gehen um eine Münze, dessen Sklave und Opfer sie gleichzeitig werden! Man würde keine Frauen mehr finden, welche ihre Körper verkaufen und keine Männer mehr wie Pranzini, Prado, Berland, Anastay und andere, welche um dieser Münze willen Mörder geworden sind! Das beweist sonnenklar, dass die Ursache aller Verbrechen immer die nämliche ist, und dass man wirklich wahnsinnig sein muss, dieses nicht einzusehen. Ich bin nur ein einfacher Arbeiter ohne Bildung; aber weil ich das Leben und die Existenz des Elends miterlebt, fühle ich die Ungerechtigkeit eurer repressiven Gesetze weit besser, als ein reicher Bourgeois. Woher nehmen Sie sich das Recht, einen Mann zu töten oder einzusperren, welcher, auf die Welt gesetzt mit dem Bedürfnis, zu leben, sich in die Notwendigkeit versetzt sah, zu nehmen, was ihm fehlte, um sich zu ernähren? Ich habe gearbeitet, um zu leben und um den Meinigen zum Leben zu geben, und so lange, wie ich und die Meinigen nicht über das Maß gelitten haben, bin ich geblieben, was Sie ,ehrlich' nennen. Dann ging die Arbeit aus, und mit der Arbeitslosigkeit kam der Hunger. Da erst hat sich das Naturgesetz geltend gemacht, diese imperative Stimme, welche keine Replik duldet; der Instinkt der Selbsterhaltung trieb mich dazu, etliche von den Verbrechen zu begehen, deren Sie mich anklagen und deren ich mich schuldig bekenne. Richten Sie mich, meine Herren Geschworenen; wenn Sie mich aber verstanden haben, indem Sie mich verurteilen, richten Sie alle Unglücklichen, welche das Elend, alliiert mit dem natürlichen Stolze, zu Verbrechern machte, und welche mit einem glücklichen Auskommen ehrliche Leute geblieben wären! Ich wünsche, dass Sie, die Sie mich zum Tode verurteilen werden, das Andenken an diesen Spruch so leicht tragen möchten, wie ich meinen Kopf unter das Messer der Guillotine legen werde!" Eine Weile waren alle drei stumm. Hans nagte an seiner Unterlippe, Karl blickte mit weiten Augen ins Leere. Marguerite weinte, und sie war die erste, die wieder sprach. Sie trat auf Hans zu und streckte ihm die Hand hin. Dazu sagte sie voll warmen Gefühls nur das eine Wort: „Hans!" Er berührte flüchtig ihre Hand und ließ sie gleich wieder los. „Na ja. Was hilft mir das?" Er deutete auf Karl. „Da sieh deinen —" „Hans! „Was denn? Jetzt wollte ich wahrhaftig ganz brav sein. Sieh nur deinen Mann! Wohin schaust du denn, Karl?" „Ich kann nicht anders," rief Karl Starkblom mit einemmal laut. „Ich liebe diese Menschen. Ich komme nicht los davon." „Wovon denn?" „Vom Sozialismus. Ich glaube daran." „Hm. Nicht übel. Ich vielleicht auch. Ich weiß es wirklich selbst nicht. Ist auch egal. Wir erleben's nicht." Karl schaute wieder. Marguerite und Hans ließen ihn gewähren und schwiegen. „Marguerite, rasch," rief Karl plötzlich ängstlich. „Papier, Tinte! Rasch. Ich könnte es vergessen." Und er lief im Zimmer hin und her. Marguerite holte das Nötige und Karl schrieb stehend rasch ein paar Zeilen. „Ich habe noch etwas zu sagen," sprach er dann, „ich habe noch etwas auf dem Herzen. Ich will wieder reden zu den Menschen!" „Was hast du vor?" fragte Marguerite. „Wieder ein Heft?" „Ja. Lies den Zettel nur. Du ahnst vielleicht, was mir vorschwebt." „Bitte, Marguerite, lies vor. Ich darf doch?" fragte Hans. „Gewiss, gewiß." Nun entzifferte Marguerite langsam das hastig Geschriebene. „Utopien, das wäre vielleicht eine Aufgabe, der ich gewachsen wäre, Utopien zu schreiben. Ausbau von allem, wozu jetzt die Ansätze da sind: Psychologie, Technik, Kunst, Stadt und Land, Verkehr, Geselligkeit, Familie, Natur. Kurz: alles sagen." „Das gefällt mir," meinte Marguerite. „Das kannst du." „Ihr seid glücklich, meine Herrschaften," sagte Hans plötzlich aufstehend. „Und ich werde mich später vielleicht über euer Glück freuen, und wenn der Onkel Hans an eurem Feuer sitzt und euer Kind auf seinem Schenkel reiten lässt, dann sagt er wohl schmunzelnd: ,Kinder, das verdankt ihr alles mir. Ich habe euch zusammengekuppelt.' Vorerst sind wir aber noch nicht so weit und ich gehe jetzt. Adieu, Bruder — viel Glück — nein, ich mein's wirklich ernsthaft, ich kann mir nicht helfen. Aber gehen muss ich jetzt schleunigst. Wegen des Hotels, es wird sonst zu spät. Also —" „Adieu, lieber Hans, ich hoffe bestimmt, wir sehen uns später wieder. Und wenn du einmal —" „Ganz richtig, wenn ich Geld brauche, schreibe ich." „Hoffentlich. Ich bitte dich, aber auch ohne das zu schreiben." „Auch das halte ich für sehr wahrscheinlich. Manchmal eine Zeile, manchmal ein halbes Buch. Wie's kommt. Nun denn —" „Lieber Hans, leb wohl," sagte Marguerite leise und schickte sich an, sich zu ihm zu beugen. Hans aber trat einen Schritt zurück und blitzte sie mit seinen kleinen Äuglein scharf an. Dann sprach er mit leicht bebender Stimme: „Nein, Marguerite, was du zum Empfang verfehlt, machst du zum Abschied nicht wieder gut. Jetzt will ich keinen. Mitleidsküsse schmecken nicht. Ich erinnere mich noch zu gut — weißt du. Also, na denn, adieu!" Er schüttelte ihr die Hand, nickte Karl nochmals leicht zu, dann nahm er seinen Hut und ging rasch zur Türe hinaus. Man hörte noch, wie er im Gang und auf der Treppe die Marseillaise zu trällern anfing und plötzlich mit einem Fluch abbrach. Dann reichten sich Karl und Marguerite die Hände und schauten sich verlegen lächelnd an. Endlich sagte Marguerite leise: „Hätten wir nicht doch lieber — nein, es geht nicht. — Liebst du die Einsamkeit?" „Ob ich die Einsamkeit liebe?" brach Karl mit starker Stimme aus. „Ich hasse sie. Aber ich brauche sie. Hier sitzen und Bücher lesen und schreiben und schreiben und schreiben und dann sich mit dem Drucker herumzanken, Korrekturen lesen — glaubst du wirklich, das sei das Leben, das mir innen in meiner Seele vorschwebte, als ich wieder anfing ein Mensch zu sein und mir zu gehören? Nein, nein, das Bild werd' ich nicht los, das ich als Knabe vor dem Einschlafen schon immer sah: Ein mächtig zusammengedrängter Volkskörper, der nach vorwärts schießt, und ich mitten drin, und doch über ihm als Redner und Sänger und Prophet und Führer. Ach, was ist das für eine jämmerliche Krämerzeit, in die wir hineingefallen sind, wir wissen wahrhaftig nicht, warum. Auch jetzt, wenn ich schreibe, wie ich reden und singen und jubilieren möchte — aber auch jetzt — ich wende mich immer an Menschen, die ich nicht sehe, ich ahne, zerstreut in der Welt, hier und da, müssten sie sein, die mich hören — aber ich kenne sie nicht, ich habe sie nie gesehen. Was ich sehe von den Menschen und ihren Einrichtungen und ihrem Gebaren — das glaubt kein Mensch, wie mich das anekelt. Weißt du, ich habe oft das Gefühl, ich müsse mich krümmen und winden können vor Widerwillen, dass mir das Innerste nach außen gekehrt würde. Aber ich will nur — die Kraft habe ich nicht." Er schwieg ein wenig, dann fuhr er mit leiserer Stimme fort, indem er ihre Hand fasste. „Jetzt ahnst du vielleicht, Marguerite, was du mir bist. Seit ich lebe, der erste Mensch, vor dem mir nie geekelt hat; was du auch begannst und was wir auch zusammen taten, es war mir immer natürlich und immer schön, und ich glaube, so wird es bleiben. Aber weißt du, was das heißt und was du mir bist? Das einzige Wesen, mit dem ich leben kann, das ich mir gleich fühle. Ach, ich bin nicht mehr jung genug für die Einsamkeit. Ich möchte einen Kreis von Menschen um mich haben — ach, ich bin ja so bescheiden geworden — an Millionen und Abermillionen leuchtender Menschengesichter will ich ja nicht mehr denken, ich verzichte auf die Tausende, dass ich hundert finde, ich kann's nicht glauben, aber zwanzig Menschen vielleicht, die mir anstehen, die möchte ich manchmal um mich haben, zwanzig Menschen, mit denen ich oft zusammen bin, die ich gern haben kann, die aus aller Herren Länder sich um mich finden zu persönlichem Verkehr — zwanzig Menschen, in deren Umgebung sich meine Lippen nicht bös im Ekel verzerren müssen — ist das zu viel verlangt, Marguerite?" Sie drückte seine Hände stärker. „Vielleicht finden wir sie, Karl. Einen so nach dem andern. Hans?" „Du nimmst mir das Wort aus dem Munde. Ich dachte eben an ihn. Ich glaube, ich habe ihn recht verstanden, und ich meine, ihn müsste ich immer gern haben können. Vielleicht kommt er später wieder. Vielleicht. Dass er jetzt ging, ist doch gut. Nicht, Marguerite? Fürs erste brauchen wir ihn wirklich noch nicht." Dabei lächelte er. „Es war ein langer Tag heute, Karl. Willst du noch nicht zur Ruhe gehen?" „Geh nur voran einstweilen, Marguerite. Aber öffne vorher die Fenster, beide. Dann will ich noch ein wenig hier allein bleiben und vielleicht fange ich schon an mit der Arbeit. Und wenn der Fluss unten rauscht und die Nachtluft auf breiten Wogen hereinströmt, und der Wald der tausend Bäume harmonisch ertönt, will ich davon träumen, ich spräche zu meinem Menschenvolk und es antworte mir feierlich in brausendem Zuruf, und die Natur habe ihre Sinne geöffnet und sei eins mit uns Menschen. Ich danke dir, Marguerite. Einstweilen gute Nacht." Marguerite ging leise aus dem Zimmer, und Karl Starkblom stellte sich ans offene Fenster und schaute lange ins Dunkle und auf die winzigen in der Ferne zuckenden Lichter und hielt in Träume verloren seine Hand hinaus ins Freie. Sechster Abschnitt Utopien von Karl Starkblom Meiner lieben Frau und dem kommenden Kinde gewidmet Ich erkläre es feierlich, und wie ich hoffe, vor Zeugen: Ich habe mich nicht erschossen noch sonst irgendwie ums Leben gebracht. Und ich werde mich nicht erschießen oder sonst mir den Tod bereiten, solange ich noch Lebenskraft in mir fühle, Lust zu wirken und zu genießen. Eine Frau ist zu mir getreten frühmorgens im Sonnenschein. Sie hat im weiten Kreis den Arm bewegt und hat mir die tauglitzernde Welt erschlossen. Sie hat mir gesagt, es sei etwas herrlich Schönes ums Leben, und im Nu habe ich dasselbe empfunden. Ich liebe das Leben, und ich liebe dich, Marguerite. Und sie wird mir ein Kind gebären und wir werden beisammen bleiben. Wir werden gewiss noch lange nicht sterben. Meint ihr, ich sei auf eure Weide heimgekehrt, ihr grasenden Bürgerseelen? Frohlockt ihr über das verirrte Schaf, das spät in der Nacht doch noch den Weg zum Stalle gefunden und nun mit freudigem Meckern zu seiner Krippe springt? Fürwahr, ich will eure Schafställe und Heuschober euch anzünden, dass die Funken sprühen und ein loderndes Feuerwerk gen Himmel prasselt. Ihr Erbärmlichen, was wagt ihr zu leben neben uns wenigen, die das Leben in Schmerzen begriffen haben? Euer Dahinkriechen, wäre das der vielberufene aufrechte Gang? Eure kleinen Freudlein, wäre das der Jubelbraus des Daseins? Glaubt ihr, eure Zahnschmerzen (denn das sind doch die heftigsten eurer Kümmernisse), die machten euch das Leben verständlich? Ihr saftlosen Lauwarmen, ihr wisst ja nichts von der Kälte der Todesnähe und von der siedenden Glut des neu schießenden Lebens. Geht mir weg! Geht weit weg. Bleibt hinten, denn ich will vorwärts blicken und heiter jauchzen und lachen. Ich würde mich dennoch erschießen und qualvoll verzerrten Gesichtes dies schöne, ja dies schöne Leben lassen. Es würde mich nicht dulden auf Erden. Nicht eine Stunde mehr. Ja, auch jetzt ersticke ich schier und werde zerrissen von dieser entsetzlichen Qual und Schmach. Ich würde mich töten, wenn ich meinen Glauben nicht hätte. Euch also will ich fragen und mit meinen Blicken bohrend anstieren, ihr Skeptiker und ihr Unmoralischen, die ihr mit mir geht auf einsamer Höhe so manchen Weg und so manche Verneinung: Wie könnt ihr leben? Wie ertragt ihr es, trotz eurer Fähigkeit schön zu genießen, nicht längst von eigener Hand gestorben zu sein? Und ich frage euch, so ungern und zögernd ich euren Namen in den Mund nehme: ich frage euch, ihr Christen, wie ertragt ihr es, da zu sein in Freude und Wohlleben? Ihr einen habt gar keinen Glauben, und ihr andern habt keinen irdischen Glauben — ich frage euch und ich beschwöre euch: antwortet mir und sei es nur stammelnd: ihr wisst, worauf euer Leben und eure Behaglichkeit ruht, euch ist bekannt, dass Millionen armselig vegetierender Sklaven für euch arbeiten und euch ermöglichen, so da zu sein, wie ihr da seid — wie könnt ihr das Leben ertragen? Ihr Skeptiker, ihr seid keine Löwen, lüget nicht, ihr seid nicht Unmensch noch Übermensch, ihr glaubt nicht, dass das zu ändern sei, ihr meint ehrlich zu wissen, dass das Elend und die Erbärmlichkeit unausrottbar ist, und ihr schämt euch nicht, dass ihr lebt? Ihr schämt euch nicht eurer Freuden und des hohen Genusses eurer Geistesschmerzen? Ihr ertragt es zu leben? Das frage ich wieder und immer. Und ihr — ihr — nun, sei es denn nochmals gesagt, ihr Christen, ihr tragt blendend weiße glänzende Wäsche an eurem Leib, die ihr nicht verfertigt und ihr nicht gewaschen, ihr klimpert in der Tasche mit güldnen Dukaten, ich sage nicht, die ihr nicht verdient, ich sage nur, die andern mangeln, ihr seht Not und Elend in millionenfacher Masse aufgetürmt, ihr seht Schmutz und Unrat, durch den ihr nicht waten müsst, ihr seht Schweiß auf Stirnen, den ihr nicht schwitzet und ihr nicht einmal ab wischen könnt, und euch duldet es so zu leben, wie ihr lebet? Wahrlich wäre ich Christ und glaubte an das Himmelreich, und glaubte, dass Not und Kummer unabwendbar von Gott gefügt sei in diesem Jammertal — ich wollte mein redlich gewogenes Teil Not und über und über gehäuften Kummer, ich wollte Sklave sein und mich abrackern und stöhnen und hungern, und wäre ich unter den Ärmsten, so wollte ich immer noch tiefer, tiefer hinab zu den Elendesten und Jammervollsten. Ihr aber seid Herren und ihr könnt es? Ihr esst Braten und Kuchen, und ihr erstickt nicht? Ihr seid sauber und anderer Schmutz frisst sich nicht tief in euer Fleisch? Ihr habt einen Pfennig mehr als der letzte Knecht, und er brennt euch die Seele nicht ab? Ihr lebt? ihr genießt? und andere sterben vor Not? Ihr atmet leicht und tief in eurer Sommerfrische, und andere quält die lungenfressende Sucht in dumpfem Kellergelass? Das vermögt ihr? Ihr ertragt es zu leben? Jetzt, Sprache, das Wort! Das rechte Wort. Ich finde es nicht. Ich ringe und suche — o ihr Schufte! Ihr Jammerseelen! Ihr — ihr, ihr Lumpe! Ihr — ihr Gesindel! Und damit speie ich euch weit von mir, ihr Namenlosen; seit urlanger Zeit zum ersten Male habe ich nicht über euch weggesehen; jetzt aber seid ihr mir wieder tot. Tot? Nein. Ich atme das Wort schnell wieder in mich zurück. Der Tod ist zu gut, um euch verdauen zu können. Das Auge sieht euch nicht, und kein Ohr vermag euch zu hören; Menschenzunge und Gaumen weigert sich euch zu schmecken. Unfassbar seid ihr und nicht zu begreifen; aber ein Gestank herrscht überall; nicht auf der Erde, nicht im Wasser noch in der Luft; im Feuer lebt ihr so wenig, wie Feuer in euch. Ein namenloser, wesenloser Gestank — das seid ihr mir. In recht schlechte Gesellschaft habe ich euch gebracht, meine geliebten Skeptiker und Unmoralischen. Aber solltet ihr es nicht etwas um sie verdienen? Gewiss, auch ihr seid mir ein wenig anrüchig. Denn ihr lebet und tätet besser zu sterben. Und das sage ich euch in Liebe und aus Erbarmen. Nervöse Schwächlinge seid ihr und wollt doch auf eure Schultern laden, was Tyrannen und Riesen aus eherner Vorzeit und wilder Renaissance nicht vermocht hätten. Ihr seid nicht blind, aber ihr könnt es nicht sehen. Ihr seid nicht taub, aber ihr könnt nicht davon hören. Von der unteren Schichte nämlich. Ihr glaubt sie ewig und unabweisbar — aber man soll euch in Ruhe lassen. Wie reimt sich das? Sie pocht an eure Tore und lässt sich nicht abweisen. Und wenn die untere Welt, wie ihr sagt, nicht gehoben werden könnte, dann würde doch die obere zerstört werden müssen. Ihr würdet wahnsinnig werden, nicht einzelne, nein, ihr alle würdet dem Irrsinn verfallen, bis ihr doch endlich euch zum Sterben entschlösset, verrückt machen würde euch das ewige immer verstärkte Klopfen und Scharren und Schreien und Tosen. Meint ihr, das könnte je wieder enden? Der Glaube wäre kindisch. Wer nicht mehr an den Vater im Himmel und ans ewige Leben und die gerechte Vergeltung glaubt, und doch elend ist, wie er nicht sein möchte, der hört nicht auf mehr zu rebellieren und müsste die Erde darüber in Trümmer fahren. Wer nicht an das Jenseits glaubt und nicht im Fette sitzt — und die werden bald alle nicht mehr daran glauben — der glaubt an die Erde und an die lebendige Freude und an die werdende Schönheit. Das bleibt und kommt immer wieder, und klopft und zertrümmert — bis die Stätte zurechtgehauen ist, wo alle im Geiste zu leben vermögen — weil nämlich der Körper und sein Leben und seine Pflege selbstverständlich geworden ist. Und jetzt, meine skeptischen Freunde, jetzt habe ich euch, wo ich euch wollte. Schon lange sehe ich auf euren Lippen das sichere Lächeln eines trefflichen Einwandes. Erhebet eure Stimmen, nur zu! Was wollt ihr mir entgegenschleudern? Aha — allerdings, das, gerade das habe ich erwartet. Ihr sagt mir, ich sei wieder zurückgegangen, ein roter Krebs sei ich wieder geworden, und die Utopie, die ich eben gezeichnet, die habe ich früher schon in prächtigen Farben gemalt und doch wieder weggewischt mit dem Schwamm des Todes. Dies Reich der Freiheit, der graziösen Leichtigkeit der Bewegung, dies Reich der Schönheit und des trunkenen Fluges — das sei das Reich der Philosophie; in jener Welt, die freilich möglich sei, müsse die grinsende Frage herrschen: wozu das Ganze und nochmals wozu? und keine Antwort gebe es, ewig keine. Und der Massentod der Menschheit sei es, der nun kommen müsse, kommen mit Naturnotwendigkeit. Jawohl, das habe ich gekündet; ihr habt es gut behalten. Und nun, da ihr da seid, wo ich euch wollte, nochmals frage ich euch: Warum lebet ihr? warum sterbt ihr nicht? Ihr glaubt nicht an das Reich der Schönheit und der Freiheit aller Geborenen, ihr fühlt euch nicht eins mit dem Streben der Knechte diesem Ziele entgegen, wie wagt ihr zu leben? Was? Ihr habt auch eure Marguerite und auch noch euren Genuss? Ihr Sklavenhalter, dann sollen sie euch auspeitschen, die auch genießen möchten und es nicht können. Oder glaubt ihr nicht, es sei dem Sklaven auch ein Genuss, seinen Herrn und Vorenthalter zu prügeln? Ich will euch sagen, was mir das Recht gibt, so zu euch zu reden und so von der Höhe auf euch herabzusehen. Ich bin eine glitzernde Welle im Strom und tummle mich froh dem Meere entgegen; ihr aber seid nur ein unwillig mitgerissenes Stück faulenden Holzes, das sich nach dem sandigen Ufer sehnt, um da in der Sonne zu trocknen und zu verdorren. Ich liebe nicht nur mich selbst und mein Spielzeug — „Weib" heißt die glänzendste eurer Vergnügungen — ich rausche mit im grünenden Wald, und meine Genossin ist kein zart mich umrankender Efeu, der langsam aber sicher mit seiner Umkosung die stärkste Eiche ins Mark hinein verdirbt, ich und sie, Baum neben Baum, recken uns stolz in die Höhe, und unsere Wipfel neigen sich bald zart, bald feierlich zueinander und flüstern und küssen und reden und träumen. Ich habe gelernt Mensch zu sein und die Menschheit wieder zu lieben; ich stehe mitten drin und mache mit — vorwärts geht es und immer vorwärts. Ich glaube ans Ziel, ich glaube an den Ernst und an die Schönheit, ich fühle mich eins mit den Knechten und fühle mich eins mit dem All! Ich lebe! Ich habe das Recht zu leben. Das könne jeder sagen, schmunzelt ihr mir zu mit widerlicher Vertraulichkeit. Das sei eine Ausrede. Mir gehe es wie jenen Namenlosen, die auch den Armen an Leib und Geist das Himmelreich versprächen und selber mit dem Diesseits und dem irdischen Genuss sich vergnügten. Himmelreich oder Zukunft, das sei ein und dasselbe. Auch das habe ein gewisser Starkblom früher mit allen Glocken verkündet. Dem Genuss und der Freude entsagen, gleich dem Elendesten müsse ich, wenn ich ehrlich sei, alles der Gesamtheit zu opfern sei meine Pflicht. Alles oder nichts — so heiße es hier. Jawohl — viel Wahrheit steckt in eurem Hohne. Das ist es auch, und das allein, was unser Lächeln verbittert und uns einhüllt in das graue beklemmende Gewand der Melancholie. Unser Leben ist widerspruchsvoll, jawohl, ein untrennbares Gemisch aus Festklammern an süßer Gegenwart und Hinaussehnen nach herrlicher Zukunft. Seit das Leben nichts anderes mehr ist als Erdenwandel und Welt der Sinne, gibt es keine ruhige Konsequenz mehr in unserm Dasein. Das ist und bleibt das Erste und das Vorderste und das Tiefste: ich bin ich und ich lebe und will mein Glück! Hineingeflochten in das wirre Gewebe und Gestrebe unruhiger, qualvoller, drängender, stoßender Zeit hauen wir um uns, um unsern Platz zu erringen, wir können nicht anders. Ich bin ich! Jetzt lebe ich und niemals in Ewigkeit wieder. Ich habe meine Stätte und ich will sie behalten. Ich aber kann so nur leben, wenn ich mich leidenschaftlich schäme, dass ich so leben muss. Ich stehe nur auf diesem Boden, wenn ich gleichzeitig rastlos daran arbeite, ihn zu erschüttern und abzugraben. Ich kann nur genießen, indem ich glaube, dass die Traube bald allen winkt. Ich kann nur andere für mich arbeiten lassen, indem ich mitarbeite aus all meiner Kraft für die kommende Zeit, wo es keine Herren und Knechte mehr gibt. 0 wenn ihr diese Widersprüche und ihre Notwendigkeit nicht versteht, dann gehet weg von mir und weg aus dieser Zeit und weg aus diesem Leben. Leicht ist es, die tausendfarbige, vieltönende Welt der Erscheinung mit flüchtigem rohem Drucke in eine Formel zu pressen. Leicht ist es, die Welt, wie sie heute ist, für ewig auszuschreien. Und leicht war es, ich gestehe es ein, diese Welt der Vernichtung preiszugeben und den Tod zu predigen allem was lebt. Jetzt aber predige ich Leben, Leben für heut und alle Ewigkeit. Solange ich lebe, fühle ich mich eins mit allem was lebt. Solange ich da bin, sehe und denke ich als Mensch für die Menschen. Klar will ich nicht sein, meine Freunde. Aber ich ahne vieles und ich sehe Ahnende sich um mich versammeln und mit mir ziehen auf meinem Wege. Ich bin nicht zurückgewandelt zu den Moralischen und werde es nie. Vieles hasse ich und verneine ich mit euch wie früher und immer; eingeschworen bin ich auf keine Formel und keine Partei; aber Mensch bin ich unter Menschen, solange ich lebe; wirken will ich in Raum und Zeit für das Wachsen der Menschen und das Blühen der Erde; vieles verneine ich, aber ich bejahe mit frohem Jauchzen das Leben. Denn abgesagt habe ich dem ewigen Denken und damit dem Tod; ich träume und tummle mich, ich genieße meinen Leib und meine Seele, ich genieße meine Nächsten und genieße mein Ahnen des Entferntesten. Ich fühle meine Kraft und spüre das leidenschaftliche Hinausschleudern meiner Triebe und all meines Innern. Alles Einzelne hat mir gedroht in grauer Nichtigkeit zu versinken: die Natur und das Treiben der Menschen, die Technik und die Produktion der Bedürfnisse, die Wissenschaft und die Kunst. Und jetzt ist mir alles wieder interessant. Meine Augen sind nicht mehr beschattet von dumpfer Betrübnis, ich öffne sie weit und beschaue mir ernsthaft die Welt. Mein Denken ergießt sich wieder über die Erde, ich träume hinein in unmessbare und unaussprechliche Fernen, alles will ich wieder bewältigen und alles mit meiner Sprache beherrschen. Frei und unbekümmert nehme ich Stellung zu allem, was sich mir naht, und ich lege mein Bekenntnis ab über alles, was mir bekannt wird. Und das ist es, was ich von euch verlange, ihr Führer der Völker: Ihr sollt bekennen! Und ein zweites ist es, was ich von euch verlange, und seltsam nimmt sie sich vielleicht aus in meinem Munde, diese Forderung: Ihr sollt nüchtern sein! Damit meine ich euch vor allem, ihr Träumer und Dichter und Künstler und ihr Männer der Wissenschaften. Fasset in euer Auge mit einem weiten Blick das Panorama der Kultur, das sich eröffnet mit den Namen: Voltaire, Kant, Goethe, Byron, Schopenhauer. Und dann blickt mir auf das zweite Bild: Dampfmaschinen, Dampfschiffe und Eisenbahnen, Elektrizität und rationelle Landwirtschaft. Welcher Umschwung in der geistigen Kultur entspricht dieser riesenhaften Veränderung im Verkehr und in der Herstellung der Bedürfnisse des Lebens und des Genusses? Und welcher sollte ihr entsprechen? Und welcher wird ihr entsprechen? Sehet das zweite Bild, wie ich es euch male: Geistesrohheit des emporgekommenen Philistertums, geistlose, ekelhafte Genusssucht, barbarische Kampfbereitschaft der Völker gegeneinander, ungeheure neue Heere geistig und leiblich aufs entsetzlichste vernachlässigter moderner Sklaven, gewaltiger Aufschwung der Feigheit und Heuchelei und des Aberglaubens, dem Wahnsinn nahe Vereinsamung fortgeschrittener Künstler und Denker. Ächtung der freien Moral, des freien Gedankens, des freien Wortes — des freien Lebens. Ekelhaftes, sinnezerstörendes Gesamtbild aus der Vogelperspektive! Ihr sollt bekennen, ihr Dichter und Führenden, die Hand sollt ihr in die Lüfte recken zum Fluch über dies gemeine Geschlecht, die Geißel sollt ihr schwingen über die Rücken dieser Böotier! Und nüchtern sollt ihr sein, ihr Träumer und Denker, nicht fürder auf romantischem Ross zu blauen Wolken emporsprengen, die Welt sollt ihr schauen so wie sie ist, gewahren sollt ihr die Wirklichkeit und in ihr erblicken, was möglich ist und was werden muss. Und euren Willen sollt ihr mir wecken und satteln, anspornen sollt ihr ihn und kühn hineinreiten in das Land der Zukunft. Begraben sei immerhin der Pegasus mit seinen angeschnallten Gänseflügeln, wenn nur das Dampfross für euch lebendig wird und der Dampfpflug Europas Boden schüttert für fruchtbaren Samen. Glück sollt ihr säen für kommende Menschen, und schaffende Hoffnung auf endlich und endlich reifende goldene Saat ist die Freude des Säemanns. Ich glaube nicht an ewige Wahrheiten, und ich sehe vorerst noch nichts davon, dass die Menschenvernunft mächtiger ist als die im Zufall rollenden Welten. Sonne, Mond und Sterne gehen heute wie immer und morgen wie heute ihren lachenden Gang, ohne nach uns zu fragen, und winzige Tierchen und Pflänzchen bauen ihre Geschlechter auf unzählige Menschenleichen. Und stets noch beginnt die Welt mit jedem Kinde von neuem, und über dem Wechsel der Generationen wie dem Lauf der Gestirne waltet der Zufall. Noch lange wird alles Bedenken über den Haufen gerannt von ungezügelter treibender Leidenschaft, und die unsinnige Summe viel kleiner Selbständigkeiten nennt sich Geschichte. Noch unendliche Zeit wird der schwerste Kampf aller Kämpfe währen: der Streit zwischen Geistesfreude und Geistesweh, und oft noch möchten wir vernünftig sein und können es nicht, möchten wir gedankenlos fließen und müssen bedächtig schreiten. Aber wer will leugnen, dass sie noch nicht tot ist, die Göttin der Vernunft, sondern erst beginnt sich zu dehnen und auf sich selbst zu besinnen? Dass des achtzehnten Jahrhunderts Ausgang immer wieder erwacht und alle Jahrhunderte zwingt, in seinen Bahnen zu wandeln? Dass der Zufall auf allen Gebieten, wo er sich nur betreten lässt, zäh bekämpft wird auf Schritt und Tritt? Dass vor allem die Organisation der Arbeit schon an der Schwelle der Erfüllung steht, die nur von freien Lebendigen überschritten werden kann? Dass eine Organisation der Geselligkeit auf eisernen Schienen uns näher und näher gleitet, die gewaltige Menschenkomplexe zu einer Familie macht? Dass Wissenschaft und Kunst mit einer Erziehung schwanger gehen, die Untergang schwemmt über jahrtausendalten Aberglauben? Es gibt Revolutionen, die man zu machen aus Versehen vergessen hat; wer glaubt nicht, dass die nahende Revolution eine gründliche sein kann, dass ihr Strom jahrtausendalten Unrat mit sich fortspült? 0 ihr, die ihr an die allmähliche Entwicklung glaubt, vieles und Gewaltiges hat sich schon lange langsam angebahnt, und die Stufen, die ihr wähnt, erst noch betreten zu müssen, sind längst schon hinter uns, ohne dass ihr es gemerkt. Was tut es, dass ihr dann auf einmal in der Versenkung verschwunden seid; wenn wir nur oben stehen! Wem viele Dinge selbstverständlich sind, der folge mir nach. Das Wort, das ich einst gesprochen, ich wiederhole es heute. Den Sozialismus aber habe ich immer für möglich gehalten und seine Erfüllung für selbstverständlich. Aber ich habe ihn unsagbar gefürchtet, weil mir das Leben ein Gräuel war, und weil ich sah, dass mit seiner Ankunft das Innerste des Lebens nackt vor uns daliegen müsse. Und ich habe auch jetzt nichts gegen den Tod; auch jetzt noch zu Zeiten naht mir die Stimmung, wo meine Seele helle Lieder jauchzt ihm zum Lob und Preis. Tröstlich und ein erquickendes Labsal ist die Erinnerung, dass ich frei sterben kann, wann immer es mir so gefällt. Verdorren möge mir Hirn und Zunge, wenn den Tod ich jemals verleumde! Aber verheimlichen wir es uns doch nicht länger; unsere lächelnden Augen verraten es ja doch: wir haben alle das Leben unsagbar gern! Und wir machen uns alle ein Bild von der Welt nach unserm Willen, und wir wollen alle wirken, um die Erde umzugestalten nach unserm Herzen. Wenn wir denn alle eine heimliche Geliebte haben, laßt uns doch kämpfen, um sie zu erringen! Wenn wir doch alle den Todesgedanken in all seiner Hoheit erfaßt haben, lassen wir sie doch fallen, die kleinliche faltenreiche Gewandung ewiger Rücksichten und unsterblichen Philistertums. Das Wort ist so alt und will doch immer wieder gesprochen sein: Da wir doch alle nur einmal leben und nach unserm Tod für menschliche Welt und menschlichen Geist nicht mehr vorhanden sind, sei doch ein jeder unter uns so groß und so frei, so wohlgemut und so leichtsinnig, so ernst und so kühn, als ihm in seiner Seele zuinnerst beschieden ist! Kennt ihr die Geschichte von der heimlichen Geliebten des Jünglings? Er war zaghaft und wagte nicht, sich ihr zu nähern. Und er machte lange Jahre Reisen in fremden Ländern, um sie zu vergessen. Das aber war ihm nicht beschieden, und im stillen war seine Sehnsucht übermächtig gewachsen, und mit eins erhob sich wieder in ihm ihr Bild und wich nicht mehr von ihm und drückte in seinem Herzen, dass es laut aufschrie. Da kehrte er zurück nach seiner Heimat. Wie er sie aber wieder vor sich sah in ihrer leuchtenden Schönheit, mit der hohen Anmut ihrer Gestalt und ihrer Bewegungen, die viel wunderbarer war in ihrer farbigen Wirklichkeit, als ihm die blasse Erinnerung gezeichnet hatte, da presste er voll scheuer Angst vor der spröden Schönen seine Seele zusammen und machte sein Herz klein. Aber als die Sehnsucht seines Blutes nicht mehr zu bezwingen war, da schlich er sich in einer mondlosen dunkelblauen Nacht in ihr Schlafgemach. Lange betrachtete er da die feinen Züge der Schlafenden und blickte halb betäubt auf das wogende Schwellen der Brüste. Da konnte der keusche Jüngling sich nicht mehr bezwingen, und leise, leise, ganz langsam, dass das Bettuch nicht knisterte und sie nicht erwachte, legte er sich neben das schlafende Mädchen und er presste die gekreuzten Hände wider seine Brust, und das Blut schlug ihm donnernd an seine Pulse und Blitze sprühten vor seinen Augen. Und sein Atem ward immer kürzer und stoßender, und seine Haut brannte wie Feuer und wollte es nicht leiden, dass ein Raum war zwischen ihm und dem kühlen rosigen Leib des Mädchens. Da konnte er nicht mehr, er presste seine Lippen fest zusammen und hielt seinen Atem an. Und nachdem er einige Zeit nicht mehr geatmet hatte, öffneten sich seine Lippen langsam und die Hände fielen ihm schlaff von der Brust, und sein Blut hämmerte nicht mehr und sein Fleisch war nicht mehr heiß. Und als die heimliche Freiheit morgens erwachte, da lag der zage Jüngling, der sie hätte erringen können, tot und kalt neben ihr auf ihrem Lager. Auf denn, meine Gefährten, es ist nicht wahr, was man euch in fremden Ländern versichert hat, die Freiheit sei tot und sei nur noch ein verblichenes Wort, es ist nicht wahr, sie lebt immer wieder und verkörpert sich jedem in einer besondern Schönheit. Lasst uns denn endlich heimkellren in ihre Lande und um sie werben, und todesmutig, das heißt lebensfreudig für sie kämpfen! Seht nun das dritte Bild, das ich euch male! Ein Festtag. Verlassen steht heute die riesige Produktionszentrale mit ihren ungeheuren Anlagen, in der die Knaben und Mädchen, die Männer und Frauen der weiten Gegend sonst ihre Vormittage verbringen. Frühmorgens schon verließen die Menschen heute ihre Villenkolonien, um in kleinen Gruppen auf ihren Dampfwagen und elektrischen Kutschen unter Gesang und Musik nach den weiten Versammlungsstätten zu fahren. Dort zerstreuen sie sich in den Kunsthäusern und Wissenschaftshallen, den Spiel- und Tanzplätzen, und wieder andere erquicken sich an Wein und Speisen. Später, gegen Mittag, füllt sich dann der große Versammlungsplatz, und hier werden öffentliche Dinge besprochen und erledigt, neue Erfindungen und wissenschaftliche Aufstellungen werden mitgeteilt, und oft bekämpfen sich die Vertreter gegensätzlicher Meinungen scharf und entschieden. Inzwischen haben die Knaben und Mädchen sich bei den Spielen getummelt und herüber hinüber in keckem Rufen und Haschen neue Bekanntschaften geschlossen. Nachmittags mag man sich wohl wieder in kleinere Gruppen trennen, man fährt und geht und schaut spazieren, man rudert auf dem Flusse oder man fliegt im Ballon oder sonst wie in die blauen Lüfte hinauf. Wenn die Sonne sich zum Untergang neigt, haben sich neue und alte Liebespaare längst gefunden, und hier und da in Korn und Hecken liegen sie wohl in traulichem Gespräch oder in heißer Umarmung. Abends wenn es kühl wird, bedecken die Menschen wohl ihre Nacktheit mit den Tüchern. Die Dunkelheit führt sie wieder enger zusammen auf dem breiten Rasen, dem hier und da manchmal Leuchtkugeln und Raketen entfliegen. Im übrigen denkt man heute und meistens nicht daran, den Tag künstlich zu verlängern, man ist froh, dass das Dunkel seine blauen Fittiche um die Erde schwingt. Feierlicher und erhobener werden nun die Gespräche und die Gesänge, und nun erheben sich auch nicht mehr gesehen die Dichter in der Menge und tragen ihre neuen Werke, die ihnen in den Mußestunden gediehen, zum ersten Male vor, und alte vielbegehrte wiederholen sie manchmal mit neuen reizvollen Wendungen geziert. Tief in die Nacht hinein bleibt man so beieinander, bis man, wenn es warm genug ist, einschläft so wie man da ist, oder auch aufbricht, um die Behausungen zu erreichen. So aber wird es ganz gewiss nicht kommen, sonst hätte es keinen Sinn danach zu streben! Es kommt immer anders, und vielleicht sind auch die Gedanken, die mir innen in meinem Kopfe wohnen und wachsen, ganz andere als die sich mir hier im freien gestaltet haben. Ihr glaubt mir doch, dass ich noch die Kraft habe, manchmal unglücklich zu sein? Weh mir, wenn ich das nicht mehr könnte! Ein sonderbarer Unheiliger hat mich jüngst besucht, meine Freunde, und als ich ihn deutlich besah, war es ein Teil meiner Selbst, das sich da vor mir aufgepflanzt hatte. Nur ein Stück eines Menschen war er und doch ein ganzer Kerl. Er sagte mir, der moralische Sinn in ihm sei längst und völlig erstorben, er habe nur noch ein Prinzip: wenn er von einer menschlichen Einrichtung nicht wisse, warum sie sei, bemühe er sich das Gegenteil zu tun, ganz zwecklos, nur aus Prinzip, zu seiner seltsamen Freude. Er wisse nicht, warum der Mensch nicht lügen und töten solle; Rücksicht auf Menschen kenne er nicht und Gott sei ihm nicht vorgestellt; also wolle er lügen und töten. Wenn man das Wort überhaupt anwenden wolle, das sei dann seine Moral: die äußerste Konsequenz seines Denkens zu ziehen. Es sei freilich schwer, vielleicht vollbringe er es auch nicht, aber dann wandelte ihn eine Art Scham an, obwohl auch das altmodisch sei. Meine Freunde, ich habe euch in dieses harte Eisland geführt, um euch eine Grenze zu zeigen. Hier ist die Grenze des Begriffs und des Worts und der Logik. Wer bis dahin gekommen ist mit seinem Denken, der muss sich hier entscheiden: will er ein Kalter sein oder ein Warmer? Da ist das Land der eiskalten Sprache und Logik, und keine Widerlegung gibt es auf diesem Boden. Wer ihn betritt, der muss in den Spuren dieses Mannes wandeln, kein Ausweg zeigt sich ihm mehr. Wer aber nicht in diesen Wahnsinn frieren will, der kehre um und wende seinem Denken den Rücken, solange es Zeit ist. Ich bin kein Moralischer, aber ich bitte euch doch: Seid nicht boshaft! Ihr seid auf einem falschen Wege zu weit vorgegangen; wollt ihr den rechten Punkt finden, so müsst ihr wieder ein wenig zurück. Ihr seid zu früh daran mit eurer nackten Vernunft. Es ist noch nicht Zeit, die Seele erfrieren zu lassen. Tut nichts, dessen Ende ihr nicht wenigstens ahnen könnt. Hütet euch vor der geistigen Bosheit! Seid lieber manchmal noch ein Tier! Das ist es, was ich von euch verlange, ihr Träumer und Denker: ihr sollt warm sein! Und das heißt mir soviel als: Ihr sollt keine einzigen sein, ihr sollt euch gesellen, ihr sollt lebendig leben und den Tod dem Tod überlassen. Ich will euch etwas sagen, meine Freunde, denn ich halte es nicht länger aus. Das Kichern und Lachen und Muren rauscht mir schon lange in den Ohren. Hinter meinem Rücken stehen zwei Arbeiter, und die lachen mich aus. Und eben sagte der eine zum andern: „Der dumme Kerl! Was schwatzt er nur für verdrehtes Zeug? Das eine wissen wir längst, beinahe schon vor unserer Geburt, und das andere ist uns ganz und gar unverständlich, und wenn er es uns tausend Mal vorkaut. Wir haben keinen Magen für so gewürzte Speisen." Der Mann hat recht, ganz und gar. Aber, ihr Arbeiter unter meinen Genossen, zu euch rede ich heute nicht. Freilich setze ich auf euch vor allen andern meine Hoffnung; wäret ihr nicht da, es wäre kein Übergang möglich zu dem, was wir wollen. Aber davon spreche ich heute nicht, ich habe noch viel auf dem Herzen und hoffe es alles mit der Zeit sagen zu können. Und „Übergang", so mag die nächste Schrift heißen, die ich euch sende, und darin rede ich dann von euch, vom Proletariat! Heute aber wende ich mich an ganz andere Menschen; heute rede ich zu der zweifelhaftesten und bedenklichsten Menschensorte, zu den Träumern und Denkern aus der bürgerlichen Welt. Es ist nicht der Vortrab des Bürgertums, es sind nur Vereinzelte, die sich seitwärts schlugen, dahin und dorthin, und die alle Gemeinsames haben. Ich kenne sie gleich, wenn ich sie treffe, an dem bittern Zug um die Lippen und dem heimlichen Lächeln ganz hinten in ihren Augen. Diese Jugend also rufe ich auf; sie nennen sich Abfall und Jahrhunderts-Ende, ich aber sehe noch viel Rettenswertes an ihnen, ich möchte sie sammeln im Felde der Zukunft; im Lager des Proletariats; die höchste, fast schon überdrüssige Kultur möchte ich vermählen der jungen raschen Kraft des vorwärtsstürmenden Aufschwungs. Ich bin ein alter Mann, aber — das sage ich heute mit frohem Stolz — ich habe erreicht, wonach ich mich so heiß gesehnt, ich bin wieder jung geworden, und ich empfinde mit der Jugend, nein, ich bin sogar ihr Vorschmack und Vorempfinder. Zugleich bin ich bei den jungen Zigeunern des Bürgertums, die ich aufmuntere, meine Wege zu betreten, und zugleich bin ich beim jungen Proletariat, dem ich die Freiheit bringen will, jetzt nicht die ökonomische Freiheit, die es selbst erringen wird, nein, die Freiheit des einzelnen, der kühn und unbesorgt allem entgegenblickt. Ich schwanke nicht von einem zum andern, in mir sind die Gegensätze vereint, und widerspruchsvoll ist nur das Wort, nicht das Leben. Mein Leben ist jung und reich, folge mir nach, wer kann! Nachwort Dies Buch hat ein Zwanzigjähriger verfaßt; zehn Jahre, nachdem es zuerst erschienen ist, gebe ich es von neuem heraus, weil es seine Leser bisher nicht gefunden hat. Reiflich überlegt finde ich, daß die beiden Gestalten des Buches, Starkblom und seine Marguerite, und auch der tolle Hans, der eine kleine Gastrolle gibt — vielleicht erzählt er uns seine Lebensgeschichte einmal ausführlicher — erst bekannt werden sollten, ehe sie der Vergessenheit verfallen. Jetzt, wo ich diese stürmischen Bekenntnisse aus qualvoller, glücklicher, tüchtiger und gottlob tapferer Jugend wieder gelesen habe, möchte ich mich fast wundern, wie ironisch die äußeren Erlebnisse dieses Starkblom erzählt sind. Die einzige Situation, die sich einem einprägt, ist die Szene, wie der Todesprediger sich abmüht, seinen Hemdkragen zuzuknöpfen. Friedrich Theodor Vischer und auch Gottfried Keller haben ersichtlich Pate gestanden bei diesem Buch, daß ein Vorbote jener großen Revolution war, die zu machen man am Ende des neunzehnten Jahrhunderts aus Versehen vergessen hat. (Die Müdigkeit und interessante Blässe, die einem Teil unserer heutigen Jugend so zierlich steht, kommt wohl auch von den großen Taten, die ihre Väter unterlassen haben.) Es ist also so etwas wie menschenfeindlicher Sozialismus, weltabgewandter Anarchismus, was in diesem Buche zu finden ist: Revolution, die nach innen geschlagen ist. Der Mann des Buches erlebt nach außen hin trotz all der Agitation, die von ihm berichtet wird, fast nichts; ihm leben in seinem Deutschland keine Menschen seines Gleichen; die Frau, die sich ihm gesellt, kommt ihm aus romanischen Ländern. Es sind Seelenvorgänge, was gestaltet wurde, phantastisch-visionäre Sehnsucht; und in der Entfernung, die ich dem Buch gegenüber heute einnehme, darf ich wohl sagen, daß manche Bilder dieser Visionen sehr schön sind.


Frühling 1903.